Hermann Reimnitz

Vorwort

Der folgende Artikel ist der Zeitschrift Deutscher Glaube. Zeitschrift für arteigene Lebensgestaltung, Weltschau und Frömmigkeit aus dem Jahre 1936 entnommen und schildert eindringlich die Glaubensgestaltung des deutschen Menschen. Titel und Inhalt des Textes widersprechen in ihren auf den ersten Blick monotheistischen Ausrichtungen keineswegs heidnischen Anschauungen. Ist doch der Begriff „Gott“ in seinem Umfang eher allgemein als das Transzendente, das Göttliche, das Ewige zu verstehen. Diese göttliche Allgewalt setzen wir als die Ordnung an sich voraus, die von jedem gesunden Volk unterschiedlich aufgefaßt und gelebt wird.

Der Autor des Artikels, Hermann Reimnitz, hat leider keine greifbaren biographischen Spuren hinterlassen. Jedoch ist zur Klärung des Kontextes wichtig zu erwähnen, daß als Herausgeber bzw. herausragende Persönlichkeit hinter der Zeitschrift Deutscher Glaube (erschien von 1934 bis 1944 in Stuttgart, Verlag: C.L.Hirschfeld) Wilhelm Hauer (1881-1962) stand, Indologe und Religionswissenschaftler. Hauer besuchte 1921 Indien und wurde 1927 Dozent und Ordinarius an der Universität Tübingen. Seine zahlreichen indologischen und religionswissenschaftlichen Arbeiten sind noch heute anerkannt.

Jakob Wilhelm Hauer, ᛉ 4. April 1881 in Ditzingen; ᛣ 18. Februar 1962 in Tübingen

Hauer gründete 1935 die Deutsche Glaubensbewegung (DG) und veröffentlichte zahlreiche Werke, die zur Erklärung und Verbreitung der Ideen der DG dienen sollten

Schriften (Auswahl):
Deutsche Gottschau. Grundzüge eines Deutschen Glaubens. Stuttgart 1934;
Eine indo-arische Metaphysik des Kampfes und der Tat. Die Bhagavadgītā in neuer Sicht. Stuttgart 1934;
Ein Meilenstein in der Auseinandersetzung mit der „Gita“, deren Sinngehalt Hauer erläutert und für die Gegenwart fruchtbar macht. Die von Hauer mit profunder Sprachkenntnis des Sanskrits herausgearbeiteten Parallelen zwischen indo-arischer und nordischer Geisteshaltung, insbesondere vermittelt in den Heldenliedern, ist verblüffend und begeisternd.
Schrift der Götter. Vom Ursprung der Runen, 1943 [Neudruck: Kiel 2005];

Wilhelm Lindenschmit, Arminius (Ausschnitt) 1839

1. Von einem Gott und vielen Gottglauben

Durch alle Welten klingt eines ewigen Willens ewiges Lied. Völker ohne Zahl stehen auf und ihre Seher und Künder suchen es nachzusingen. Aber nur kurz ist das Stück, das sie auffangen und anders singt es jedes Volk. Denn verschieden ist ihrer Seelen Saitenspiel, nicht gleich die Zahl ihrer Saiten, und von verschiedenem Stoff und Klang. So ist es auch ein müßig Beginnen, sie gleich zu stimmen. Auch du bist hineingeboren in ein Volk und eine Heimat, auch in deinem Blute schwingt die ewige Weise. Ist deine Art rein und deine Heimat ganz und gar dir zu eigen, dann ist auch voll und tief das klingen der Weise, und es ist dir vergönnt, ewigen Auftrag zu vernehmen und Pflug und Pfeil ihm zu sein. Und Heil wirst du verbreiten mit beidem. So wirst du Werkzeug sein dem ewigen Willen und ihn in dir tragen und teilhaben an seinem Werk, das Schöpfung ist. Bist du aber treulos geworden deinem Volk und deiner Art, und hast du deine Heimat vergessen und verloren – dann bist du auch dem Ewigen vergessen und verloren. Siehst du aber ein anderes Volk bei seinem Tun, so zersprenge seinen Ring nicht! Anders ist, was in ihm wirkt, anders seines Denkens Weg und seiner Hände Werk. Denn anders vernahm es ewigen Ruf. Laß es mit eigenen Ohren hören, mit eigenem Herzen wollen und wagen, und mir eigenen Worten künden, was in ihm ist. So wird bei ihm eine vollkommene Sprache sein und ein vollkommenes Wollen und Glauben. So wird Vertrauen sein können zwischen ihnen und wahre Gemeinschaft. So wird ein Bruder dem andern folgen können zu letztem Geheimnis; ein Heiliges wird ihr Sterben heiligen und eine Kraft ihnen neues Leben wecken. So soll jedes Volk den Weg zu seinem Vollkommenen gehen. Und doch ist nur ein Vollkommenes!

2. Von der Ewigkeit

Die Sonne stirbt. Ewig aber bleibt das Licht. Der Mensch zerbricht und zerfällt. Ewig aber bleibt gotterfülltes Leben. Damit Geburt sein kann, muß Tod sein. Leben aber umschlingt beide und reicht über beide hinweg. Denn Leben ist Ewigkeit. Darum muß sie Gestalt haben. Sie kann nie eine Gestalt haben – sonst wäre sie keine Ewigkeit. Sie muß sich immer wieder anders darstellen – sonst wäre sie keine Ewigkeit. Sie kann nie stille stehen – sonst wäre sie keine Ewigkeit. Sie ist nicht nur Ruhe, sondern auch Drängen und Stürmen. Sie ist nicht nur Friede – sondern auch Kampf. Sie stellt den Menschen hinein zwischen Untergang und Aufgang und sagt: Wähle! Entscheide dich und kämpfe! Schaffe Gestalt für Ungestalt, Licht für Finsternis, Mut für Verzagtheit, streue Glauben für Unglauben. Sei Sämann und Krieger! Denn du bist ein Kind der Ewigkeit und sollst stehen für sie und fallen für ihren Sieg. Und so steht auch dein Volk mitten zwischen Licht und Finsternis, nicht daß es auf eine Entscheidung warte, sondern daß es selber entscheide und für die Entscheidung kämpfe! Und ein ewiges Gesetz pocht in seinem Blut, daß es sich bekenne und treu bleibe in der Dämmerung der Völker und Rassen. Denn aus der Ewigkeit ist ein Volk, Ewigkeit ist sein Wirken und zur Ewigkeit führt sein Weg.

3. Gott und Volk

Zwischen zwei Ewigkeiten ist unser Leben eingespannt. Und der Strom des Unendlichen geht hindurch. Geht rein hindurch oder wird abgedrängt, oder geschwächt, oder der Weg wird ihm ganz abgeschnitten. Das aber ist Untreue, und Neidingstun, und Gottferne. Reine Formen schuf sich der ewige Geist. Daß er sich so rein darstelle und wirklich werde. Reine Gefäße in unendlicher Fülle. Denn er ist unendlich. So wird geschaffene Wirklichkeit um uns zu einem notwendigen Teil der Ewigkeit. So wird durch das Unvollkommene erst – vollkommene Ewigkeit. In der Geschöpfe Pracht erst vollendet sie sich. Und der Mensch hört auf die Stimme, die in ihm mahnt – und wird selbst Wahrer und Künder des Ewigen und Walter an der Vollkommenheit des ewigen Willens. So reicht er die gefüllten Eimer weiter. So ist sein Werken Gottesdienst. Oder aber er läßt die Stimme überlärmen. Dann hört er nicht den Lotsen, der ihn lenkt; dann geht er irre; dann verliert er Anfang und Ende und hat nur noch sich selbst; dann aber vergeht er sich am ewigen Sinn – und wird weggetan und ausgelöscht. Höre, mein Volk! Bist auch du reines Gefäß? Bist auch du Vollender und Vollstrecker ewigen Auftrags? Oder bist du Untiefe dem Strom, und Fälscher am ewigen Wirklichen? Bist du reine Form und reine Art – oder bist du mißgestaltet und entartet? Die Schöpferhand schwebt über dir, bereit, die Fülle des Unendlichen in deine Seele zu gießen – oder aber dich zu zerdrücken und wegzuwischen, damit Raum werde für reine Art. Höre, mein Volk! Du aber sollst Vollender sein! Du aber sollst ewigen Willen in deinem Blute tragen – und weitergeben an zukünftige Ewigkeit! Darum soll deine Art rein bleiben und stark werden! Darum sollst du alle Mißgestalt abtun und Wohlgestalt suchen! Höre, deutsches Volk! So vollende dich! Damit das Ewige durch dich – vollendet werde!

Karl Albiker, Die Staffelläufer

4. Nicht das Glück ist dein Freund, sondern die Not!

Das Glück macht deinen Arm schlaff und deine Waffe stumpf. Im sorglosen Behagen traf uns der ärgste Pfeil. Die Not aber, das ist der große Prüfstein für fest und brüchig. Da enthüllt sich alles Verlogene und zerbirst alles morsche Geäst und aller geborgter Tand. In der Not versiegen alle seichten Bronnen und fließen nur die tiefgründigen Quellen der eigenen Kraft. Aus Not und Graus erhebt sich nur stärker der Wille zur Zukunft. In Drangsal und Gefahr haben wir uns den Gottestrotz geschmiedet, und im Angesicht des Todes begründeten wir unsere Ewigkeit. Unser Gebet war das Knirschen des Pfluges in Sand und Sumpf, der Schlag der Axt in den Wäldern des Ostens und das Singen des Schwertes. Dennoch – sprüht das Licht in die Finsternis hinein. Dennoch – vertraut sich das Boot dem Sturme an. Dennoch – grünt das Moos auf dem Fels. Dennoch – ist alles Leben. Sprecht nicht von Tugend und Treue, wenn ihr den unzerbrechlichen Trotz nicht kennt gegen Tod und Untergang. Nie in der Geschichte ist unserem Volke etwas geschenkt worden, und die Gunst des Schicksals bestand darin, daß wir nie zur Ruhe kamen. Jeden Tag unseres Lebens haben wir dem Tode abgetrotzt. Darum haben wir auch immer aus untersten Tiefen gelebt, und immer stand die letzte Frage über all unserm Tun. Freut euch darum der Not! Und faßt das Schwert fester!

© Vorwort und  Edition von Wilnort und Siegling, Dezember 2006

Aus dem Artikel- und Bucharchiv Velesova Sloboda


Print Friendly, PDF & Email