Joakim Andersen
Wer frei sein will, muß mächtig sein wollen.
Jean Thiriart
Unter den wichtigsten Vertretern und Vorkämpfern eines geeinten Europas findet sich der Belgier Jean Thiriart (1922–1992), dessen Werk ›Un empire de 400 millions d’hommes l’Europe‹ aus dem Jahr 1964 kürzlich unter dem Titel ›Europe, An Empire of 400 Million‹ ins Englische übersetzt wurde.
Thiriart wuchs in einer linksgerichteten Familie auf und war in seiner Jugend Sozialist. Im Zusammenhang mit der deutschen Besatzung gab es in allen europäischen Ländern Sozialisten und Kommunisten, die Deutschland und Italien lieber unterstützten als die USA und die Sowjetunion; in Belgien gründeten sie ›Les Amis du grand Reich Allemand‹.
Thiriart beteiligte sich am Kampf für die deutsch-europäische Ordnung und wurde vom deutschen Elitesoldaten Otto Skorzeny ausgebildet. Dies legte den Grundstein für eine lebenslange Freundschaft, führte aber auch dazu, daß Thiriart nach dem Krieg als Landesverräter und Kollaborateur verurteilt wurde.
Nach dem Krieg zog er sich aus der Politik zurück, gründete ein erfolgreiches Unternehmen in der Optikbranche und wurde Familienvater. Gelegentlich besuchte er Skorzeny in Spanien, wo er auch dessen Freund Perón traf. Erst in den 1960er-Jahren kehrte er in die Politik zurück.
Belgien war damals im Begriff, sich aus dem Belgischen Kongo zurückzuziehen, und aus Solidarität mit den belgischen Kolonisten engagierte sich Thiriart erneut. Etwas später wurde er auch in den Kampf für die Franzosen in Algerien, die sogenannten pieds-noirs, verwickelt. Dies waren verlorene Kämpfe, was Thiriart bald erkannte, doch er sah sie zugleich als Teil des Kampfes für Europa.
Berlin zu verteidigen, Portugal in Angola zu unterstützen und die Regierung Südafrikas zu unterstützen heißt, GANZ Europa zu verteidigen, um Thiriarts Analyse von 1964 zu zitieren.
Die amerikanische Weltordnung bedeutete, daß Europa besetzt war, auch wenn Frankreich und Belgien nominell zur Siegersseite des Zweiten Weltkriegs gehörten. Die USA handelten daher darauf hin, daß diese Länder ihre Kolonialgebiete verloren, damit diese stattdessen an Washington gebunden werden konnten.
Die antikommunistische Rhetorik, die große Teile der „Rechten“ dominierte, verdeckte diese Tatsache. Thiriart ließ sich von Spengler und F. P. Yockey inspirieren und sah ein geeintes Europa als das einzige Gegengewicht zu den USA und der Sowjetunion.
Die Geschichte hatte den Nationalstaat hinter sich gelassen; jene, die keine Kontinentalstaaten bilden konnten, würden lediglich Opfer der neuen Großmächte sein. Ähnliche Gedanken einer europäischen Gemeinschaft hatten viele Nationalisten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geleitet, als sie auch unter denselben Fahnen kämpfen konnten.
Der alte Sozialist Thiriart engagierte sich daher im Kampf gegen die amerikanische Weltordnung. Er gründete ›Jeune Europe‹, eine Bewegung, die ein geeintes Europa als Gegengewicht zu den USA und der Sowjetunion betrachtete. Die Bewegung verfügte über mehrere internationale Kontakte und Allianzen, unter anderem im Nahen Osten.
Allmählich änderte Thiriart seine Haltung zur Sowjetunion und befürwortete eine Annäherung zwischen der Sowjetunion und Westeuropa. Gegen Ende seines Lebens knüpfte er Kontakte zu russischen Nationalisten.
Was ist Europa?
Das Werk der Schöpfung ist noch nicht vollendet, und es wird es niemals sein – aus der Sicht des prometheischen Menschen.
Jean Thiriart
Thiriart war in seiner Verteidigung Europas stark von Spengler beeinflußt; er betrachtete die europäische Hochkultur als einzigartig und als etwas, wofür es sich zu kämpfen lohne. In seiner Interpretation gab es ein biologisches Element, indem er meinte, daß ein Wunder wie unsere Zivilisation unter anderem „eine biologisch überlegene Rasse und ein günstiges Terrain“ voraussetze.
Verschiedene Menschenrassen unterscheiden sich nach Thiriart sowohl in Intelligenz als auch in Kreativität; hinzu kommt die Unterscheidung zwischen Gesellschaften, die auf mechanischer versus organischer Solidarität beruhen. Erstere bilden konforme Ameisengesellschaften, letztere sind die Grundlage innovativer und kreativer Epochen wie jene der alten Griechen und Europas.
Thiriart erinnert an Wittfogels Warnungen vor „orientalischem Despotismus“, wenn er über Rom schrieb: „Die Konsuln regierten aufrührerische, aber kraftvolle Männer; die Kaiser der Dekadenz herrschten über Untertanen. Die Ersteren hatten es mit starken Männern zu tun, die Letzteren hüteten Schafe.”
Europa repräsentierte für Thiriart eine Synthese aus aristokratischem Individualismus und Gemeinschaft, bedroht durch die Massengesellschaften, die unter anderem die Sowjetunion und die USA darstellten. Oft kann man bei Thiriart dort „indoeuropäisch“ lesen, wo er „europäisch“ schrieb (›Indo-Europäische Union‹).
Das bedeutet, daß Thiriarts Eurozentrismus auch eine globale Dimension hatte. Indem er das kreative Europa verteidigte, diente er der gesamten Menschheit. Thiriart schrieb hierzu:
Europa trägt nicht nur sein eigenes Schicksal. Es trägt auch das Schicksal der Menschen außerhalb seiner Grenzen, es trägt das Schicksal der Menschheit.
In Spenglerschen Begriffen war Europa die Kultur, aus der die Zivilisationen der Sowjetunion und der USA hervorgingen, doch eine Zivilisation ohne Kultur ist steril. („NUR Europa besitzt Kultur, woraus seine Vorrangstellung gegenüber den Vereinigten Staaten und dem kommunistischen Russland resultiert, die lediglich die aus unserer Kultur hervorgegangene Zivilisation besitzen.“)
In ›Un empire de 400 millions d’hommes l’Europe‹ betonte Thiriart die historische Kontinuität von den alten Griechen über Rom und das Mittelalter bis zu den heutigen Europäern. Besonders hob er die vielen Male hervor, in denen Europa scheinbar übermächtigen Bedrohungen gegenüberstand, dies aber abgewehrt haben:
Europa, stärker, hat sich immer wieder erhoben, immer triumphiert … wir hatten in unserer Geschichte Gegner zu bekämpfen, die kraftvoller waren, und wir haben sie besiegt … Rassen, stolzer und stärker als die Sowjetrussen oder die Vereinigten Staaten, zerbrachen am Mut und am Willen der Männer Europas.
Defätismus war in Thiriarts Augen ein Verbrechen („Defätismus sollte angeprangert, bekämpft und auf die strengste Weise strafrechtlich verfolgt werden“).
Sein Weltbild unterschied sich unter anderem von dem Evolas dadurch, daß es materialistisch war, wenn auch vitalistisch und konstruktionistisch (vergleiche Nietzsche, Locchi und Faye). Der Wille spielte eine zentrale Rolle, mystische und metaphysische Faktoren hingegen nicht. Wer eine geistige Renaissance als Voraussetzung für die Zukunft der europäischen Völker sieht, kann dennoch großen Nutzen aus Thiriart als Geopolitiker und Gesellschaftskritiker ziehen.
Geopolitik
… diejenigen, die ihre Hoffnungen auf den Schutz einer anderen Nation setzen, finden in der Suche nach Beschützern ihre Herren.
Jean Thiriart
Als Geopolitiker ist Thiriart heute am bekanntesten; neben von Lohausen wohl der wichtigste Theoretiker eines unabhängigen Europas. Sein Stil und seine historischen Kenntnisse durchzogen den Großteil seiner Schriften, insbesondere in Politik und Geopolitik folgten prägnante Zitate Schlag auf Schlag.
Er konnte feststellen, daß „eine der seltenen Formen respektabler Demokratie die der bewaffneten Männer ist“, und verglich die Sowjetunion mit dem antiken Rom in ihren Versuchen, eine Seemacht zu werden („du sagst, der Bär habe schwimmen gelernt, und das stimmt. Auch die Wölfin lernte vor 22 Jahrhunderten schwimmen“).
Macht und Wille sind zentrale Faktoren in Thiriarts Geschichtsmodell, das mit Heraklit und Nietzsche verwandt ist. Staaten und Gruppen befinden sich meist im Konflikt. Gleichzeitig enthält sein Modell eine dynamische Dimension, in der technologische Entwicklung die Eintrittshürden in den Klub der Großmächte ständig erhöht.
Italien konnte vor hundert Jahren eine Großmacht sein, heute nicht mehr. Dies, kombiniert mit der Tatsache, daß Europa 1964 von zwei außereuropäischen Mächten – den USA und der Sowjetunion – besetzt war, bedeutete, daß es sich politisch einen mußte, um bestehen zu können.
Thiriart beschrieb dies als „eine Situation analog zur des antiken Griechenlands; denn ebenso wie die Stadtstaaten, die die Einigung verweigerten, unter die Herrschaft Philipps von Makedonien fielen“. Das sogenannte Kleinstaaterei und der „kleine Nationalismus“, der sich auf Konflikte mit europäischen Nachbarn konzentrierte, bot den Besatzern ständig Möglichkeiten, Europa niederzuhalten.
Für Thiriart war das Ziel der Geopolitik stets, die Welt zu verändern, ein freies Europa zu verwirklichen. Der erste Schritt war der Widerstand gegen die Besatzer; dazu gehörten unter anderem der Aufbau einer revolutionären Organisation, qualitativ hochwertiger Kader und einer Basis – eines „Piemont“ – in einem wohlgesinnten Staat.
Thiriart beschrieb jedoch auch die gewünschten Beziehungen zwischen dem freien Europa und anderen Regionen und Mächten. Die Sowjetunion sollte zurückgedrängt werden und Europa verlassen; der Thiriart, der 1964 ›Un empire de 400 millions d’hommes l’Europe‹ schrieb, war klar antikommunistisch.
Er stellte unter anderem fest, daß „ein einheitliches Europa den Kommunismus innerhalb seiner Grenzen nicht unter dem naiven und selbstmörderischen Vorwand tolerieren wird, daß es sich um ‚eine Meinung unter vielen’ handelt.“

Jean-François Thiriart
Thiriart identifizierte die Schwachstellen des Ostblocks und konnte schreiben: „Wir wollen nicht widerstehen und wir wollen nicht verteidigen. Wir wollen dem europäischen Menschen einen revolutionären Geist mit all seiner Kraft bringen; den Kommunismus wollen wir in seinen Kolonien angreifen.“ Zu diesen „Kolonien“ zählte er die nicht-russischen Nationen und die europäische Arbeiterklasse.
Bereits 1964 konnte er jedoch konstruktivere Beziehungen zu einer Sowjetunion voraussehen, die Europa verlassen hätte:
Politik besteht darin, sich gegenüber bestimmten Feinden so zu verhalten, als könnten sie morgen Freunde werden – und umgekehrt … wir sollten die UdSSR zu Fall bringen, aber nicht zerstören.
Die USA waren ein natürlicher Feind der europäischen Freiheit, aber ebenso wie die Sowjetunion ein möglicher zukünftiger Verbündeter. Thiriart schrieb dazu:
Was die USA betrifft, wird die erste Phase des Handelns darauf abzielen, Europa von der wirtschaftlichen und militärischen yankee-haften Vormundschaft zu dekolonisieren … ein Bündnis klassischen Typs zwischen Europa und den USA ist offensichtlich nicht von vornherein abzulehnen. Es kann jedoch nur auf der Grundlage strikter Gleichheit zwischen zwei souveränen Staaten zustande kommen.
Wie unter anderem Mosley sah er Afrika als wirtschaftliche Erweiterung Europas:
Afrika ist die natürliche Erweiterung Europas … das moderne Afrika kann nicht ohne Europa bestehen. Die Volkswirtschaften dieser beiden Kontinente ergänzen sich. Europa kann es zudem unter keinen Umständen dulden, dass sich eine außereuropäische Macht in Afrika festsetzt und damit unsere Südflanke bedroht.
Daß ein freies Europa über Atomwaffen verfügen müsse, war für Thiriart selbstverständlich.
Die Europäische Union
Angesichts des russischen und amerikanischen Nationalismus sollte man einen europäischen Nationalismus schaffen.
Jean Thiriart
Thiriart hatte zugleich eine negative wie eine positive Sicht auf die real existierende EU. Einerseits war sie ein liberales Projekt, und die Eurokraten waren ebenso inkompetent wie unfähig, Europas Interessen gegenüber ihren amerikanischen Herren zu vertreten („das ‚legale‘ Europa existiert nicht, weil es nicht unabhängig ist; es ist nur eine Art amerikanisches Super-Panama“).
Zugleich enthielt das EU-Projekt Keime eines geeinten Europas: „Ein föderales Europa (eine einzige Armee) könnte die vorbereitende Phase zu einem unitären Europa sein.“ Politische Entscheidungen führen manchmal zu Ergebnissen, die von ihren Urhebern nicht beabsichtigt waren. Thiriart ging in ›Un empire de 400 millions d’hommes l’Europe‹ die verschiedenen möglichen Wege zu einem geeinten Europa durch, wobei nach seiner eigenen Organisation die EU eine Möglichkeit darstellte.
Es ist anzumerken, daß Thiriart – wenn man die Haltung zu einem europäischen Superstaat auf einem Kontinuum verortet, mit dem Superstaat an einem Pol und dem „Europa der hundert Flaggen“ als dem anderen – klar näher beim ersteren stand (vergleiche Evolas Vergleiche mit den deutschen Ländern in der Analyse des Dritten Reiches).
Er meinte nicht, daß die verschiedenen nationalen und regionalen Kulturen verschwinden sollten, doch die primäre politische Identität sollte die europäische sein. Administrativ sollte das zukünftige Europa ebenfalls flexibel sein („… die zukünftigen administrativen Einteilungen Europas werden geschmeidig und beweglich sein“).
Aber auch hier ist Thiriart aufschlußreich, wenn man das Ideal „Europa als Nation“ nicht vollständig teilt; unter anderem sind seine Argumente gegen ein Bündnis europäischer Nationalstaaten beachtenswert, wenn man dieses Modell bevorzugt. Andernfalls deutet er eine mögliche Synthese aus authentischer Rechter und EU-Föderalismus an.
Robert Steuckers stellte hierzu fest: „Die EU kann nur überleben, wenn sie ihre ideologischen Wurzeln wiederfindet, d. h. den Begriff der Autarkie. Andernfalls wird sich der Zerfallsprozess enorm beschleunigen und zum vollständigen Verschwinden der europäischen Völker und der europäischen Zivilisation führen. In diesem Prozeß könnte das EU-Gebiet zu einer Art neuem ‚Eurabien‘ oder Euro-Türkei oder Afro-Europa werden, einem Anhängsel einer ‚Transatlantischen Union‘ unter US-Führung.“
Wie genau die heutige EU reformiert werden könnte, ist eine andere Frage; Thiriarts Analyse läßt vermuten, daß eher revolutionäre Veränderungen als Reformen erforderlich wären.
Kommunitärer Sozialismus und europäischer Syndikalismus
Wir wollen einen starken Staat, bestehend aus freien und kraftvollen Männern, und keinen schwachen kollektivistischen Staat, der auf Mittelmäßigkeit und Konformismus aufgebaut ist.
Jean Thiriart
Thiriart wurde sowohl als „Rechter“ als auch als National-Linker beschrieben; die Aktivisten seiner Bewegung waren unter anderem Maoisten und Nationalisten. Das sozial-politische Modell, das er für das geeinte Europa befürwortete, nannte er kommunitären Sozialismus – ein in vielerlei Hinsicht interessanter Versuch, Freiheit und Solidarität zu synthetisieren.
Das realsozialistische Modell beschrieb er als Massengesellschaft, als Konformismus und Stagnation. Er war sich der Bedeutung von Freiheit und Wettbewerb bewußt („Wettbewerb ist manchmal ein hartes Gesetz, aber immer ein schöpferisches Gesetz“), erkannte aber auch die negativen Tendenzen des Kapitalismus („ein Übermaß an sozialer Freiheit führt rasch zu sozialer Zügellosigkeit, und diese ist dann eine plutokratische Herrschaft, heuchlerisch getarnt als parlamentarische Demokratie“).
Die von Thiriart entwickelte Synthese erinnert an ältere Sozialisten wie Proudhon und Saint-Simon. Wie Saint-Simon ging er von einem Konflikt zwischen Produzenten und Parasiten aus; zu den Produzenten zählte er sowohl Arbeiter als auch Unternehmer, zu den Parasiten sowohl Finanzkapitalisten als auch Parteien.
Wie Proudhon unterschied er zwischen verschiedenen Formen des Eigentums: erstens die liberale Form des vollständigen Eigentums, das gekauft und verkauft werden kann. In bestimmten Fällen sah er Raum für staatliches Eigentum. Doch Thiriart rechnete – wie Proudhon und Darré – auch mit einer Form des Besitzes, bei der eine Veräußerung nicht möglich ist („Besitz im Gegensatz zu Eigentum“).
In vielen Fällen war geteilte Eigentumsform, anstatt privater oder staatlicher, vorzuziehen, was Thiriarts Ideal einen stark syndikalistischen Charakter verlieh. Sein Ziel war zudem die Entproletarisierung.
Anthropologie
… Klassen von Menschen also. Sie unterscheiden sich durch den Grad an Mut, schöpferischer Kraft und Adel.
Jean Thiriart
Die Verwandtschaft zwischen Thiriarts Menschenbild und Nietzsche ist offensichtlich. Sein Fokus auf die Menschen, die unterschiedliche Gesellschaftssysteme schaffen, war stark ausgeprägt; unter anderem sagte er: „Die Dinge werden zum größten Teil so sein, wie die Menschen sein werden.“
Eine Gesellschaft aus schwachen und konformen Menschen wird unabhängig von ihrer Ideologie keinen Erfolg haben. Für Thiriart waren Eigenschaften wie Mut, Wille und Kreativität zentral. Dies schuf einen Gegensatz zur Klasseneinteilung der Massengesellschaft; Thiriart bevorzugte eine vertikale Einteilung, die auf Charaktereigenschaften wie „Mut, schöpferische Kraft und Adel“ beruhte.
Damit verbunden ist ein stark politisches Element in seiner Anthropologie. Er war sich der Verbindung zwischen Unabhängigkeit und Freiheit bewußt, sei es im Hinblick auf Waffen oder wirtschaftliche Unabhängigkeit („Freiheit ist direkt und eng mit wirtschaftlicher Unabhängigkeit verbunden“). Dies war eine Voraussetzung für sein Streben nach Entproletarisierung der europäischen Völker.
Gleichzeitig wird beim Lesen des Thiriart von 1964 deutlich, daß das, was wir heute „woke“ nennen, bereits damals präsent war. Thiriart thematisierte die Subversion: „Unsere Gegner werden also versuchen, unsere moralischen Werte, unsere Traditionen, die die Nation zusammenhalten, zu zerstören“, ebenso die Angriffe auf Nation, Sitten und Familie sowie die Verbreitung des Konsumismus als Lebensideal („mehr haben“ statt des europäischen „mehr sein“).
Er sprach auch die bereits 1964 deutlichen anti-weißen Ressentiments an und schrieb unter anderem: „Wir Weißen müssen keine Schuldkomplexe produzieren, um die Schwarzen von ihren gegenwärtigen Minderwertigkeitskomplexen zu heilen.“ Heute ist oft von Bioleninismus und „spiteful mutants“ die Rede; Thiriart thematisierte bereits vor über 60 Jahren die Bedeutung „sozialer Ausgestoßener“ und einer „Anti-Elite“ für kommunistische Parteien.
Organisation
… Diskussionen führen zu nichts als Spaltungen.
Jean Thiriart
Eng mit Thiriarts Menschenbild verbunden war sein Organisationsmodell: eine gemeinsame europäische Partei mit qualitativ hochwertigen Kadern und einer zentralen Doktrin. Er betonte in mehreren Zusammenhängen die Bedeutung von Eliten, und die Partei war eine solche. Sie war auch das legitime Europa, im Gegensatz zum „legalen“ Europa der Eurokratie.
Thiriart schrieb hierzu: „In der Waage der Geschichte wird das Leben eines einzigen heroischen Aufständischen hundertmal mehr wert sein als das Leben eines Schwätzers in Straßburg.“ Er betonte die europäische Perspektive so stark, daß die Aktivisten auch in anderen Ländern operieren konnten, und betrachtete den „kleinen Nationalismus“ als etwas zu Überwindendes.
Zu diesem Thema schrieb er unter anderem:
Innerhalb der integrierten Europäischen Partei wird es leichter sein, einen jungen sozialistischen Aktivisten zu einem guten europäischen Nationalisten zu machen, als einen französischen Kleinstnationalisten in einen europäischen Nationalisten zu verwandeln.
Mehrere Aktivisten hatten einen linken Hintergrund; unter anderem rekrutierte die Thiriart nahestehende ›Parti Communautaire Européen‹ viele desillusionierte belgische Kommunisten. Sein Parteimodell hatte starke Ähnlichkeiten mit kommunistischen Parteien, mit Fokus auf eine gemeinsame Doktrin und äußerst begrenztem Vertrauen in „Diskussionen“ („eine zentralisierte, homogene Partei bietet wenige Möglichkeiten zum Verrat“).
Die Partei mußte in Friedenszeiten aufgebaut werden, um bereit zu sein, wenn Krisen die Möglichkeit boten, Positionen voranzubringen. Dabei war es wichtig, daß die Qualität der Aktivisten hoch war:
Der richtige Plan ist die Rekrutierung eines gesunden Kaders – in Friedenszeiten oder ruhigen Zeiten – und die sporadische Hinzufügung mittelmäßiger oder fanatischer Elemente zu den Truppen im Moment der entscheidenden Aktion.
Insgesamt ist Thiriart eine äußerst bereichernde Bekanntschaft. Man stimmt nicht notwendigerweise in allem mit ihm überein; unter anderem kann man seine mangelnde geistige Dimension, seine Rede vom Mischen der verschiedenen europäischen Völker und seine Suche nach Verbündeten in der Dritten Welt hinterfragen.
Auch seine Zukunftsprognosen trafen nicht immer ein, etwa in Bezug auf die Rassenbeziehungen in den USA. Doch die Vision eines starken Europas ist inspirierend, ebenso seine Perspektiven auf Politik, Freiheit und Menschenideal. Thiriart verfügte über große historische Kenntnisse und konnte prägnante Sätze formulieren wie:
Es ist der bewaffnete Geist, den wir den Angriffen der Barbaren entgegensetzen müssen,
eine Nation, die über eine starke Gesellschaft verfügt, kann sich leicht einen schwachen Staat leisten,
sobald man zwischen zwei Ungerechtigkeiten wählen muß, sollte man ohne die GERINGSTE Zögerlichkeit UNSERE Ungerechtigkeit wählen (selbst wenn man sie später korrigiert) und die andere bekämpfen
für uns ist das Vaterland mehr eine gemeinsame ZUKUNFT als eine gemeinsame Vergangenheit.

Quelle: https://motpol.nu/oskorei/2026/01/13/jean-thiriart-och-det-fria-europa/
