Thierry Meyssan
Entgegen dem, was uns unsere Medien glauben machen wollen, ist die Islamische Republik Iran kein totalitäres Regime – genauso wenig wie das unsere. Der Iran ist eine weitaus ältere Zivilisation als der Westen. Seine Bewohner besitzen Eigenschaften, die uns fehlen. Wir sollten nicht nur nicht stolz darauf sein, sie auszulöschen, sondern wir sollten auf ihre Stimme hören.
Wir erleben fassungslos einen Krieg neuer Art, ohne ihn zu verstehen. Mehrere Phänomene prallen aufeinander und verwirren unser Verständnis:
♦ Einerseits sind wir fasziniert von der militärischen Überlegenheit des Westens, die unsere Länder fünf Jahrhunderte lang zu Herren der Welt gemacht hat. Wir können nicht akzeptieren, daß arme Leute zivilisierter sein könnten als wir. Doch die Iraner haben weder Interesse an unserem Komfort noch an unserem Luxus. Dabei sind sie ein Volk von Ingenieuren, wissenschaftlich weit besser ausgebildet als wir.
Ihre Zivilisation zeichnet sich in erster Linie durch einen eisernen individuellen Willen aus, von dem wir keine Ahnung haben. In iranischen Museen sieht man Kunstwerke, an denen Künstler ihr ganzes Leben lang gearbeitet haben. So etwas gibt es bei uns nicht, da wir glauben, daß kreatives Schaffen und konzentriertes Arbeiten unvereinbar sind. Sie denken Zeit in großen Zeiträumen, niemals von Tag zu Tag.
Das zweite Merkmal ihrer Zivilisation ist bekannter: Sie richten ihr Leben nach ihrer Wahrnehmung spiritueller Realitäten aus. So waren unsere Gesellschaften am Ende des Mittelalters und in der Renaissance organisiert, heute jedoch nicht mehr. Wir halten das für einen Fortschritt, doch sie nicht.
Diese beiden Merkmale führen dazu, daß sie das Bewußtsein höher schätzen als den Rausch.
Natürlich haben sie dieselben Schwächen wie wir. Zum Beispiel gibt es im Iran genauso viele Drogenabhängige wie im Westen. Aber im Westen finden wir das normal und reagieren nicht, wenn Politiker kokainsüchtig sind. Für Iraner erscheint das unvorstellbar.
♦ Wir sind so von uns selbst eingenommen, daß wir die iranische Kultur unterschätzen. Der Iran ist eine große Zivilisation, seit dem ersten Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung, lange vor dem Athen des Perikles, zu einer Zeit, als wir nur verstreute Stämme waren. Unsere diesbezügliche Unwissenheit ist ganz normal: Während unseres Studiums haben wir von dieser Kultur nur im Zusammenhang mit den Perserkriegen gehört. Wir kennen vage die Schlachten von Marathon, bei den Thermopylen und bei Salamis. Mehr nicht. Wir sind zu Recht stolz auf den Siegeszug der Griechen, der ihrer Einigkeit und ihrer List zu verdanken war. Doch dabei ist es geblieben.
Die iranische Zivilisation ist ihrerseits tief von der chinesischen Kultur beeinflußt. Im Palast von Persepolis (5. Jahrhundert v.d.Zt.) sind chinesische Statuen zu sehen. Vor allem aber hat die persische Kultur die Grundlage für die arabische Zivilisation geschaffen. Die großen arabischen Mathematiker, die großen arabischen Astronomen, die großen arabischen Ärzte und die großen arabischsprachigen Dichter waren keine Araber, sondern Perser. Übrigens haben einige Iraner den Arabern gegenüber immer einen gewissen Überlegenheitsanspruch bewahrt.
Im 16. Jahrhundert war Persien ein sunnitisches Reich. Doch die Safawiden-Dynastie wollte ihm eine Identität verleihen, die sich von der ihres Rivalen, des Osmanischen Reiches, unterschied. Daher beschlossen sie, ihre Bevölkerung zum schiitischen Islam zu bekehren.
Die Regierungszeit von Ismail I. war geprägt von einem Religionskrieg, um den Schiismus mit Gewalt durchzusetzen. Um ihn zu etablieren, stützte sich Ismail I. auf die schiitischen ›Ulama‹ (Religionsgelehrte) im Südlibanon. Die Beziehung zwischen der Hisbollah und dem Iran ist nicht so, wie man glaubt: Noch heute kommen iranische Theologiestudenten zum Studium in den Libanon. Als ich von der Hisbollah in einer ihrer Unterkünfte untergebracht war, waren meine Mitbewohner überwiegend iranische ›Ulemas‹.
Man erklärt den Unterschied zwischen Sunniten und Schiiten mit einem Erbfolgekonflikt, doch es sind zwei verschiedene Welten. Jede Region des Islam hat ihre eigene Kultur. Der afrikanische Islam gleicht nicht dem chinesischen. Die iranischen Moscheen sind eher niedrig gebaut und haben nur wenige Fenster. Im Inneren, im Halbdunkel, sind die Wände mit Spiegelscherben bedeckt. Hier ist jeder eingeladen, zu meditieren und in sich zu gehen.
♦ Wir verstehen auch nicht die Verbindungen, die die arabischen Schiiten mit dem Iran verbinden. Sie alle wurden durch die Botschaft von Imam Ruhollah Khomeini verändert. Einige folgten seinem institutionellen „Nachfolger“ nicht, als dieser den Velayat-e faqih, also die Rolle der Weisen in der Regierung der Menschen, neu definierte. Entgegen einer weit verbreiteten a priori-Annahme sind Männer wie Scheich Mohammad Hussein Fadlallah, der geistige Vater der Hisbollah, Ayatollah Ali Khamenei in seinem Machtstreben nie gefolgt.
Der revolutionäre Iran übte eine Faszination nicht nur auf die Schiiten weltweit aus, sondern auch auf andere Muslime und Nichtmuslime. Seine Botschaft lautete, daß es möglich sei, die Menschen langfristig vom Kolonialismus zu befreien und unmittelbar in einem Meer der Ungerechtigkeit gerecht zu leben, indem man sein eigenes Leben diesem Ideal opfert.
Der Iran bildete die Schiiten, die dies wünschten, dazu aus, dem Beispiel Khomeinis zu folgen. Unter den Präsidentschaften von Haschemi Rafsandschani und Mohammad Khatami glaubte der Iran, sich mit Hilfe seiner ausländischen Bewunderer verteidigen zu können. Es war die Zeit der Stellvertreter, der sogenannten „Proxys“ im angelsächsischen Sprachgebrauch.
Doch diese Ära endete mit Präsident Mahmud Ahmadinedschad und vor allem mit General Qassem Soleimani. Seit etwa fünfzehn Jahren hat der Iran keine Stellvertreter mehr, was auch immer die westliche Propaganda behauptet. Jede Gruppe ist unabhängig geworden, auch wenn sie vom Iran bewaffnet wurde.

General Qassem Soleimani, 11.03.1957-03.01.2020
Heute kämpft beispielsweise die libanesische Hisbollah nicht aus Solidarität mit dem Iran gegen Israel, sondern weil Israel einen Teil des Libanon besetzt hält und damit gegen das Waffenstillstandsabkommen vom 26. November 2024 verstößt.
♦ Die Ermordung iranischer Führer betrachtet der Westen als notwendiges Übel. Wir sehen dieses Land als totalitär an und sind überzeugt, daß es Frauen unterdrückt. Das ist eine Art, einen Teil dessen, was wir sehen, zu interpretieren, ohne die Gesamtheit der Dinge zu begreifen.
Zweifellos wird der Iran von einer Regierung geführt, die ihre Jugend nicht versteht. Wir interpretieren dieses Generationsproblem als Diskriminierung von Frauen und glauben, daß das Regime ihnen Führungspositionen verwehrt. Der Iran hat jedoch unter dem vom Irak aufgezwungenen Krieg gelitten. Dabei hat er einen Großteil seiner Männer verloren.
Wie in Europa nach dem Ersten Weltkrieg hatte er keine andere Wahl, als mehrheitlich von Frauen verwaltet zu werden. Diese sind heute auf allen Ebenen der Gesellschaft vertreten. Natürlich sind sie nicht für den Kultus oder die Streitkräfte zuständig; hierzulande gelingt dies nur in Ausnahmefällen.

Mahmud Ahmadinedschad
Ebenso sind wir schockiert über die Pflicht zum Tragen des Schleiers und wissen nicht, daß damit für Männer die Pflicht zum Tragen eines Bartes einhergeht. Wir wissen nicht, daß zahlreiche Politiker – insbesondere Mahmud Ahmadinedschad – versucht haben, die öffentliche Meinung zu verändern, und gehen fälschlicherweise davon aus, daß der Schleier dieses Regime definiert.
Wir erkennen nicht, daß das Tragen der schwarzen Kleidung durch Frauen, das sie wie christliche Nonnen aussehen läßt, keineswegs ein Zeichen der Unterwerfung ist – ganz im Gegenteil –, sondern ein Zeichen der Zugehörigkeit. In den iranischen Behörden wimmelt es von Frauen in Schwarz, so wie unsere von Männern in Anzug und Krawatte beherrscht werden.
Wir ignorieren das hohe intellektuelle Niveau der Iraner. Ali Larijani beispielsweise, der keineswegs darauf aus war, sein Volk zu unterdrücken, wie es unsere Medien darstellen, war ein Philosoph und Spezialist für Immanuel Kant. Er beschäftigte sich damit, die Kriterien zu ermitteln, die uns dazu bringen, einer Aussage zuzustimmen, sei es aufgrund unserer Logik oder unserer Intuition. Wir würden uns sehr geehrt fühlen, europäische Staats- und Regierungschefs dieser Qualität zu haben.

Ali Larijani, 03.06.1958-17.03.2026
♦ Zum Schluß noch ein Wort zur Gewalt im Iran. Zu allen Zeiten war diese Kultur blutig. Alle Menschenrechtsorganisationen haben in den 1960er Jahren bekräftigt, daß der Iran unter dem Schah das repressivste Regime der Welt war. Doch die Iraner haben sich stets gegen Kollektivstrafen gewehrt. Auch die Islamische Republik hat reichlich von der Todesstrafe Gebrauch gemacht, aber sie hat niemals Strafen gegen Familien oder Gruppen von Personen verhängt.
Entgegen einem hartnäckigen Vorurteil werden Homosexuelle im Iran nicht hingerichtet. Dagegen werden Kriminelle, die Kinder vergewaltigen – ohne mit der Wimper zu zucken – gehängt. Die Populärkultur setzt zwar weiterhin Homosexuelle und Pädophile gleich, wie es vor etwa dreißig Jahren in Europa der Fall war.
Ich kann bezeugen, mit welch verächtlichem Blick manche Iraner auf diejenigen unter ihnen blicken, die homosexuell sind, aber auch, daß es nicht weniger von ihnen gibt als bei uns und daß sie sich zwar nicht offen zeigen, sich aber auch nicht verstecken.
Die Iraner sind wie alle anderen Menschen auch. Wenn sie sich in der Öffentlichkeit puritanisch geben, sind sie im Privaten frei, was diejenigen, die sie nicht verstehen, zu der Aussage veranlaßt, es handele sich um ein Volk von Heuchlern. In Wirklichkeit haben sie nicht dieselbe Definition von Freiheit und Anstand wie wir.

Ayatollah Khamenei, 19.04.1939-28.02.2026
Nachdem Ayatollah Khamenei als Reaktion auf den Einsatz von Kampfgas durch den Irak erklärte, daß es dem Iran aus ethischen Gründen verboten sei, Massenvernichtungswaffen einzusetzen, war es kein Problem, seine Fatwa durchzusetzen. Dennoch dauerte der Krieg noch ein weiteres Jahr, gerade wegen des Ungleichgewichts, das sich der Iran gegenüber dem Irak auferlegt hatte.
Es ist daher absurd, den Iranern vorzuwerfen, ein militärisches Atomprogramm zu verheimlichen. Abgesehen davon, daß das Konzept der Taqiyya (Verschleierung) nichts mit dem Schiismus zu tun hat, verkennt man damit einen wesentlichen Punkt der iranischen Kultur: die individuelle Verantwortung. Der Iran lehnt jede Form von Kollektivstrafe ab.
Abschließend möchte ich noch sagen, warum mir dieses Land so sehr am Herzen liegt: Ich habe dort viele aufrichtige Menschen getroffen, die zum Besten fähig sind. Ich weiß, daß nicht alle so waren und daß andere nur am Geld interessiert sind, aber diese haben mich nicht gestört. Sie waren den Menschen im Westen ja so ähnlich.

