Gerhard Hess

LEBENSBAUM WIRD SYMBOLISCHE HIMMELSSTÜTZE

Abb. 1: Becher aus Babylon mit Palmbaumsäule, 10. Jh. v.0 – Abb. 2: Palmbaumsäule als Himmelsstütze auf der Tafel des Shamash, des babylonischen Sonnengottes, 9. Jh. v.0, Sippar, Südirak.

Die ehrenwerte Dattelpalme ist in natürlichen Wiedergaben, wie auch in erstaunlicher Breite unterschiedlichster künstlerisch-einfallsreicher Zierstil-, Verklärungs- und Sakralformen im gesamten alten Orient, von Anatolien bis Syrien, schon dem sumerischen  Mesopotamien, den heutigen Gebieten des Irak-Iran, sowie Zypern und Kreta, ebenso in den phönizischen Kolonialstädten, in geschicktesten und bewundernswertesten Arten und Weisen dargestellt worden. Bereits 1.600 v.0 zeigt die minoische Goldtasse die Palmenwipfel in der allgemein bekannten, sogenannten ›Lilienform‹. Wie weit die Stilisierung der hl. Palme gehen konnte, demonstriert eine kretische Krater-Dekoration (Weinmischgefäß) von 14. Jh. v.0 aus einem Felskammergrab. Zwei Ziegen flankieren die Lebensbaum-Palme (Louvre/Paris – Inv. CA 883). Mykenisch-späthelladische (1.300-1.200 v.0) Objekte zeigen einen auf das Wesentliche reduzierten symbolhaften Lebensbaum (im Brit. Mus., London – Nr. 86.4-15.15). Den heiligen Dattel-Baum, mit den beschützenden Keruben, die auf liegenden Löwen stehen (aus Megiddo), zeigen die schematisierten altorientalischen Rollsiegelbilder des 14. Jhs. v.0. Die Palme wurde der Baum des allerhaltenden babylonischen Sonnengottes Šamaš/Schamasch, ebenso des assyrischen Gottes Aššur, wie des griechischen Apollon. Die frühgriechisch-helladischen Kulturen spielen ebenso mit den Palmblattranken und Palmetten in ihrer Ornamentik und den Giebelzieren, den Akroterien, ihrer Tempel. Die Etrusker führten das orientalische Erbe fort und die röm. Kunst, besonders die byzantinische, von der sich die germanischen Langobarden in Italien förmlich faszinieren ließen und die Palmette, mit ihren altnordischen Vorstellungen von der Weltensäule, zur vielgestaltigen Palmettensäule verwoben. Die Dattelpalme war zunächst der lebenserhaltende hohe Baum, wie auch der jeweilige Herrscher sich als die lebenserhaltende Säule seines Staates fühlen mochte. Aus dieser Betrachtung wurde die Palme zum Baum des Königs, zum Königsbaum des Orients. Der Herrschaftsstab orientalischer Könige konnte noch einem detailliert nachgear­beite­ten, schematisierten Palmbäumchen gleichen, wie es beispielsweise das Relief des aramäischen Herr­schers Barrekub (ca. 850 v.0) vorführt.

Auch in den sog. ›Lilienzeptern‹ der west- und ostfränkischen Könige und deutschen Kaisern des ›Heiligen römischen Reiches‹ – wahr­scheinlich durch Impulse des vorbild­gebenden byzan­tinischen Kul­tur­kreises, über die Vermittlung der Langobarden in Italien, spiegelt sich das ur­alte Herkommen. Das ›lilienförmige‹ Lebensbaum-Kürzel ist auf persischen Silberfla­schen des 5. Jh. im Museum für Isla­mi­sche Kunst, Berlin (z.B.: Kat. 19+1/79/Nr. 94), ebenso zu sehen, wie auf der Schluß-Seite der Bibel von San Isidoro, Vale­rania, Spanien, 960 n.0, auch auf dem Kreuz Justins II., in der Sakristei von St. Peter/Rom und in vielen Tympana-Reliefs mittelalterlicher Kirchen. Auf etlichen Bogenfeldern und Taufsteinen romanischer Kirchen in Deutschland finden sich die Lebensbaum-Bilder und die verkleinerten Lebensbäumchen, die sog. ›Lilien‹. In der römisch-norische Stadt Teurnia/Tiburnia in Oberkärnten bei Spittal, die in der Spätantike Bischofssitz wurde fand man das Fußbodenmosaik mit dem Lebensbaum in der alten Basilika aus 6. Jahrhundert.

Der ›Regiswindis-Sarkophag‹ in Lauffen am Neckar, aus 7./8. Jh., trägt auf seinen Stirnseiten gleichberechtigt ein Kreuz und ein Lilien-Lebensbäumchen. Nicht immer ist sicher auszumachen, ob sie von den kirchlichen Auftraggebern im lobenden, einladenden oder ablehnenden, verketzerndem Sinne gedacht waren. Positiv gedacht waren sie, wenn sie das zentrale größere Kreuz flankieren, oder repräsentativ allein das Bogenfeld beherrschen. Positive Beispiele dafür fanden sich beispielsweise an den Kirchen von Altenmarkt (Ndby.), Tiefenort (Thür.), Aue-Aylsdorf, Gumperda, Ossig (Sachs.), Bebenhausen (Württbg.). Negative Beispiele wären: Das Palmen-Motiv auf der Halbsäule des Apsis-Relief am Dom zu Speyer, der unter Kaiser Heinrich IV. im Jahr 1061 geweiht wurde. Es veralbert und verketzert allerdeutlichst den Altglauben. Freiburg (Sachs.), Tritwell (Engl.), Hürup (Schlesw.), Rieseby (Schlesw.), Reisby (Schlesw.) und besonders deutlich die Taufe von Feldstedt (Schlesw.), wo dem Lebensbaum von Esel und aufgezäumtem Ross gehuldigt wird, nach kirchlichem Sprachgebrauch also von ›Dummheit‹ und ›Stolz‹. Taufstein von Althadersleben (Schlesw.), aus 12. Jh., wo der Lebensbaum von zwei Bestien angebetet wird.

Regiswindis-Sarkophag in Lauffen am Neckar

Benediktinisches Taufsteinbild in Freudenstadt, Stadtkirche, wo der Drachen eine ›Lilie‹ ausspuckt, sein Schwanzende als ›Lilie‹ geformt ist und ein Hund ›Lilie‹ und Schlange ausspeit. Zum Thema schaffte lesenswerte Übersicht Romuald Bauerreiss, in ›Arbor Vitae‹, Bd. III der Abhandlungen der Bayerischen Benediktiner-Akademie, 1938. An der Idee des orientalischen Dattelpalmen-Lebensbaumes, wie er zur urjüdischen Kultur gehörte, war mit dem Einzug des judäochristlichen Religionskonzeptes, zunächst nichts Anstößiges auszumachen, er gehörte zur Christenkirchlichen Ideologie und deren künstlerischer propagandistischer Ausschmückung. Demzufolge konnte der Lebensbaum sinnbildlich das ältere Judentum vertreten, das vom jugendlichen Christenkreuz widerlegt und überwunden wäre. Kleriker die die Anschauung vertraten, die Symbiose von Altem und Neuem Testament sei real nicht denkbar, die prinzipiell unterschiedlichen Denkweisen verhielten sich wie Feuer und Wasser, müssen den jüdischen Lebensbaum als überholten Teil ihrer Religion gesehen haben, welchen man überwinden und ausscheiden müsste. Entsprechende Bildnisse bevorzugten sie in ihren Kirchen. Jene dagegen, die ihre vier synoptischen Evangelien im Sinne einer Krönung und Vollendung des Pentateuchs verstanden und mithin eine theologische christlich-jüdische Koexistenz für möglich hielten, werden den jüdischen Lebensbaum im positiven Sinne für die Darstellungen ihrer Auslegungen benutzt haben. Beispielhaft für die letztere Sichtweise ist zweifellos das Tympanum des Kirchenportals aus Elstertrebnitz bei Borna, Sachsen-Anhalt.

Kirchenbogenfeld von Elstertrebnitz (südl. Leipzig) aus der abgerissenen romanischen St.-Martins-Kirche

Es befindet sich heute im Museum der Albrechtsburg, Meißen. Auf linker Seite hält der Anbetende eine Palmblatt-›Lilie‹ zu Gottes Thron empor. Auf rechter Seite steht der Anbetende hinter einem ›Kreuzesbaum‹. Lebensbaum und Kreuzbaum werden hier gleichberechtigt nebeneinander gehalten. das linksseitige Rad und die rechtsseitige Gans sind beides belegte ikonographische Attribute des St. Martin, passen also zur St.-Martins-Kirche, zu der das Bogenfeld gehörte. Die Deutung des Reliefs ist einfach, denn die vorliegende ikonographische Bildsprache ist eindeutig. Die linke Gestalt weist sich durch Heiligenschein und verzierter, knöchellanger Kasel als ein ›Heiliger‹ bzw. Bischof aus. Zu seiner seelisch-geistigen Reife im judäochristlichen Sinne gehört der ›Baum der Erkenntnis‹ oder ›Lebensbaum‹, ihm ist die ›Auferstehung‹ von den Toten, zum ›Ewigen Leben in Gott‹, schon gewiß. Denn in der christlichen Symbollehre versinnbildlichte die ›Lilien‹-Pflanze auch die ›Kirche‹ und die ›Auferstehung‹. Auf der rechten Seite – vom thronenden Gott aus, zur Linken, also zur nachgeordneten Seite – ringt der schlicht gewandete Laien-Christ mit gefalteten Händen um Gnade und ist zunächst so theologisch dumm wie die hinter ihm platzierte Gans. Ihm ist der dornige Weg durchs irdische Jammertal, des vorbildgebenden Kruzifixus vorangestellt, hinter dem er harrt, über den er Gott um Gnade anfleht und über den er allein zu Gott hinzufinden vermag. Aus den irregeleiteten Patrioten-Kreisen von Wilhelm Teudt und Prof. Julius Andree wurde der Unsinn gemutmaßt, daß sich hier Heide und Christ gegenüber stünden, der Heide mit seiner Irminsul und der Christ mit seinem Kreuz.
DATTELPALME-LEBENSBAUM WIRD KÖNIGS- und KAISER-ATTRIBUT

Bilderklärung: 1. Bild zeigt Mosaik aus dem byzantinischen Klosters in Tall Bi’a, am oberen Euphrat, aus Beginn 6. Jh n.0. – 2. Bild zeigt Mosaik Papst Felix III. (um 527–530) aus Kirche in Rom, SS. Cosma e Damiano. – 3. Bild Kaiser Friedrich Barbarossa (1122-1190) trug das dreiblättrige Lebensblumenzepter (sog. „Lilie“); siehe: Miniatur aus Historia Welforum, Fulda, Hess. Landesbibliothek, Cod. D. 11, fol. 14r. – 3. Bild zeigt seinen Sohn Heinrich VI. (1165-1197) wie er das dreistöckige Palmbaumzepter in der Hand hält; siehe: Liber ad honorem Augusti des Petrus de Ebulo, 1196. – Die hl. Dattelpalme, wurde im 5./6. Jh. noch in natürlicher Darstellung, sowie als Palmbaum-Ikone, kirchlicherseits als eigenes Symbolgut verstanden. Um fünf Jahrhunderte später ist sie zum Würdezeichen europäischer Herrscher geworden, das Könige und Kaiser trugen. – In dieser Zeit wurde die Palme, und ihre idolistischen Abformungen, zum Ärgernis der mönchisch-päpstlichen Christenwelt, weil sie sich im Kampf gegen das als heidnisch eingeschätzte deutsche Kaiser- und Rittertum befand.

Pippin der Jüngere/Kleine (714-768), Vater ›Karls des Großen‹, wurde in den mittelalterlichen. Darstellungen (1114) mit dem Dreispross-Zepter gezeigt; davon zur ›Lilie‹ wäre es nur ein kleiner Schritt. Schon unter den französischen Merowingern und Karolingern war die verkleinerte Lebensbaum-Chiffre in ›Lilien‹-Form auf Schmuckgegenständen und Waffen gebräuchlich, doch erst mit den Karpetingern (franz. Könige 987-1328), namentlich mit König ›Robert dem Frommen‹ (996-1031), wurde die ›Lilie‹ Teil des Herrscherornats der franz. Monarchie. Im Siegel Roberts wurde erstmals das ›Lilien‹-Symbol für die Darstellung des Kronornaments genutzt. Im Steinrelief der ehemaligen Klosterkirche der Benediktiner in Neustadt am Main trägt ›Karl der Große‹ zwar das ›Lilienzepter‹, aber das Bildnis wird auf um 1400 datiert. Die deutschen Kaiser zogen nach, wie eine Silbermünze Heinrichs V. (1081-1086) zeigt, wo er ein ›Lilienzepter‹ in der Hand hält.

Auch die Reliefs der Trep­pen­wange in der Ka­the­drale San Va­lentino, Bitonto (Bari), Italien (Bauzeit 1175-1200) zeigt die vier staufischen Herrscher in direkter aufsteigender Linie nebeneinander gestellt: Friedrich Barbarossa, sein ›Lilie‹-Zepter in der Linken, an seinen Sohn Heinrich weiterreichend. Daneben, um eine Stufe höher, Friedrich II. und zuletzt sein Sohn Konrad IV. oder sein Sohn Heinrich VII. Kaiser Hein­rich V. hielt sein ›Welten­baum-Palmen-Zepter‹(flankiert von Sonne und Mond), wie es auf den schon genannten Silbermünzen zu se­hen ist. Daß dieser sog. ›Dreispross‹ oder die ›he­raldische Lilie‹, wie man sie ohne Verständnis für ihre Herkunft nannte, mit der namengebenden Blume in kein­em ursprünglichen Zusam­men­hang steht, erweist ein überzeugendes Denkmälerma­terial – besonders aus der lan­gobardischen Kunst.

Die ›Lilie‹ bzw. der ›Dreispross‹ gibt sich spätestens dann als Bildkürzel der hl. Palme zu erkennen, wenn das Gebilde auf hohem Stamm von Tie­ren flankiert oder umstanden wird, wie es schon die altorientalische Ikonographie bevorzugte. Keine noch so phantasievoll variierte europäische Baum­form könnte dieser Gestalt entsprechen. Rudolf von Rheinfelden bzw. Rudolf von Schwaben (1025-1057) war zunächst Anhänger seines Schwagers Heinrich IV., schlug sich dann im Investiturstreit zu dessen Gegnern, der Papstpartei. Seine Grabplatte im Dom zu Merseburg ist die älteste Bronzegrabplatte Mitteleuropas, sie zeigt das Palmbaum-›Lilien‹-Zepter mit den typischen gerippten Palmwedeln. Weil das orientalische Lebensbaum-Palmbaum-Zepter bzw. das ›Lilienzepter‹ auch von europäi­schen Potentaten nachgeahmt und als Symbol ihrer Herrscherwürde gebraucht wurde, gedieh es zum allgemeinen Herrschaftszeichen weltlicher Macht. Die herrliche Palme auf dem Dekor des deutschen Kaiser- und Krönungsmantel wurde 1134 in Palermo von nordafrikanisch-islamischen Frauen für den Normannenkönig Roger II. von Sizilien gestickt und gelangte an Kaiser Heinrich VI. Er zeigt im Zentrum den stilisierten Dattelpalmbaum, flankiert von Löwen die jeweils ein Kamel schlagen (Löwe = Sinnbild der Königs- / Kaisermacht + Kamel = Sinnbild des Islam).

Über den imperialen römischen Einfluss auf Gallien und Germanien, dann über die kirchenchristliche Mission, zunächst zu den katholischen Merowingern und Karolingern, gelangten Idee und Formen des Lebensbaumes, oft zur sog. „he­raldischen Lilie“ vereinfacht, in den germanischen Lebensraum. Erst als die hochmittelalterliche Christenkirche, in ihrem Zweig des staatlich protegierten Mönchtums, was zu immer mächtigeren vernetzten Klosterstrukturen herangediehen war, zu einem Staat im Staate wurde, und im Zuge der gre­gorianischen Reformidee, verstärkt begann, sich gegen die profanen Herrschaften aufzulehnen, weil es meinte, die Kirche bzw. der Papst müsse dem Kaiser befehlen, aber nicht umgekehrt, begann auch der mönchische Bilderkampf wider die ›Lilie‹, als dem Zeichen der Kaiserwürde. Kaum anders erklärt sich die Menge der schmähen­den päpstlich-rö­misch ge­steuer­ten Kirchen­kunst. Diese Politik der Diskriminierung wird anhand einer Fülle von Belegen erkennbar: Da huldigen abscheuliche Tiere dem ›Lebensbaum‹(z.B. Tympa­num-Bruch­stück, Stadtkirche Freyburg; Dax/Landes, Frankr.; Fritwell, Engl.), da endet ein Wolfs­penis in solcher Gestalt (z.B. Rada-Kirche, Lidköping, Schwed.), es ragen ›Lebensbäum­chen‹ zun­gen­gleich aus Mäulern dämonischer Bestien (z.B. Taufstein Altenstadt in Freudenstadt; Schloss Ti­rol), oder die Schwanzspitzen von Drachen laufen in diesen Formen aus (z.B. Schot­tenportal, Regensburg; St. Laurentius, Erwitte). Das diesbezüglich klarste und deutlichste Werk der schmähsüchtigen benediktinischen Kampfpropaganda gegen die weltliche Kaiserherrlichkeit ist das Großrelief am altheiligen Agisterstein-Externstein. Auf diesem Bild neigt sich nicht der Kaiserbaum vor dem dominanten Kirchenchristenkreuz, nein ärger noch, er ist nach hinten umgebogen und eine menschliche Gestalt, so lautet die altvertraute Bildsprache, hat seine Füße auf den Nacken des ›Kaisers‹ gesetzt. Unterstrichen wird die Bildaussage im unteren, unfertigen Register der Steinmetzarbeit, wo der Drachenschwanz mit einem Palmettenbusch versehen wurde.

Bilderklärung: Die himmelhohe Palme wird in altorientalisch-babylonischen, -assyrischen Reliefs massenhaft naturgetreu dargestellt (Abb. 6). Sie ist schon früh mit solaren Gottheiten in Beziehung gesetzt worden. So galt sie auch als Baum des sonnengeistigen Griechen-Gottes Apollon. Auf einem Krater von Jüz Oba reichen sich Apollon und Dionysos vor einem Palmbaum die Hände (Abb. 7). Das vorderasiati­sche Kunstschaffen griff das Dattelpalm-Motiv auf und gestaltete es phantasievoll aus. Ins Reli­giöse überhöht wurden die Formen eines „Lebensbaumes“ entwic­kelt, welche sich zwar an die Naturgestalt der Dattelpalme anlehnten, doch mehr und mehr ins Sinnbildlich-idolhafte über­gingen. Aus den Palmblättern wurden sich reckende und ringelnde Voluten, und die Blütenkol­ben bzw. Dattelfruchtstände deutete man durch nach unten weisende kleine Spiralen an. Ein phö­nizisches Dekorationsplätt­chen (Abb. 9) zeigt den hl. Baum ebenso wie das assyrische Elfenbein­kästchen aus Ninive (Abb. 10) und das Relief einer Elfenbein-Pyxis aus Kalchu/Nimrud des 9. Jh. v.0 (Abb. 11). Cha­rakteristisch für den phönizischen Volutenkopf sind das mittlere Dreieck oder die nach oben wei­senden Spitzwinkel, wie es die Externstein-Palme (Abb. 12) in einer ungenauen Zeichnung aufweist. Insbe­sondere finden sich diese Formen auf kretisch-mykenischen Kapitellen von Ky­pros, Zypern (z.B. die Kalkstein-Stele aus Athienu; Verzierungen im Grab von Tamassos). Der Baum des Externstein-Kreuzab­nahme­reliefs entspricht in je­dem Detail den be­kannten alten Vorbildern des hl. Palmbaumes aus Mesopotamien und dem östlichen Mittel­meerraum. Abb. 13 zeigt das Logo einer sich deutschvölkisch gebenden Organisation.

 

Bilderklärung: Oben links = Die Antikensammlung des Kunsthist. Mus. Wien besitzt, Inventar-Nr. ANSA_I_717, ein Kalkstein-Pfeilerkapitell aus Zypern, der eisenzeitlich-archaischen Periode – 6. Jh. v.0 – Abmessungen H. 90 cm, B. 117 cm, T. 21 cm. Das Volutenkapitell aus östli. Teil der Akropolis von Idalion (Zypern), diente als Bekrönung einer Votivstele. Es gehört zu einer Serie von Denkmälern, die vom 7. bis 5. Jh. v. 0 in Idalion, Golgoi und Tamassos in Grabanlagen aufgestellt waren und das orientalische Motiv des Hl. Baumes oder Lebensbaumes repräsentieren. Ich selbst sah mehrere derartige Vergleichstücke in den Museen Zyperns. – Oben Mitte, Neu-Assyrische Periode, 9./8. Jh. v.0, aus der Burg des Shalmaneser von Nimrud/Kalhu, Irak (im Brit.-Mus., London). Oben Mitte = Neu-Assyrische Periode, 9./8. Jh. v.0. aus Burg des Shalmaneser, Nimrud/Kalhu, Irak (Brit.-Mus. London). Oben rechts = Ziegen am Lebensbaum (aus Akkon/Palästina), eine beliebte Formel altorientalisch-sakraler Bildkunst. Der bereits auf altsyrischen Siegeln belegte Bildertyp hält sich in Syrien-Palästina bis in die Eisenzeit III.– Mittlere Etage, links = Palmetten-Mosaikschmuck der Innendekoration im Felsendom zu Jerusalem, frühe islam. Ausschmückung. – Mittlere Etage Mitte = Englische Bilderklärung: Tree of Life in the Garden of Eden … Solomon’s Temple was decorated with Cherubim and Palm Trees (1 Kings 6:29, 32). Weiter in Übersetzung: Der ›Baum des Lebens‹ im Garten Eden ist möglicherweise die unter syrischen Vorstellungen vom phönizischen Lotus- und Papyrusbaums, eine Neuinterpretation der ägyptischen Sonnenikonographie, die mit der Auferstehung der Toten zum Leben aus der großen Lotusblüte verbunden ist, die sie jeden Tag vom Sonnengott und den Göttern Ägyptens, zur Welt bringt, um ihnen Unsterblichkeit zu versichern, verschmolzen mit der heiligen mesopotamischen Dattelpalme. Der Baum wird von zwei geflügelten Sphinxen flankiert, hebräischen Cherubim, die menschliche Köpfe, Löwenkörper und Flügel besitzen. (vgl. William Culican, Die ersten Handelsunternehmen, Die alte Levante in Geschichte und Handel, London, 1966, S. 75. Abb. 79) Es handelt sich um eine phönizische Arbeit des 8. Jh. v.0. – Mittlere Etage rechts = Zwei Genien/Cherubime bewachen den Lebensbaum, auf einer phönizischen Elfenbein-Schatulle. – Untere Etage links = Assyrisches Elfenbeinschmuckblättchen, 9./8. Jh. v.0 aus Burg des Salmanassar (König von 726-721 v.0). – Unten Mitte = Neuassyrisches Lebensbaum-Dattelpalmen-Idol als Anbetungsobjekt – Alabaster-Wandrelief aus dem Nord-West-Palast des Assurnasirpal II. (König von 883 bis 859 v. 0); Nimrud/Kalchu liegt am Ostufer des Tigris. (Brit.-Mus., London). – Unten rechts = Palmetten-Lebensbaum-Motiv auf zyprischer Vase im Stil ›Cypro Archaic‹, 750/600 v.0.

 

Um eine Vorstellung zu vermitteln, wie variabel der Palmettbaum in seriöser und frei-verspielter Weise gestaltet wurde, hier zwei Beispiele: Abb. 1 = Neuhethitisch-aramäisches Basaltrelief des Prinzen Barrakab auf dem Thron, mit Palmbaum-Zepter in der Hand, ca. 730 v.0, vom Palast Sam’al Zincirili (heute Türkei). – Abb. 2 = Terrakotta-Krater der zypriotischen ›Bichrome IV-Ware‹, aus der Periode 750-600 v.0. Zwei Ziegen flankieren den Lebensbaum. Man sieht, was aus dem hl. Palmettbaum-Idol ein junger fantasievoller Künstler wagte, zu gestalten.

BEISPIELE FÜR DEN WINKEL-KRAGEN DES HL. KULTBAUMES IN DER KIRCHENKUNST

Ein wichtiges Merkmal der hl. Dattelpalmen-Ikonographie ist der Spitzwinkel-Kragen am oberen Stammende, unmittelbar unter den Palmblatt-Voluten. Schon die altorientalischen Idole weisen diese Eigenart zuweilen auf. Belegt ist, daß den Hethitern das Dreieck, mit Spitze nach oben, als Heilssymbol galt.
Bilderklärung: Oben 1. Bild = Zeichnung eines Kapitells von S. Pietro in Pavia, der Hauptstadt des Langobardenreichs. Das von Stiersphinxen flankierte Lebensbaum-Idol besitzt den gleichen Dreiwinkel-Kragen wie die Externstein-Palmette. Als Herkunftsangabe der Zeichnung wird ›Quelle: Weiß (1929/30)‹ genannt. Ich fand bisher dazu keine Fotografie, habe Pavia noch nicht besucht. – Oben 2. Bild = Ein Säulenkapitell von Sant‘ Ambrogio in Mailand, einer frühchristlichen Kirche. Der Lebensbaum, mit zwei Kragen-Winkeln, wird von sich abwendenden Löwen flankiert. – Oben 3. Bild = Ein Säulenkapitell vom Dom zu Lund zeigt zwei beerenpickende Tauben. Über beiden Vögel hat der Bildhauer zwei heidnische Lebensbäumchen (›taub‹, weil ohne Mittelspross) gestaltet, welche den gleichen Dreiwinkel-Kragen aufweisen wie das verächtlich gestaltete, verbogene Lebensbaum-Idol vom Externstein. Wie ist das möglicherweise zu erklären? Der Dombau zu Lund ist ab dem Jahr 1104 begonnen worden. Sein Hauptaltar wurde am 30.06.1123 eingeweiht, gefolgt von den Nord- (1126) und Südseitenaltären (1131) der Krypta. Am 1.09.1145 wurde das Gebäude in einer Zeremonie eingeweiht, an der Bischöfe aus Dänemark, Schweden u. Deutschland teilnahmen. Der Architekt der Kathedrale ist als ›Donatus Architectus‹ überliefert, welcher aus der Lombardei stammte und, wie angenommen wird, zuvor am Dom zu Speyer tätig war, von dem aus – nach Arbeitseinstellung am Speyer-Dom im Jahr 1106, wegen Tod von Kaiser Heinrich IV. – er nach Skåne/Schonen kam. Sein dortiger Nachfolger war wohl ein Baumeister namens Ragnar. Nachdem in Deutschland Kaiser Heinrich IV., nach dem Tod seines Vaters, an die Macht kam, regierte er in Eintracht mit dem Klerus bis zum Wendepunkt des Jahres 1111, wo er unmittelbar vor seiner Kaiserkrönung vergeblich versuchte, den Bischöfen ihre Regalien (Hoheitsrechte) zu entziehen. Um wenigstens das bisherige Investiturrrecht, im Interesse des inneren Reichsfriedens, zu behalten, nahm er Papst Paschalis II. in Rom gefangen und erzwang seine Kaiserkrönung. Daraufhin schäumten die gregorianisch-parteilichen Mönche und Kleriker im Reich, zettelten den sächsischen Austand an, der in der größten Schlacht damaliger Zeit seinen Höhepunkt fand. Diese Schlacht am Welfesholz, fand am 11.02.1115 statt, sie ging für den Kaiser verloren. Der starb am 23.05.1125. ohne eigenen Nachfolger, so blieb er der letzte Kaiser aus dem Geschlecht der Salier. – Unten 1. Bild = Der Schwanz des Drachens, im unteren Register des Kreuzabnahme-Reliefs vom Agister-Externstein, endet in einem Dreiblattknauf, welcher einem Spitzwinkel-Kragen aufsitzt. Der Drache ist ein Bildsynonym für Satan und Heidentum. – Unten 2. Bild = Den gleichen Spitzwinkel-Kragen zeigt die Lebensbaum-Ikone im Relief-Register darüber. Mit dieser unmissverständlichen Bildsprache wurde die Gleichsetzung von Drache und Lebensbaum bekundet: Sie sind des Teufels!Unten 3. Bild = Das Kirchenbogenfeld der romanischen Kirche von Steinsfeld (Lkr. Ansbach/Mittelfranken, bei Rothenburg o.d. Tauber) zeigt zwei Lebensbäumchen, mit dem Topos des Spitzwinkel-Kragens am Volutenansatz. Die Gemeinde wurde 1256 erstmalig urkundlich als ›Steinsuelt‹, wohl Steinsäule, erwähnt. – Bild ganz rechts = Ein minoisches ›Lilien‹-Schmuckelement aus dem Akrotiri-Fresko, ›Schiffsprozession‹, der sog. ›Kapitänskajüte‹. Das Fresko stammt aus einer Zeit von 17./16. Jh. v.0. Es hatte sich unter Luftabschluß durch die Ascheschichten der Vulkanerruption des Santorin so gut erhalten. Wir sehen die sog. Palmbaum-›Lilie‹ bereits als Idol stilisiert; die blau gefärbten Voluten sind hochgeschlagen und nicht wie im gebogenen Lebensbaumbild des Agister-Externsteins seitlich gebreitet. Gekrönt wird das Gebilde durch einen Palmwedelfächer, in dessen Stamm die uns bekannten, signifikanten Dreiwinkel zu sehen sind.

WIE DAS DATTELBAUM-KULTIDOL IM EXTERNSTEIN-RELIEF ENTSTAND
Das geschmähte Dattelpalm-Lebensbaum-Idol vom Externstein ist von fanatischen mittelalterlichen Klerikern, von den Kaiser hassenden gregorianischen Mönchen in Auftrag gegeben worden, das steht fest. Wer die Denkweise dieser Leute nicht versteht, versteht nicht die Gedanken, die zu diesem Werk hinführten! Hilfreich ist dazu Autorin Susanne Müller-Trufaut, die der „›Deutschen-Bibel-Gesellschaft‹ verbunden ist; sie erklärt in ›Weltenbaum‹, 2007, S. 2ff: In der Ikonographie Palästinas / Israels findet man ab der Mittelbronzezeit (1750-1550 v. Chr.) sehr häufig die oben genannte Erdgöttin in Form des spezifisch lokalen Typus der Zweiggöttin und etwas später dann auch die Konstellation des von Capriden (Ziegenwesen) flankierten und von Keruben geschützten zentralen Weltenbaumes mit der nackten Göttin. … Die Symbolik des Weltenbaums, der die geordnete Welt zu verkörpern scheint und Gedeihen der Vegetation sowie Nahrung und Leben versinnbildlicht, erhält in der assyrischen Kunst des 1. Jt.s eine neue Konnotation: wo der Weltenbaum ursprünglich auf göttlichen Ursprung und numinose Beschützer verwies, wird er zum Symbol für das Königtum oder den die Weltordnung garantierenden Großkönig. Bildschriftlich findet diese Konzeption ein Echo bei biblischen Propheten. … Mächtige Bäume werden bei den Propheten häufig mit Idolatrie (z.B. Jes. 1,29; Hos 4,13) oder Hochmut (z.B. Jes. 2,13) in Beziehung gesetzt. Letztere Idee kann auch bei den Weltenbaumbeschreibungen mit anklingen, die sich bei den Propheten Ezechiel und Daniel finden. Bei beiden dient der Weltenbaum als Metapher für das Königtum. Das Gedeihen und Absterben des Königs/Weltenbaumes wird von Gott bestimmt, so in Ez 17, 22-24, wo u.a. von dem von JHWH erwählten zukünftigen (davidischen) König die Rede ist. Das Bild des Weltenbaumes überträgt Ezechiel auch auf ausländische Könige, deren sich der Gott Israels bedient. Gott lässt sie ›sprießen‹, aber ›entwurzelt‹sie, wenn sie sich überheblich für einen ›Gott-König‹ halten …In den Augen der gregorianischen Mönche überhob sich einer in schier unverzeihlicher Art und Weise, die die christfrommen Eiferer für den Gott Israels zur Empörung und Raserei anstachelte. Der aus der Sippe der Salier stammende Heinrich V. (1081-1125) war deutscher König und Kaiser des sog. ›Heiligen römischen Reiches deutscher Nation‹. Er mußte sich mit dem Reformpapsttum des Paschalis II. (1099-1118) herumärgern. Um das ihm abgestrittene bisherige Investiturrecht, also die königliche Amtseinsetzung geistlicher Würdenträger im Reiche, zu wahren, nahm er im Jahre 1111 Papst Paschalis II. in Rom gefangen und erzwang seine Kaiserkrönung. Paschalis II. war als Angehöriger des Benediktinerordens ein sog. monastischer Mönchspapst. Die Mönche hatten sich für die Inthronisierung Heinrichs V. stark gemacht, weil sie geglaubt hatten, mit ihm ein leicht lenkbares kirchliches Werkzeug in die Hand zu bekommen. Zu ihrem Schrecken verfolgte er aber – nicht viel anders als sein Vater es getan hatte – konsequente Reichspolitik. Als er die ›Ungeheuerlichkeit‹ beging, sogar dem Papst in Rom seinen Willen aufzuzwingen, kochten die Seelen der Überfrommen und es wurde – wo es nur möglich war – gegen ihn intrigiert. Seine zunehmend unflexible, harte Haltung im Norden des Reiches spielte den Hetzern in die Hände. Es bildete sich eine Fürstenopposition um Pfalzgraf Siegfried und Wiprecht von Groitzsch, die schließlich in der Schlacht am Welfesholz (14.02.1115) siegreich war, so dass der Kaiser seinen Einfluss in Ostsachsen auf Dauer verlor. Des Kaisers treuer Feldhauptmann, der große Hoyer von Mansfeld, fiel in der Schlacht im Zweikampf mit Wiprecht. Die Benediktinermönche waren fanatische Gregorianer (Vertreter der Auffassung, der Papst müsse des Kaisers Oberherr sein) und jubelten dementsprechend über den Sieg gegen den ›heidnischen Kaiser‹ und errichteten das Siegesmal im altheiligen Externstein im Teutoburger Wald. Der Corveyer Abt Erkenbert von Homburg (gestorben 1128) ist zwar von Heinrich V. selbst eingesetzt worden, hatte aber auf Seiten der Kaisergegner am Welfelsholz mitgefochten, wurde gefangen genommen und musste sich durch Lösegeldzahlung  freikaufen. Dem mit Erkenbert befreundeten Paderborner Benediktiner-Abdinghof-Kloster gehörte der altheilige Externstein in den die Mönche das bekannte Großrelief der ›Kreuzabnahme Christi‹ einmeißeln ließen. Es demonstriert den vom dominanten zentralen Kreuz-Symbol abgebogenen Kaiserbaum, der zusätzlich durch den darauf tretenden Nikodemus (Neutestamentliche Gestalt) gedemütigt wird. Bei dem Kaiserbaum handelt es sich um den ikonisierten altorientalischen Dattelpalmenbaum bzw. Lebensbaum, welcher als sog. ›Lilie‹ die abendländische Herrscher-Insignie wurde, wie sie es schon in den altorientalischen Fürstentümern war. In der Verkümmerungsform des ›Lebensbaumes‹, richtiger benannt als ›Lebensblume‹, haben sich verschiedene Traditionsstränge zusammengeschaut, nämlich die verkleinernde Konzentrationsform der vorderasiatischen hl. Dattelpalme, der hl. Lotos, der hl. Fruchtbarkeits-Dreispross oder Lebensrute und das hl. nordische Runenzeichen für Leben (), das im Oding-Futhark-Kalender zum Sommeranfang steht. Was beim verbogenen Agister-Externstein-Lebensbaum nicht außer Acht gelassen werden darf, ist der Umstand, dass hier jede Andeutung der Palmlaubkrone oder des Mittelsprosses aus bösen Gründen fehlt. Nur dieser versinnbildlicht nämlich das neue Leben, das Weiterleben! Und genau das wünschten die weltabgewandten und papstgläubigen gregorianischen Mönche der Idee des weltlichen Herrschertums, des Kaisertums, auf keinen Fall.

Kreuz und Palmbaum-Idol am Externstein