Roberto Pecchioli

 

Mit dem Niedergang des realen Kommunismus im 20. Jahrhundert trübte die Freude derer, die stets Antikommunisten gewesen waren, die Reflexion über die Zukunft.

Pino Rauti, Bildquelle: Wikipedia

Pino Rauti, der historische Anführer des aktivistischen und „sozialen“ Flügels der MSI [Movimento Sociale Italiano], war einer der Vernünftigsten. Er warnte davor, daß die Feierlichkeiten über die Niederschlagung eines historischen Feindes nicht lange dauern sollten, da der andere Gegner – der liberale Kapitalismus – zudem ohne Krieg einen historischen Sieg errungen habe, dessen Auswirkungen noch Jahrzehnte spürbar sein würden.

Nur wenige hörten ihm zu, selbst in seinem eigenen Umfeld. Kaum andere Stimmen aus anderen Perspektiven erhoben sich, um vor den Folgen des Triumphs von Liberalismus, freiem Markt und Libertarismus zu warnen. Mehr als fünfunddreißig Jahre später verwandelt ein neuer Trümmerhaufen die Welt in eine raue Wüste und ein gespenstisches Kriegsschauplatz, den von Jorge Mario Bergoglio beschworenen, schleichenden Dritten Weltkrieg.

Die lange Ära der amerikanischen Unipolarität, das vermeintliche ›Ende der Geschichte‹ mit der weltweiten Durchsetzung des liberalen Kapitalismus in seiner globalistischen, finanziellen und technologischen Ausprägung, schien sich dem Ende zuzuneigen.

Chinas Aufstieg, das langsame Erstarken des anderen asiatischen Riesen Indien, die Rückkehr Rußlands und die BRICS-Allianz schienen den Beginn einer multipolaren Welt einzuläuten, in der jede Zivilisation und Region ihre Rolle und ihre Besonderheit – kulturell, spirituell, wirtschaftlich und geopolitisch – geltend machen konnte.

Die Ereignisse der letzten Jahre – und Monate und Tage – haben die Welt jedoch in den Albtraum des Krieges zurückgestürzt und die Achse des sogenannten Westens, deren Eckpfeiler das Bündnis zwischen der Anglosphäre und Israel ist, noch bedrohlicher und gefährlicher gemacht.

In einer Wirtschaftskrise, finanziell, technologisch und militärisch abhängig von Übersee, geplagt von einer demografischen und Wertekrise, auf die es ausschließlich mit nihilistischem Libertarismus/Libertinismus und der sinnlosen Öffnung seiner Grenzen reagiert, wird der „Alte Kontinent” seinem Namen vollkommen gerecht: Er ist die Vorhut des Niedergangs des Westens, den die unruhigsten Geister seit dem Ende des Ersten Weltkriegs, dem Beginn des amerikanischen Jahrhunderts, zu spüren begannen.

Das israelisch-amerikanische Kriegsabenteuer der letzten Wochen, ungeachtet seines Ausgangs, erscheint immer mehr wie die gewaltsame Reaktion eines verwundeten Tieres, das sich weigert, die ihm von Geschichte, Demografie und Wirtschaft im gegenwärtigen historischen Moment zugewiesene Rolle zu akzeptieren.

Der Angriff auf einen souveränen Staat, die heimtückische Ermordung seiner gewählten Führer – im Gegensatz zu den arabischen Aristokratien ( absit iniuria verbis !) am Golf, die durch das Öl in unzählige schmutzige Las Vegas Strips verwandelt wurden, wo die abscheulichsten Machenschaften der Welt abgewickelt werden – ist wohl der Wendepunkt in der Geschichte der letzten Jahrzehnte.

Es mutet komisch an, wenn Merz, ein Mann von Black Rock, Kanzler des einst so mächtigen Deutschlands in seiner Industrie- und Energiekrise, behauptet, der Iran hätte ohne die militärische Intervention der Guten und Gerechten innerhalb von zwei Wochen eine Atombombe besessen. Nicht eine oder drei, sondern zwei. Eine Neuauflage der Mär von Saddams Massenvernichtungswaffen und der Ampulle, die Colin Powell während der Amtszeit von Bush Senior vor der UN präsentierte.

Politische Attentate sind im todkranken Westen zur gängigen Praxis geworden: Dies belegen, jenseits der Urteile einzelner Führer, die Fälle von Saddam Hussein, Gaddafi, Nasrallah und nun Khamenei sowie die Entführung Maduros.

Sie gingen sogar so weit, die Schülerinnen einer Mädchenschule in Teheran auszulöschen. Kollateralschaden. Im Iran wird man sich daran erinnern, anders als wir Italiener, die bei den Bombenangriffen der Befreier dasselbe Schicksal erlitten, wie etwa bei der Mailänder Grundschule in Gorla am 20. Oktober 1944 (zweihundert Tote, darunter 184 Schulkinder).

Eine vergessene Episode, die die Unterwürfigkeit unserer Regierungen offenbart. Die wenigen, die im Laufe der Zeit Würde bewahrten, von Craxi bis Moro, erlitten das uns bekannte Ende.

Die Schlußfolgerung ist eindeutig: Ich fühle mich nicht als Westler. Ich bin nicht der Erbe einer Clique machthungriger Mörder, sondern dreitausendjähriger Zivilisation, die unter anderem das Konzept der Person, die Würde jedes Menschen, erfunden und zwischen Freiheit und Willkür unterschieden hat, indem sie die Vielfalt der Entscheidungen, Ideen und Lebensweisen anerkannte.

Ich kann nicht westlich sein, weil ich immer noch Scham für das Böse und Empörung gegenüber denen empfinde, die es begehen, insbesondere wenn es sich hinter falschen humanitären Idealen verbirgt.

Ich bin nicht westlich, weil dies bedeuten würde, Regierungen – europäische  –  zu decken, die inkompetent, korrupt, unterwürfig und Feinde der Völker sind, das sie im Auftrag Dritter verwalten. Ich lehne Antisemitismus mit Verachtung ab: Ich urteile nicht nach Kategorien oder gar nach Rassen. Ich frage mich jedoch, ob der gesunde Menschenverstand von Millionen von Menschen, die gegen den wahnhaften Suprematismus von Teilen der jüdischen Welt sind, nicht das Recht hat, diesen zu verurteilen, ohne strafrechtlich verfolgt zu werden. Es werden nicht die Gerichte sein, die die Meinung vieler über die Führung Israels ändern werden.

Außerdem bin ich kein Westler, weil ich nicht einmal weiß , was das bedeuten soll. Wenn es das Erbe der großen griechisch-römischen, christlichen und europäischen Zivilisationen ist, dann braucht es keine fadenscheinige Definition, die uns nur in den Schoß amerikanischer Interessen locken will.

Wenn es aber die Sammelbezeichnung für all jene ist, die die Welt um jeden Preis beherrschen und ein Wirtschafts-, Sozial-, Finanz- und Ethiksystem durchsetzen wollen, dessen Früchte Arroganz, Krieg, Nihilismus, grenzenloser Reichtum und die immense Macht einiger Weniger sind, dann bin ich noch weniger westlich.

Zur Huldigung des Geldes und des Epstein-Systems sollen sie es doch Sodom und Mammon nennen. Wer will, kann dem kriegstreiberischen amerikanischen Senator Lindsay Graham folgen, siebzig Jahre alt, korpulent und homosexuell, der seine unglücklichen Wähler in South Carolina dazu aufruft, für Israel zu sterben.

Soll er sich doch selbst melden, begleitet von seinem sehr jungen Liebhaber, nicht wir, unsere Kinder, Enkel und Landsleute.

Wir sind viele Staatenlose: Wir müssen eine Identität, gemeinsame Werte und konkrete Interessen finden, die wir vertreten können. Vorerst können wir nur ablehnen, westlich zu sein: Das ist bereits eine starke, moralische, politische und sogar ästhetische Entscheidung.

Quelle: https://www.ereticamente.net/non-sono-occidentale-roberto-pecchioli/
Beitragsbildquelle: Wikipedia, Sascha Schneider, Der Mammon und sein Sklave, 1894-1895