Karl Richter

Ich muß etwas weiter ausholen. Wladimir Putin ist persönlich ein bescheidener Mensch. Er bemüht sich um eine gesunde Lebensweise und folgt einem disziplinierten Tagesablauf. Er macht kein großes Aufhebens um seine Person und kokettiert auch nicht in der Öffentlichkeit mit seinen Hobbies und Vorlieben. Aber es gibt sie. Eine davon gilt dem Philosophen und Schriftsteller Iwan Iljin (1883 – 1954).

Iljin ist im Westen und speziell in Deutschland weitgehend unbekannt. Erst allmählich – und besonders nach dem russischen Einmarsch in der Ukraine im Februar 2022 – beginnt man sich verstärkt dafür zu interessieren, was Putin eigentlich umtreibt, wo die Inspirationsquellen seiner Politik liegen.

Einer der ersten, der dabei auf Iwan Iljin stieß, war der französische Publizist und Philosoph Michel Eltchaninoff, der 2015 sein Buch ›Dans la tête de Vladimir Poutine‹ (›Im Kopf von Wladimir Putin›) veröffentlichte, das mittlerweile auch in deutscher Sprache erschienen ist.

 

Eltchaninoff wartet darin mit der interessanten Information auf, daß Iljins Leichnam 2005 auf Putins Initiative hin in der Schweiz exhumiert und nach Rußland überführt wurde, wo er im Moskauer Donskoikloster beigesetzt wurde; dort sind unter anderem Puschkin und Solschenizyn bestattet, zwei Ahnherren der russischen Identität – wohlgemerkt: der nichtkommunistischen.

Ein Jahr später ließ Putin Iljins Nachlaß aus der Michigan State University holen. Und 2009 legte er im Beisein von Medienvertretern erneut Blumen an Iljins Grab nieder (unser Bild). Seither zitiert er ihn regelmäßig bei öffentlichen Auftritten als prominenten Ideengeber, und es ist nicht schwer, aus Putins programmatischen Äußerungen Iljins Vermächtnis herauszudestilieren.

Aber wer war Iljin? 1883 als Enkel des Kommandanten der Moskauer Palastwache und Sohn einer Deutschrussin geboren, stand ihm eigentlich eine hoffnungsvolle Zukunft offen. Zar Alexander III. war sein Patenonkel. Iljin studierte Jura in Moskau und schrieb 1918 seine Dissertation über Hegel. Doch die bolschewistische Revolution, die Rußland ins Chaos stürzte, änderte alles.

Iljin war Monarchist, überzeugter Christ und stellte sich von Anfang an gegen die Kommunisten. Als Unterstützer der „Weißen“ im Bürgerkrieg wurde er sechsmal verhaftet und und zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde nicht vollstreckt.

1922 wurde er aus der Sowjetunion ausgewiesen und ging zunächst Deutschland. Seine rund 50 Werke, die er auf Deutsch und Russisch verfaßte, wurden in der Sowjetunion verboten.

Im Exil wurde Iljin zum Vordenker der antikommunistischen Bewegung. Manche wollen in ihm den Begründer eines „christlichen Faschismus“ sehen, aber das greift zu kurz. Das Christentum ist zwar eine zentrale, aber nicht die einzige Konstante der Weltanschauung Iljins.

In seiner 1939 erschienen Programmschrift ›Die ewigen Grundlagen des Lebens‹ nennt er als weitere: Familie, Vaterland, Freiheit, Gewissen, Rechtsbewußtsein, Staat und Privateigentum. Es ist, man kann es verkürzt so sagen, die Ideologie Wladimir Putins, der auf einer der Waldai-Konferenzen der letzten Jahre als Leitlinie der Politik einen „moderaten Konservatismus“ empfahl und damit eine Antithese zum Werteverfall im Westen formulierte.

Im übrigen ist Putins Vorliebe für Iljin eines der stichhaltigsten Argumente gegen den Anwurf, der vor dem Hintergrund des Ukraine-Krieges gelegentlich zu hören ist, der Kremlchef sei „Neo-Bolschewist“ oder „Neo-Stalinist“. Nichts ist falscher, dümmer.

Für Deutsche ist Iljins Verhältnis zum Dritten Reich interessant. Wie andere russische Exilanten begrüßte er Hitler zunächst. 1933 veröffentlichte er einen Artikel unter der Überschrift ›Nationalsozialismus. Der neue Geist‹, in dem er die NS-Bewegung verteidigte.

Was hat Hitler getan? Er hat den Prozeß der Verbreitung des Bolschewismus in Deutschland gestoppt und damit ganz Europa einen Gefallen getan, stellte er fest.

Man dürfe die Ereignisse in Deutschland auch nicht aus der Sicht der Juden bewerten. Vielmehr stelle der Geist des Nationalsozialismus Deutschland vor schöpferische Aufgaben – ein Befund, dem man angesichts der katastrophalen Hinterlassenschaft der Weimarer Demokratie nicht widersprechen kann.

1934 erhielt Iljin allerdings Schreibverbot. Mit der Unterstützung des Komponisten Sergej Rachmaninow stellte er 1938 zusammen mit seiner Frau ein Aufenthaltsgesuch in der Schweiz und übersiedelte nach Genf. Aber noch 1948, nach der Apokalypse des Kriegsendes, war er weit entfernt davon, den Nationalsozialismus zu verteufeln.

Vielmehr analysierte er in einem Text unter dem Titel ›Über Faschismus‹ die „Fehler“ des Dritten Reiches und des italienischen Faschismus. Als Reaktion auf den Bolschewismus habe der Faschismus seine Berechtigung gehabt, schreibt er dort:

Der Faschismus hatte recht, weil er vom gesunden national-patriotischen Gefühl ausging.

Allerdings seien den Faschisten Fehler unterlaufen: ihre feindliche Einstellung zur Religion, Diktatur und militärischer Chauvinismus, das Monopol einer einzigen Partei.

Am Ende äußerte Iljin die Hoffnung, daß russische Patrioten die Fehler des Nationalsozialismus nicht wiederholen würden. In der Düsternis der Nachkriegszeit, während Stalins Panzer an der Elbe standen, war das eine kühne Vision. Doch Iljin war sich sicher, daß die UdSSR nicht das letzte Wort in der tausendjährigen Geschichte Rußlands sein würde. Sie hat ihm recht gegeben.

Als Iljins Hauptwerk gilt neben seinen lesenswerten Studien ›Die ewigen Grundlagen des Lebens‹ und ›Wesen und Eigenart der russischen Kultur‹ (1942) seine voluminöse Bekenntnisschrift ›Über den gewaltsamen Widerstand gegen das Böse‹, die 1925 im Berliner Exil entstanden ist.

 

    

Sie ist starker Tobak für alle Liberalen und Pazifisten, denn Iljin bekennt sich darin zur fallweisen Anwendung von Gewalt – dann nämlich, wenn „physische Nötigung und Unterdrückung“ die einzige Möglichkeit ist, dem Bösen zu widerstehen; das Gewährenlassen des Bösen wäre gleichbedeutend mit Teilnahme am Bösen.

Mit Blick auf die Bolschewiki forderte er zum Mut auf, „zu verhaften, zu verurteilen und zu erschießen“. Denn mit dem Bösen ist letztlich kein Arrangement möglich. Wenn nötig, muß man es im Hier und Jetzt bekämpfen und ausmerzen, frei nach dem Motto: es gibt nichts Gutes, außer man tut es. Die großen Dinge sind einfach.

Für deutsche Patrioten gälte es, Iljin als Steinbruch an immergültigen und wegweisenden Einsichten zu entdecken. In der breiten Draufsicht auf die russische Volkskultur, die russische Seele und das Wesen Rußlands ist er in Deutschland etwa dem „Turnvater“ Jahn, Ernst Moritz Arndt oder Julius Langbehn („Rembrandt als Erzieher“) zur Seite zu stellen.

Zumindest einige seiner Bücher sind in deutscher Sprache erhältlich. Die Lektüre lohnt sich. Sie bereichert und macht Mut in umnachteter Zeit, weil Iljin die ewigen, die wirklich wichtigen Werte beschwört: Heimat, Volk, Idenität.

Dieser Tage jährt sich Iljins Geburtstag, der am 9. April, nach gregorianischem Kalender am 28. März 1883 in Moskau geboren wurde.

Quelle: https://www.facebook.com/karl.richter.798