Gerhard Hess

ingwaz, ing:
der Gott Ing/Freyr
Phonetischer Wert: ng
Tierkreis: Wassermann
Sonnengeist
Januar-Mitte
Sakralfest: Hochjulfeier


Julopferfeier für die Jahresfruchtbarkeit, denn das Heil des Sonnenjahres nimmt wieder seinen Lauf.
Alt­nordisch: jólabod = Jul-Gastgebot.
Der Lichteber wird geschlachtet, man legt die Hände auf sein Nackenfell und schwört Gelübde,
was man im Sonnenjahresverlauf alles vollbringen will.
Das alte Julbrauchtum kannte ein Kultspiel um den Gott Ingo-Frô,
sakrales Julbiertrinken und insbesondere die Bitte um ein gutes Jahr und um Frieden.

Die Ing-Rune, der Buchstabe in Form eines kleinen Kringels, in Kerbschnittform einer kleinen Raute, meint die Sonne. Dem Tagvater folgt sein Abkömmling, der Sonnensohn, der Herr Ingu, vergleichbar mit dem vedisch-indischen Agni, als Welt-Feuer­potenz.

Seine Kraft ist nicht nur im Himmelsfeuer der Sonne präsent, sondern in allem, wo Glutvolles das Gute bewirkt. Er heizt das Wachs­tumsfeuer der Pflanzen, er brennt die Ernte reif, daß sich die Kornfelder gülden färben, er wirft auch lodernde Feuer in minnige, liebes­entbrannte Herzen, und er schürt die Flammen der Begeiste­rung zur edlen Tat in den Hirnen der Jünglinge und junggebliebener Männer und Frauen.

Diese Sonnen- und Fruchtbarkeitskraft nannten unsere Vorfahren einfach nur Frô, was „Herr“ heißt, oder Ingu-Frô, „Herr-Ingu“. Ihm ist das dritte Sinnbild zugeordnet. Sein Zahlen­wert der Triade, einer guten Ganzheitlichkeit, raunt davon, daß die runische urmütterliche Einheit, die zu einem zwiefachen Zweiten wurde, welches in gleichgewichtiger Spannung verharren müßte, nun – in einer dritten Natur – wieder zusammengeführt wird.

So ist nach Thesis und Antithesis die Synthesis, die Drei, der wahre Mittler zwischen Himmel und Erde. In des Zahlenbegriffs Wortwurzel liegt zudem der Grundbegriff eines fortlaufenden Seins: des Weiter­drehens.

Damit ist die Ing-Rune nicht allein das Zeichen des lebendigen Lichtes, des rotierenden Sonnenrades, welches der Gottheit Wirken in der Welt ausdrückt; zudem manifestiert sich in ihr das Element der uranfänglichen und immer fortwirkenden Bewegung. Sie ist eine der Chiffren des germanischen Heilbringers, des Helgis. Der runische Schwerpunkt liegt deutlich im Sonnenklaren und Wahr­haftigen, im Intelligiblen, also im rein Geistigen.

ZEITRAUM DER RUNE

Siebenundzwanzigste Rune im Jahreskreis,

eine kleine Raute – ein Viereck – ein Kreis,
das Signum der jungen Sonne ganz sicher;
der Ratschluss, – ein runen-meisterlicher.

Siebenundzwanzig heißt neun, die neue Sonne,
des währenden Jahres Wunder und Wonne.
Lang ist der Tag vor der Sonne erwacht,
aus ihm erst hat das Gestirn sich entfacht.

Aus zweileibigem Vater, – beidpoliger Zwei
entspringt der Sohn, die vollkommene Drei.
Er, der Edling, Sprößling, der Abkömmling,
ist der Ingunar, Yngvi, der Ingo, der ING.

Ihn feierte man vormals, so war es Sitte,
nach heut‘ger Großhorn/Januar-Monatsmitte,
zum Höhepunkt und Ende der Jul-Festzeit,
in des Winters Mitte und Unwirtlichkeit.

Aus des Neumondes Schatten und Schummer,
da erwacht der Schein aus dem Schlummer;
das Jahreslicht hebt sich vom Lager auf,
zum Jahrgipfel läuft es den sieghaften Lauf.

Der Erlöser von Winters Macht und Grauen,
zum Ende der Jul-Zeit läßt er sich schauen.
Endlich ringt sich die Sonne aus Rast und Ruh‘:
„Helligkeit nimmt um ein Hirschsprünglein zu“.

Zwar ward sie geboren zur Winterwende,
so berichtet die Märe und fromme Legende,
doch ob wirklich und wahr sie erstanden ist,
das zeigt sich nun erst, nach Julzeit-Frist.

Beitragsbild: Jan Fibinger

 

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