(Prof. Dr. Herbert Jankuhn)

Das 7. und 8. Jh. bedeutet eine Festigung der germanischen Macht in den Teilen Europas, in denen die Oberschicht stark genug war. Alle die Gebiete, in denen wir nur eine dünne germanische Herrenschicht kennen, gehen damals verloren. Kurz vor 800 aber bricht eine neue, große Völkerbewegung los, an der nur die nordgermanischen Stämme beteiligt sind. Als im Jahre 887 Dorchester an der englischen Küste überfallen und geplündert wird, und wenige Jahre später das Kloster Lindesfarne an der schottischen Küste das Ziel eines ähnlichen Zuges ist, da handelt es sich nicht um einfache kriegerische Ereignisse, sondern es sind die Boten einer neuen Zeit, die gekennzeichnet ist durch eine gewaltige Ausdehnung des germanischen Elements, die letzte, große Völkerwanderung, die wir aus der Vorzeit kennen. Wir sind gewohnt, diese Zeit als Wikingerzeit zu bezeichnen. Der Name ›Wiking‹ wird für die Nordgermanen angewendet, soweit sie auf einer Auslandsfahrt waren, und wir sind nicht in der Lage, die Entstehung und ursprüngliche Bedeutung dieses Wortes mit Sicherheit anzugeben.
Zunächst hat man versucht, die nordische Bezeichnung vik für Bucht zur Erklärung heran-zuziehen und in den Wikingern Leute zu sehen, die aus dem an Buchten reichen Norwegen nach Westen fuhren. Daß ein Teil der Wikingzüge aus der Gegend des Oslofjordes kam und dieses Gebiet den Namen Viken führte, schien die Annahme zu bestätigen. Auch an eine andere Verbindung mit dem Worte vik-Bucht hat man gedacht. Indem man an die Kampfes-weise der Wikinger anknüpfte, glaubte man, daß das Auflauern von Kauffahrteischiffen in Buchten, aus denen man leicht vorstoßen konnte, ihnen diesen Namen eingetragen hätte. Ein zweiter Erklärungsversuch knüpft an das nordische Wort vig für Kampf an und sah in diesen Seefahrern die kampferprobten/kampffreudigen Männer.
Die Deutung des Wortes als Robbenjäger, die man, gestützt auf eine schwedische Dialektbezeichnung für Robbe, vorgeschlagen hat, ist allgemein abgelehnt worden, da die Robbenjagd ja keineswegs die typische Beschäftigung der Wikinger war. W. Vogel hat darauf hingewiesen, daß die Jahrhunderte vor der Wikingerzeit, in denen der Name zum ersten Male auftritt, gekenn-zeichnet werden, durch das allmähliche Aufkommen des Fernhandels, und daß durch diese wirtschaftliche Umwälzung die Entstehung von Stapelplänen bedingt war, in denen der Kaufmann jederzeit seinen Bedarf an Ware decken konnte und die Möglichkeit fand, auch sein Handelsgut abzusetzen. Diese wenigstens teilweise mit größeren Siedlungen verknüpften Stapelpläze hatten oft Namen, die mit -wic zusammengesetzt waren, wie Quentowic, Bardowic und andere mehr. Die Bewohner solcher Orte und die Kaufleute, die diese Plätze besuchten, hätte man schon lange vor 800 Wikinger genannt. Mit dem Anwachsen der in kriegerischer Absicht unternommenen Seezüge in der Zeit um 800, hätte das Wort dann einen Bedeutungswandel durchgemacht. Hatte man früher damit den friedli-chen Kaufmann bezeichnet, so wurde es jetzt zum Begriff des die Meere beherrschenden Seekriegers.
Vielleicht hat sich dann im Norden diese Bedeutung mit dem Worte vik = Bucht verbunden. Dieser erneute germanische Vorstoß aus den alten germanischen Kernlanden bricht aber nicht unvermittelt los. Schon in den Stürmen der Völkerwanderung hören wir von Seezügen der Sachsen, die bis an die fränkische Küste vordrangen und dort einen großen Schrecken auslösten. Vom sagenumwobenen Zuge des nordischen Königs Hygelac, den die fränki schen Quellen als Chochilaicus kennen, wissen wir, daß er vom Norden ausging. Aber es waren nicht nur einzelne Kriegszüge, sondern auch ― wie in späterer Zeit ― wirkliche, auf Landnahme gerichtete Volkszüge. Die Besetzung der Hebriden, der Orkney- und Shetland-Inseln von Norwegen aus, fällt vor die eigentliche Wikingerzeit. Auch von Schweden ging schon in der späten Völkerwanderungszeit ein Vorstoß nach Südosten aus, in das Gebiet, das also auch später, in der Wikingerzeit, das Kolonisationsgebiet für Schweden war. Und im Süden schiebt sich seit 500 etwa das Dänentum von Skandinavien nach Südwesten vor. Alle diese Bewegungen (Abb. unten) sind fast nur aus den Funden zu erschließen; schriftliche Quellen gibt es dafür nur wenige, denn die von der Landnahme betroffenen Gebiete kannten eine eigene Geschichtsschreibung nicht.
In diesen einzelnen Vorstößen deutet sich die neue, kommende Bewegung an, aber erst als die Züge Gebiete trafen, die eine eigene Geschichtsschreibung hatten, da trat auch für den Westen erkennbar der Norden aus seiner Isolierung heraus. Rein zufällig ist also die aufgeschriebene Überlieferung zurückgehende Kenntnis der Wikingerzüge. Die Bewegung setzt viel früher ein, sie schwillt im Laufe der Jahrhunderte an und erreicht ihren Höhepunkt im 9. und 10. Jh. . Die Scheide zwischen Völkerwanderungszeit und Wikingerzeit um 800 scheint also sehr willkürlich, und doch behalten wir sie bei, weil in dieser Zeit ein stilistischer Wandel im Norden Platz greift, der eine neue Epoche einleitet.
Die innere Entwicklung des Nordens war in ähnlichen Bahnen verlaufen, wie die des kontinentaleuropäischen Germanengebietes. Hier kann man zum ersten Mal unter dem außenpolitischen Druck des römischen Angriffskrieges den Ansatz zur Bildung größerer Stammesverbände erkennen. Arminius und sein germanischer Gegenspieler Marbod versuchten die Schaffung größerer über den Einzelstamm hinausgreifender Verbände. Wenn auch diesen Versuchen kein nachhaltiger Erfolg beschieden war, so deuten doch diese ersten, aus germanischem Denken erwachsenen Staatenbildungen, die kommenden Entwicklungen, die über die Bildung von Großstämmen zur Schaffung von Stammesstaaten und schließlich zur Begründung des Universalreiches unter den Karolingern führt. Hier wurde unter Karl dem Großen und seinen Vorgängern der aus der germanischen Ideenwelt stammende Gedanke des Stammesstaates verknüpft mit der dem germanischen Denken ursprünglich fremden Idee des römischen Imperiums. Einen ähnlichen Vorgang kann man auch im Norden beobachten.
Skandinavien hatte in dem großen Ringen an Rhein und Donau zur Zeit der Römerkriege abseits gestanden. Die Übersiedlung ostgermanischer Stämme nach dem Festland in den letzten Jahrhunderten vor Beginn unserer Zeitrechnung hatte die Volkskraft des Nordens für ein halbes Jahrtausend gelähmt, und erst um 500 n.d.Z. beginnen sich wieder neue Kräfte zu regen. Um 500 erscheinen im westlichen Ostseebecken als ein fremdes Volkstum die Dänen, die aus ihrem Heimatgebiet in Schweden nach Westen zu vorstoßen und wahr-scheinlich auf der Insel Seeland das erste dänische Reich gründen, mit dem der Königssitz von Leire und die sagenumwobenen Gestalten des Hrodgar und Hrowulf aus dem Beowulf-liede verknüpft sind. Es ist die erste dänische Reichsgründung, die sich hier auf den dänischen Inseln vollzieht, und an die sich nur in der dänischen Heldensage Erinnerungen erhalten haben. Trotzdem aber müssen wir es hier mit einer historischen Realität zu tun haben. Nach dem Verfall dieses Reiches von Leire wissen wir nichts von den Vorgängen im westlichen Ostseegebiet, bis dann schon vor 800 die dänische Erobererwelle Jütland erreicht und etwa bei Schleswig im Süden zum Stehen kommt. Dieser Vorstoß von Norden nach Süden fällt in eine Zeit, in der eine entgegengesetzte Bewegung von Süden nach Norden erkennbar wird. Im Jahre 799 marschiert zum ersten Male das Frankenheer drohend an der Elbe auf, 802 und 804 greift Karl der Große das letzte sächsische Bollwerk, das nord elbische Sachsengebiet an. Als er im Jahre 809 durch die Gründung der Burg Esesfelth an der Stör mit der Eroberung des nordelbischen Gebietes ernst zu machen scheint und damit in eine bedrohliche Nähe des dänischen Gebietes vorstößt, sehen wir, daß unter diesem von Süden kommenden Druck sich eine Festigung der dänischen Macht an der Schlei vollzieht. Das zweite Dänenreich, dessen Entstehung an den Namen Göttriks verknüpft wird, verdankt seine Ausbildung dem von Süden herkommenden Druck und ist aus einer Abwehrstellung gegen diesen Angriff entstanden. Nach einer kurzen Zeit der Offensive gegen das Franken-reich wird Göttrik ermordet, und unter seinen Nachfolgern löst sich sein großes Reich, das nicht nur Dänemark, sondern auch Norwegen umfaßte, in einzelne kleine Machtbereiche auf. Die endgültige Auflösung erfolgte aber nicht von Süden aus, wo unter den Nachfolgern Karls des Großen ein ähnlicher Vorgang wie in Dänemark zu beobachten ist. Als in der großen Niederlage bei Löven an der Dyle im Jahre 891 das große Normannenheer vernichtend geschlagen war, scheint das gewisse Rückwirkungen auch auf das Heimatland gehabt zu haben, denn wir sehen, wie in jenen Jahren dem Dänenreich ein neuer Gegner entsteht, ein schwedisches Königsgeschlecht, das aus Mittelschweden kommend, das alte Machtzentrum Haithabu besetzt und von hier aus ein kleines schwedisches Kolonialreich auf den dänischen Inseln und in Mittel-Schleswig aufbaut. Mit der zunehmenden Erstar-kung des deutschen Gebietes in der Zeit Heinrich I. wird auch das Interesse am Norden lebhafter. Als der deutsche König im Jahre 933 die Ungarngefahr gebannt hat, greift er nach Norden über. Der alte Mittelpunkt des dänischen Festlandreiches Haithabu wird der Sitz eines sächsischen Markgrafen, und wieder lastet auf der dänischen Südgrenze ein starker deutscher Druck.
Da entsteht aus der Not dieser Jahre ein neues dänisches Reich, geschaffen von einer im mittleren Jütland beheimateten Königsfamilie, die in Jellinge ihren Ursprung hatte. Noch heute stellen die Grabhügel von Jellinge mit den dazwischen stehenden Runen-steinen eines der großartigsten Denkmäler nordischer Vorzeit dar. Von hier ausgehend haben Gorm und Thyra und nach ihrem Tode ihr Sohn Harald die in der Zwischenzeit überall entstandenen kleinen Fürsten der Zentralreichsgewalt unterworfen und nicht nur Dänemark geeinigt, sondern auch, wie Harald in der großen steinernen Urkunde, die der Jellinge Runenstein darstellt, stolz sagt „Norwegen unterworfen und ganz Dänemark geeinigt“.

BILD 1
Bildfegende:
Das Aufgreifen der Nordgermanen vor der Wikingerzeit

Die Ansprüche auf die südlichen Teile Norwegens, die schon zu dem Reich Göttriks gehört hatten, hat Harald mit Erfolg durchgesetzt. Der Einigung des ganzen, ursprünglich zum Herrschaftsgebiet Göttriks gehörenden Dänenreichs stand noch die deutsche Herrschaft an der Schlei entgegen. Beim Tode Otto I. schien der Zeitpunkt gekommen zu sein, auch dieses Stück an sich zu reißen. Aber durch das tatkräftige Eingreifen Ottos II., der 973/74 nach Norden vorstieß, wurde dieser Versuch vereitelt.
Als aber neun Jahre später durch die Niederlage in Süditalien die deutsche Kaisermacht zusammenzubrechen drohte, und alle Gebietserwerbungen östlich der Elbe im großen Slavenaufstand verlorengingen, da wurde auch das Haithabureich aus dem deutschen Reichsverband herausgelöst, wenn auch erst anderthalb Menschenalter später ein offizieller Verzicht auf dieses Gebiet durch Konrad II. ausgesprochen wurde. Damit war, ähnlich wie beim Reiche Göttriks, unter dem politischen und militärischen Druck von Süden her eine Reichsbildung vor sich gegangen, deren Zentrum jetzt, dem Zugriff von Süden stärker entrückt, in Jellinge lag. Die großartigen Grabdenkmäler sprechen noch heute von dem Herrscherwillen dieses Geschlechtes, das die Geschichte Dänemarks jetzt bestimmte. Unter Haralds Nachfolger Sven Gabelbart vollzog sich nun endgültig die große Umstellung in der dänischen Außenpolitik, die sich schon lange davor angebahnt hatte. War der große Gegensatz, der die Politik Göttriks bestimmte, die Spannung zwischen Dänen und dem Frankenreich, und war das Ziel der dänischen Wikingfahrten damals zu einem Teil wenigstens die fränkische Nordküste, so läßt sich, namentlich nach der Niederlage von Löwen, eine Umbiegung dieser Angriffsrichtung auf England erkennen.
Jetzt sind die britischen Inseln das Ziel der Wikingfahrten, und in der Gegend um York entsteht das neue Dänenreich auf englischem Boden.
Diese Bewegung wächst unter Sven stärker an. Er war derjenige, der die Wikingfahrten nach England zu einem ganz bestimmten System ausbaute, und als er 1014 starb, gehörte fast ganz England ihm.Die Vereinigung der britischen Inseln mit dem Norden aber erfolgte endgültig erst unter seinem Sohn Knut, dem ersten König, der Dänemark, Schweden, Norwegen und England regierte. Bei seinem Tode im Jahre 1035 begann sich dieses Reich aufzulösen und fiel unter seinen Nachfolgern in seine ursprünglichen Bestandteile auseinander. Als in der Mitte des 11. Jh. die Wikingzüge nach Westen abklingen, da war das Ergebnis des gewaltigen Kraft-
aufwandes, den die Englandfahrten für ein kleines Reich wie Dänemark bedeuteten, im Westen eine völlige Ausschaltung Dänemarks. Es blieb als Betätigungsfeld der dänischen Ausdehnungspolitik das westliche Ostseebecken, in dem die dänische Vormachtstellung erst durch die deutsche Hanse beseitigt wurde.
Eng verknüpft mit der Geschichte des dänischen Reiches ist die Geschichte Norwegens, dessen südlicher Teil wenigstens mehrfach zum dänischen Machtbereich gehört hat. Sie läßt im Großen den gleichen Verlauf erkennen, wie die Entwicklung im dänischen Gebiet. Als zur Zeit der Römerkriege durch den alexandrinischen Geographen Ptolemäus der erste Lichtstrahl historischer Überlieferung auf das norwegische Gebiet fällt, erfahren wir von einem Stamm, den Khaideinoi, die wir in der späteren Zeit als heidnir, die Bewohner der Landschaft Hedemarken in Norwegen, wiederfinden. Vom archäologischen Material her läßt sich kein Anhaltspunkt für eine Stammesbildung in dieser Zeit erkennen. Anders ist es mit den nächsten Nachrichten über Norwegen, die wir Jordanes verdanken, der für die Zeit um 500 unter anderem zwei Namen erwähnt, die einen gewissen Rückschluß auf politische Vorgänge in Norwegen erlauben. Er nennt die raumariciae und ragnaricii. Bezeichnungen, in denen man unschwer die späteren Stammesgebiete Romerike und Ranrike (vielleicht auch Ringerike) wiedererkennt. Während wir für das Gebiet von Romerike in der beginnenden Völkerwanderungszeit auf Grund archäologischer Funde keine Stammes-bildung erkennen, sprechen die archäologischen Hinterlassenschaften im Gebiet der ragnaricii für die Herausbildung einer reichen Bauernaristokratie. Die Zusammensetzung der Stammesnamen mit -rike (= Reich) lehren, daß wir hier, zwischen dem Beginn unserer Zeitrechnung und dem Höhepunkt der Völkerwanderung den ersten Ansatz zu einer über kleinste territoriale Einheiten hinübergreifenden Stammesbildung zu sehen haben. Wenn auch diese geschriebenen Andeutungen die Darstellung der Entwicklung Norwegens keineswegs erschöpfen, so sind sie uns doch willkommene Anhaltspunkte. Hier gestatten aber, wie kaum an einer anderen Stelle, die Bodenfunde eine Vervollkommung des historischen Bildes. Namentlich Shetelig und Brögger haben darauf hingewiesen, daß nicht nur im Gebiet des Oslo-Fjordes, sondern auch im norwegischen Westland die Völker-wanderungszeit die Periode des Zusammenschlusses zu größeren Stammesgebieten bedeutet, die man am besten als Bauernaristokratien kennzeichnet.Sie bilden anscheinend die Vereinigung gleichberechtigter Großbauernfamilien ohne besonderen politischen Ehrgeiz einzelner und stellen so eine innerlich ausgeglichene Stammeshildung dar. Erst als in den Jahrhunderten vor der Wikingerzeit das stärkere Ausgreifen des Nordens beginnt, da vollziehen sich auch im norwegischen Gebiet grundlegende Veränderungen.
Das Gleich-gewicht großbäuerlicher Zusammenschlüsse wird gestört durch das Eindringen eines Eroberergeschlechts, der Ynglinge, die aus ihrem Heimatlande, dem Svearike in Uppland vertrieben, sich im Oslofjord ein neues Reich schaffen. In der Landschaft Vestfold läßt sich der erste norwegische König dieses Geschlechtes Halfdan Hvitbein nieder (in der Nähe des Handelsplatzes Skiringssal). Etwas weiter nördlich nach Borre verlegt stehen bis heute noch die prachtvollen Königsgräber als Zeugen des Machtwillens, den dieses Geschlecht entwickelt hat. Aus diesem Geschlecht stammt der Einiger Norwegens, Harald Schönhaar, der in der Schlacht vom Hafsfjord die Selbstständigkeit des norwegischen Westlandes
brach und sich zum Einkönig von Norwegen machte. Das geschah im Jahre 872.
Hier sehen wir, (wie im Zentrum des dänischen Reiches von Jellinge), ein großes Denkmal des Geschlechts in Form der Grabhügel, die etwas ganz Neuartiges im Rahmen der bis dahin recht gleichmäßig ausgebildeten Gräber der Völkerwanderungszeit darstellen. Am treffendsten hat diesen Vorgang A. W. Brögger geschildert: „Dagegen hat das neue Königsgeschlecht in Vestfold, die Ynglingenkönige, das im 7. Jh. in die alte aristokratische Bauerngemeinschaft des südlichen Vestfold einbricht, ein ganz anderes Gesicht. In allen Ausdrucksformen (…) ist hier die Rede von Erobererkönigen aus kräftigerem Guß, die langsam ihre Ziele steigern und die großen Gedanken von Zusammenschluß und Eroberung in sich tragen. Die Grabstätten auf Borre, die Schiffsgräber von Oseberg und Gokstadt, sind ein umfassenderes Stück norwegische Geschichte des 9. Jh. als irgendwelche schriftliche Quellen geben können. Hier haben wir das mächtigste Königsgeschlecht des Landes, ihre ganze psychologische Einstellung liegt offen vor uns in solchen verschwenderischen Leichenbestattungen wie die der Königin von Oseberg und des Königs von Gokstad. Darin offenbart sich ein Überschuß an Kraft und Fähigkeit, der es verständlich macht, daß in solch einem Geschlecht der Reichsgedanke entstehen konnte. Hier ist etwas anderes und mehr als nur die Freude der Großbauern und der Gutsbesitzer an einer guten Bauern-wirtschaft. Hier handelt es sich um Häuptlinge, in denen politische Ziele durch Genera-tionen kultiviert sind.“ Zwar bestand das Werk Harald Schönhaars nur in einer losen Zusammenfassung der einzelnen bis dahin selbständigen Gebiete, und die Geschichte seiner Nachfolger ist gekennzeichnet durch den Kampf um die festere oder losere Gestaltung dieser Einheit, bis schließlich in der Zeit um 1000 ein immer festerer Zusammenhang entstand. Störend hat sich bei diesem Vorgang der Machtanspruch Dänemarks auf die südlichen norwegischen Gebiete ausgewirkt, dessen Entstehung wohl schon in die Völkerwanderungszeit zurückreicht. Auch hier wechseln Perioden der Schwäche mit solchen stärkeren Anspruchs ab. Göttrik war anscheinend unbestrittener Herrscher am Oslofjord, während unter seinen Nachfolgern dieser Anspruch nicht mehr durchgesetzt werden konnte. Und erst unter Harald Blaatand, dessen Schwester Gunhild mit Erik Blutaxt, dem Sohn des norwegischen Reichsgründers verheiratet war, wurde auf Veranlassung der vertriebenen Söhne Eriks der erfolgreiche Versuch gemacht, den dänischen Anspruch auf Südnorwegen durch Waffengewalt wiederherzustellen.
Darauf bezieht sich wohl die stolze Inschrift auf dem Runenstein Haralds in Jellinge, wenn er davon spricht, daß er Norwegen gewann. Die endgültige Einigung Norwegens geht Hand in Hand mit der Einführung des Christentums, das das norwegische Königsgeschlecht zur Grundlage seiner Reichsidee gemacht hat, ein Vorgang, wie wir ihn auch bei dem Schicksal der westgermanischen Stämme erkennen können. An die Namen zweier Männer knüpft sich die endgültige Gewinnung der norwegischen Einheit: Olaf Tryggvason, der in seiner nur fünfjährigen Wirksamkeit (995 bis 1000) die auseinander strebenden Kräfte fest zusammen-faßte, so daß auch die folgende, fünfzehn Jahre dauernde Reichsteilung diesen Keim nicht mehr ersticken konnte. Die endgültige Zusammenschließung wurde durch Olaf Haralds-sohn, (später heilig gesprochen), wesentlich gefördert.
Zwar dauerte es noch ein Jahrhundert bis es zur Entstehung eines norwegischen Nationalgefühls und einer Reichsidee kam, aber den Grund zur Einigung hatten die großen Wikinggestalten wie Harald Schönhaar und Olaf Tryggvason gelegt; in ihrer Zeit bedeutete rike die Macht des Einzelnen, seinen Einfluß und seine Gewalt, und erst in dem Maße, indem sich aus dem Einigungswillen eines einzelnen Geschlechtes eine das ganze Land zusammenschließende Idee entwickelte, verschiebt sich auch die Bedeutung des Wortes rike, das erst im späteren Mittelalter den Sinn Reich erhält.
Für die Geschichte Schwedens besitzen wir nicht im gleichen Maße wie für Norwegen und Dänemark Quellen aus dem Gebiet westeuropäischer Geschichtsschreibung. Denn das Interesse des europäischen Westens für Schweden war nur ein mittelbares. Beteiligte sich doch dieses Land nicht in so starkem Maße an den Westfahrten wie die anderen beiden nordischen Staaten. Von der Natur aus war der osteuropäische Raum als Interessengebiet für Schweden bestimmt und die wichtigsten und nachhaltigsten Unternehmungen richteten sich nach Südosten, gegen ein Gebiet also, das wie der Norden keine selbständige Geschichts-schreibung besaß. Nur dort, wo das Interesse des schwedischen Kolonialreiches in Rußland weiter nach Süden zu vorstieß, etwa nach Konstantinopel, finden wir historische Nachrichten über den Norden. Auch die nordischen Quellen selbst behandeln die schwedische Geschichte nur am Rande, da uns ja nur für die Geschichte Norwegens und Islands Berichte in größerem Umfange erhalten sind. Sie beziehen Schweden nur in den Fällen ein, wo die Geschichte dieses Landes mit den westnordischen Gebieten engere Berührung hatte.
In der beginnenden Völkerwanderungszeit dagegen haben wir auch für Schweden einige Nachrichten und erkennen als die beiden Hauptstämme des Landes die Svear und Götar, die einen in Upland, die anderen in Westergötland siedelnd. Von den Dänen und Herulern, die auch unter den Besiedlern Schwedens genannt werden, haben sich keine Reste in der späteren Zeit erhalten, da die Geschichte des Landes bestimmt war durch den großen Machtkampf zwischen Schweden und Gauten. Durch den Sieg der Schweden entstand das Svcarike, das heutige Sverige. Der Mittelpunkt dieser Reichsbildung liegt in Alt-Upsala, wo ähnlich wie in späterer Zeit in Jellinge und Borre ein großartiger Denkmalkomplex entstand.
Die mächtigen Königshügel von Alt-Uppsala sprechen noch heute von dem Herrscherwillen des Königsgeschlechtes der Ynglinge, die von hier aus die Zusammenfassung des schwedi-schen Gebietes begannen und nach ihrem angeblichen Sturz durch Ivar Vidfadme nach Norwegen zogen, um von Borre aus auch diesem Lande die Einheit zu bringen. Der Kultmittelpunkt aber blieb auch nach ihrem Fortgang in Alt-Uppsala, dessen großes Kultfest durch die Schilderung bei Adam von Bremen allgemein bekannt geworden ist. Und als nach einer Zeit der Fremdherrschaft dieses Geschlecht, wie Nerman vermutet, nach Schweden zurückkehrte, da hatte sich die Struktur des Landes gewandelt. Aus dem binnenländischen Reiche war ein Staat geworden, dessen Interessen über das Meer reichten und diesem Wandel trug auch die Wahl des neuen Königssitzes Rechnung. Er lag im Mälarseegebiet und zeigt damit die allmähliche Umstellung der schwedischen Politik. Um 800 herum wurde dann, wahrscheinlich durch König Erik, ein Königssitz auf der Insel Adelsö gegen-über der neu entstehenden Handelsstadt Birka begründet. Bei Hovgãrd liegt eine Gruppe von Königsgräbern, die in ihrer Anordnung ganz denen von Alt-Uppsala entsprechen. Drei Königshügel, Kirche und Dingplatz sollen sich hier in ähnlicher Anordnung wiederfinden. Es hat viel für sich, wenn man annimmt, daß der zurückkehrende Stamm des alten Königsgeschlechtes sich hier ein ähnliches Heiligtum und den Mittelpunkt seines neuen Reiches geschaffen hat, wie die Vorfahren in Alt-Uppsala.
Schon im 9. Jh. sehen wir die starken Interessen Schwedens im Osten, und wenn wir auch von den einzelnen Königen nur wenig wissen und kaum die Namen kennen, so müssen wir doch in gewissen Abschnitten eine straffe Zusammenfassung der schwedischen Macht annehmen. Als mit der Zeit Harald Gormssons die Großmachtspolitik Dänemarks begann, da sehen wir auch den Versuch, sich in Schweden festzusetzen, veranlaßt vielleicht oder gestützt durch den Anspruch eines vertriebenen Thronprätendenten Styrbjörn. In der Schlacht von Fyrisvall in der Nähe von Alt-Uppsala brach dieser Versuch zusammen. Nach dem Tode Haralds ging der siegreiche Schwedenkönig Erik mit dem Beinamen Sägersäll zum Angriff gegen Dänemark über. Und in der Zeit der Abwesenheit Sven Gabelbarts gelang es ihm, sich im Gebiet der Schlei festzusetzen. Gegen ihn mußte Sven bei seiner Rückkehr aus England im Jahre 995 kämpfen, und vielleicht sprechen die beiden Runen-steine des Königs Sven bei Haithabu von den Auseinandersetzungen dieses Jahres. Aber auch er hat sich nicht in diesem Unternehmen gegen den Westen erschöpft. Wir sehen ihn mehrfach in die russischen Verhältnisse eingreifen,und seine Ehe mit der Tochter Boleslavs von Polen enthüllt uns vielleicht weitere Pläne im Osten. Sein Sohn Olaf Skotkonung versöhnte sich mit dem Gegner seines Vaters Sven Gabelbart, und mit ihm vereint zog er gegen Norwegen, das diesem doppelten Angriff nicht gewachsen war. Die Freundschaft mit Dänemark blieb auch unter dem Nachfolger Svens, dem großen Knud bestehen, zu dessen Englandzuge vom Jahre 1015 auch Schweden Truppen stellte. In der Mitte des 11. Jh. stirbt das Geschlecht aus. Und in jener Zeit erfahren wir auch von den letzten Wikingzügen nach Rußland, die sich an den Namen eines Ingvar knüpfen, der in unzähligen Runensteinen weiterlebt.
Thronstreitigkeiten haben das nächste Jahrhundert schwedischer Geschichte angefüllt, und in dieser Zeit politischer Schwäche gehen die großen Ziele, die in der Wikingzeit lebendig waren, verloren, der Ostraum verliert sein Interesse, und wie Dänemark wird auch Schweden im weiteren Verlauf der Geschichte eine auf sein Landgebiet beschränkte Macht. Wenn auch von Zeit zu Zeit das Ziel, die Schaffung eines großschwedischen Reiches, wieder auftaucht, und wir in Männern wie Gustav Adolf oder Karl XII. späte Erscheinungen jenes Wikinggeistes sehen können. Diese 21⁄2 Jahrhunderte, von 800 bis 1050 ungefähr, sind nicht eine einheitliche Epoche germanischer Ausbreitung, sondern sie lassen sich ihrer Art nach in zwei wesentlich verschiedene Abschnitte zerlegen. Im 9. Jh. haben wir es in der Hauptsache mit kriegerischen Fahrten zu tun, die nicht nur die Küstengebiete Westeuropas, sondern auch die inneren Landesteile trafen, während das 10. Jh. im wesentlichen eine Festigung und einen Ausbau der neueroberten Gebiete mit sich bringt. Im Westen waren es besonders die Küsten des fränkischen Reiches, Englands und Irlands, die das Ziel der Wikingfahrten bildeten, und die dortigen Herrscher waren nicht in der Lage, diese Einfälle zu verhindern, in der Hauptsache deshalb, weil sie über keine Seemacht verfügten, auf deren Bestehen ja zu einem großen Teil der Erfolg der Wikinger beruhte. Nur eine Möglichkeit hatten sie, die Küsten zu sichern, nämlich durch die Belehnung wikingischer Fürsten, die aus verschiedenen Gründen außer Landes gehen mußten, mit ihren Küstengebieten. So ist in der ersten Hälfte des 9. Jah. Rüstringen dem dänischen Königssohn Harald zum Lehen gegeben, und auch Westfriesland sehen wir als Lehnsgebiet eines Wikingers mit dem Hauptsitz in Dorestad, jenem karolingischen Ausfuhrhafen nach dem Norden und Nord-westen.
In der zweiten Hälfte des 9. Jh. bedrängen Wikinger in ständig anwachsender Zahl das fränkische Reich, z. T. angelockt durch die innere Schwäche des Reiches, bis im Jahre 891 der Sieg Arnulfs von Kärnten über das Wikingerheer bei Löwen an der Dyleden Einfällen wenigstens für eine Zeit ein Ende setzt. Damals wird in verstärktem Maße England das Ziel der Wikingfahrten, und es entsteht das wikingsche Reich um York herum, Danelag genannt, nach dem Herrschen des dänischen Rechts. Als zu Beginn der 70er Jahre Norwegen durch einen Sproß des Vestfold Geschlechtes, zu einem einheitlichen Staat zusammengeschlossen wird, da wandert ein Teil der freien Großbauern, und zwar aus rein ideellen Gründen, weil er eine Unterwerfung unter den König nicht auf sich nehmen wollte, nach Island aus und begründet dort den isländischen Freistaat als eine vollkommen germanische Bildung. An den Zügen nach dem Westen waren im wesentlichen Dänen und Norweger beteiligt, während das Einflußgebiet der Schweden das Baltische Meer mit seiner Südküste und dem kontinentalen Hinterland bildete. Zwar kennen wir auch in jener Gegend dänische Kolonien, wie ja Dänemark geographisch sowohl nach der Nordsee wie ja auch nach der Ostsee blickt, die großen Neugründungen aber, die sich in jener Zeit in Osteuropa vollziehen, sind von Schweden geschaffen. Sehr frühzeitig schon sehen wir schwedische Wikinger in Rußland, wo sie im Jahre 839 als Gesandte in Byzanz erscheinen und in den 60er Jahren dringen sie dann in das osteuropäische Tiefland von Norden her ein. An den großen Strömen entlang führt sie ihr Weg, und so entstehen zunächst wikingische Fürsten-tümer im Norden Rußlands um Nowgorod, während ein anderes Geschlecht bis nach Südrußland vordringt und sich ein Reich mit der Hauptstadt Kiew schafft. Askold und Dir sind die überlieferten Namen der Führer. Hier waren es, wie es scheint, in der Hauptsache handelspolitische Gesichtspunkte, die für diese Landnahme ausschlaggebend wurden, denn es kam den Wikingern auf den Besitz der großen Handelsstraßen an, die durch die Ströme gebildet wurden, und damit bekamen sie den Weg vom Orient nach Nordeuropa in Besitz. Daß der Islam durch sein Übergreifen von Afrika nach Spanien das Mittelmeer zu einem arabischen Meergemacht hatte und die Möglichkeit einer Sperrung der Straße von Gibraltar geschaffen hatte, hat diesen nordischen Vorstoß wohl kaum ausgelöst. Mindestens im Norden Rußlands, im Reiche von Nowgorod, sehen wir aber auch eine starke, bäuerliche Kolonisation von Schweden aus, für uns heute erkennbar an den Grabfunden und an den nordischen Ortsnamen. In der 2. Hälfte des 9. Jh. vollzieht sich nun hier im Südosten eine stärkere Festigung der wikingischen Macht durch den Zusammenschluß der ursprünglich getrennten Herrschaftsgebiete um Kiew und Nowgorod zu einem einheitlichen Reich, dessen Lebensadern die großen Flußsysteme wurden.

BILD 2
Bildlegende:
Westfahrten der Wikinger (aus: Torsten Capelle: Die Wikinger, Kultur und Kunstgeschichte, 1988

Damit war die Voraussetzung für das russische Reich geschaffen, eine Tat schwedischer Wikinger, entstanden vielleicht als Fahrmännerstaat, aber im 10. Jh. und in der folgenden Zeit überführt in ein festes Staatsgebilde. 10. Jh.: Schaffung des polnischen Reiches durch Mieszko (mit seinem germanischen Namen: Dago). Schon dieser Name allein zeigt, daß die Gründung ein germanisches Unternehmen war, gestützt durch zahlreiche Funde wikin-gischer Herkunft in Polen, nicht wahllos durch das ganze Land verstreut, sondern haupt-sächlich an den großen Zentren politischen und militärischen Lebens gefunden und damit den Beweis dafür geben, daß das nordgermanische Element dort von großer Bedeutung war. Kleinere Staatengründungen am Südufer der Ostsee: die ältere Seeburg (Libau), verbunden mit einer gotländischen und einer schwedischen Niederlassung; wikingische Kolonie im Samland, (Funde aus Wiskiauten bei Cranz), in Elbing und die Jomsburg, (durch neuere Ausgrabungen wieder entdeckt).
In Wagrien, im nordwestlichsten Teil des slawischen Gebiets, fließt in dem Fürstengeschlecht wikingisches Blut, und wir erkennen das Vorhandensein eines nordgermanischen Elements an Funden (Puttgarden/Fehmarn). Die Ostsee ist ein nordgermanisches Becken, am Südufer umsäumt von einer Kette nord-germanischer Kolonien. Das nordgermanische Element dringt weiter ein in das Hinterland, (militärische Besatzungen, vielleicht bäuerliche Siedlungen). Im Westen Europas Schaffung eines normannischen Herzogtums in der Normandie. Von Island aus tritt im 10. Jh. Grönland in den Gesichtskreis der nordischen Seefahrer. Darüber hinaus kühne Fahrten der Nordgermanen bis an die Ostküste Nordamerikas, also 500 Jahre vor Kolumbus, von den Wikingern entdeckt. 11. Jh.: der Grund für das normannische Reich in Sizilien und Süd-italien ist gelegt. Über diese Staatengründungen hinaus drangen die Wikinger als Kaufleute noch weiter vor. Regelmäßige Fahrten nach Konstantinopel (zwei Handelsverträge zwischen dem wikingischen Großfürsten von Kiew und dem oströmischen Kaiser), aber auch über das Kaspische Meer in das Zweistromland, wo wir sie als Kaufleute in Bagdad und Basra finden.
Vier- oder fünfmal sah Konstantinopel wikingische Heere aus dem russischen Reich vor seinen Mauern, die der großen Stadt ― Miklagard d. h. Großstadt nannten sie die Wikinger ― einen Schutz gegen die Angreifer gaben.
Es ist also ein großes Gebiet, das den Nordgermanen jener Zeit erschlossen war, das im Südosten bis nach Mesopotamien und Konstantinopel reichte und im Westen nach Nordamerika ging, das sich von Nordafrika im Süden bis nach Grönland im Norden spannte. Über die Erschließung der neu eroberten Gebiete hinaus liegt die historische Bedeutung jener Zeit im wesentlichen in den Staatengründungen, die sich hier vollzogen, unter ausschließlichem oder doch maßgeblichem Anteil von Germanen.
So gewinnt im Osten zum ersten Male die große Welt des Slaventums eine Staatsorganisation, die von Germanen getragen wird. Dieser Einfluß läßt sich von der ersten Staatengründung auf slavischem Gebiet aus der Völkerwanderungszeit, dem Fürstentum des Franken Samo, über die Gründung des russischen und polnischen Reiches hinaus bis zur Berufung des Deutschen Ritterordens durch Konrad von Masovien verfolgen.
So bildet die Wikingerzeit die Fortführung einer Jahrtausende alten Entwicklung. Das machtvolle Ausgreifen über den europäischen Norden hinaus, das vielfach als eine ganz plötzliche Kraftentfaltung erscheint, stellt nur das Weiterlaufen einer schon uralten Bewegung im nordischen Raum dar. Erstmalig in der Steinzeit, dann sehr gut erfaßbar seit der jüngeren Bronzezeit, sehen wir den Norden immer wieder als das große Menschenreservoir, aus dem immer neue Züge nach Süden ausgehen, gefolgt von der ostdeutschen Kolonisation und später von England ausgehenden Eroberungen in anderen Teilen der Welt.

BILD 3-4
Bildlegende:
Die Handelsschiffe waren betont auf Ladekapazität und Seetüchtigkeit ausgerichtet, besaßen mehr Tiefgang, ein breiteres Deck und mittschiffs einen offenen Laderaum; Decksplanken und Riemen-pforten gab es nur an den beiden Enden. Es gab aber wenig Schutz für Mannschaft und Ladung. Oben: aus: James Graham-Campbell: Das Leben der Wikinger. Krieger, Händler und Entdecker, 1980. Unten: Zeichnung von Ânke Gustavsson.

BILD 5
Die auf den großen russischen Flüssen reisenden Wikingerhändler drangen weit nach Osten vor. Hier fanden sie Anschluß an die internationalen Karawanenstraßen und trafen fremde Händler mit Gütern aus so fernen Ländern wie China und Persien. Andere Wikinger trieben im Westen Handel mit England und dem Fränkischen Reich. (Aus: James Graham-Campbell, a.a.O.)