(Dominique Venner)

François Julien, einer der scharfsinnigsten Geister unserer Zeit, erinnerte sich:

„Als ich zur Schule ging, nannten die Leute mich und einen Freund ›die Homeristen‹ (…) Und ich war mehr und mehr davon überzeugt, daß man, wenn man die entscheidenden Kategorien des europäischen Denkens sucht
(Kategorien des ›Handelns‹ wie auch des ›Wissens‹), weit eher zu Homer oder Hesiod gehen sollte als zu Plato (…) Vereinigt [die Ilias und die Odyssee], und ihr erhaltet die fundamentalen Umrisse der griechischen Philosophie.“ [1]

Wer war Homer? Lassen wir die gelehrten Debatten beiseite. Alles, was zählt, ist, was die Alten dachten. Für sie gab es keinen Zweifel an der Realität des göttlichen Poeten. Gleichermaßen zweifelten sie nie an seiner doppelten Vaterschaft an der Ilias und der Odyssee.[2]

Die Relevanz und Überlieferung von Homer

Die Relevanz Homers wurde 2007 in einer Ausstellung hervorgehoben, die von der Bibliothèque Nationale de France organisiert wurde. [3] Sie präsentierte zum ersten Mal die reiche Sammlung ihres Cabinet des médailles. Wie Patrick Morantin, der Organisator der Ausstellung, schrieb: „ … zuerst müssen wir die Tatsache würdigen, daß ein Werk dieser Größe 3.000 Jahre überlebt hat. Welche Verehrung muß das Werk des Poeten begleitet haben, wie auch immer die Zeiten waren, daß dieses Opus die Kriege, Vandalismen, Unfälle, Zensoren und Ignoranz überlebt hat! Wie viele Werke der Spätantike gingen verloren, während wir heute die Ilias und die Odyssee in ihrer Gesamtheit lesen können!“ Und Morantin fügte hinzu: „Die Ilias ist vielleicht, zusammen mit dem Neuen Testament, das Werk, das wir aus der größten Zahl von Quellen kennen.“
Plato sagte, daß Homer „der Lehrer Griechenlands“ war. Daher war er auch der unsrige. Seine Werke, die zuerst mündlich weitergegeben wurden, gehen auf das 8. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung zurück. Zwei Jahrhunderte später erstellten drei athenische Staatsmänner, besonders Peisistratos, die erste geschriebene Fassung, die daher auf das 6. Jahrhundert v. Chr. zurückgeht. Später, fügen die Organisatoren der Ausstellung hinzu, zwischen dem 2. und 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung „war Homer an der Bibliothek von Alexandria der meiststudierte Autor; er war auch der erste, der eine echte kritische Bearbeitung erhielt. Diese kritische Bearbeitung begann mit Zenodotos von Ephesos in der ersten Hälfte des 3. Jahrhunderts v. Chr. und fand ihren Höhepunkt mit Aristarchus von Samothrake in der ersten Hälfte des folgenden Jahrhunderts… Beginnend im 2. Jahrhundert v. Chr. wird der Text einheitlich. Das Werk der alexandrinischen Gelehrten hat einen Standard gesetzt, auf den sich von da an jeder bezog.“ Die gemeinsame Quelle war die Ausgabe, die in Athen im 6. Jahrhundert auf Weisung von Peisistratos erstellt worden war.

Vom Mittelalter zur Renaissance

Die Erinnerung an die Epen war nach dem Ende des weströmischen Reiches verblaßt, ohne jedoch zu verschwinden: Obwohl im mittelalterlichen Westen die Verbindung zu den Originaltexten von Homer unterbrochen war, hörte der Name des Poeten nie auf, verehrt zu werden, und seine Helden und deren Abenteuer wurden nicht vergessen. Homer nährte indirekt weiterhin die Phantasie des Mittelalters durch die traditionellen lateinischen Poeten wie Vergil, Ovid, Statius, die lateinischen Zusammenfassungen der Ilias, die apokryphen Bücher von Dares von Phrygien und Dictys von Kreta, die mittelalterlichen Ritterromane wie dem Troja-Roman von Benoît de Sainte-Maure und deren Prosaadaptationen, sodaß die Helden und Themen der Epen der gebildeten Öffentlichkeit bis in die Renaissance bekannt waren, als die Ilias und die Odyssee im originalen Griechisch wiederentdeckt wurden.

Paradoxerweise sorgte das byzantinische Reich trotz seiner Christianisierung „für die Überlieferung der alten Autoren. Die klassische Tradition wurde so in Byzanz aufrecht erhalten, wo von 425 bis 1453 die Schulen von Konstantinopel ihre Säulen blieben. Dies ist der Grund dafür, daß es unangemessen ist, im oströmischen Reich von der ›Renaissance‹ zu sprechen. Im Westen andererseits war die Wiederentdeckung Homers eine bemerkenswerte Tatsache für die ersten italienischen Humanisten.“
Auf Ersuchen Petrarcas, der kein Griechisch beherrschte, wurde von 1365-66 die erste lateinische Übersetzung der Ilias erstellt.

Das entscheidende Ereignis war der Fall von Konstantinopel im Jahr 1453. Kurz zuvor hatten viele gelehrte Byzantiner Zuflucht in Italien gesucht. Daher erschienen in Florenz im Jahr 1488 die ersten griechischen Ausgaben der Ilias und der Odyssee. Die erste französische Übersetzung der Ilias erfolgte 1577 durch Breyer.

In einem Interview, das den BNF-Katalog einleitete, betonte Jacqueline de Romilly, daß die Ilias und die Odyssee ein hohes Niveau der Zivilisation im Sinn verfeinerter Manieren offenbaren. Die Historikerin fügte hinzu: „Mein Lehrer Louis Bodin, ein großer Spezialist für Thukydides, sagte mir kurz vor seinem Tod: ‚Für mich gibt es jetzt nichts mehr außer Homer.’ Und für mich ist es jetzt ziemlich genauso; man kehrt zum Wesentlichen zurück, zum völlig Reinen.“

Immer der Beste

In diesen Epen zirkuliert der Saft der ewigen Jugend. Sie sind die Quelle unserer Literatur und ein wichtiger Teil unserer Phantasie. Zunächst kann ihr wunderbar einfallsreicher Stil ein wenig befremdlich erscheinen, mit den wiederholten Beschreibungen, die von den antiken Zuhörern als Referenzpunkte benutzt wurden. [4] Aber sobald man sich in den Text einliest, wird man davon verzaubert.

Indem er die Ilias verfaßte, wurde Homer zum Schöpfer des allerersten tragischen Epos, und mit der Odyssee zu dem des allerersten Romans. Beide Gedichte stellen die Individualität der Charaktere ins Zentrum der Geschichte, etwas, das man in der Tradition keiner anderen Zivilisation findet. Wie André Bonnard betonte, ist die Ilias eine Welt, die von unzähligen verschiedenen Charakteren bevölkert wird. Homer beschreibt sie nicht, um sie zum Leben zu erwecken. Es genügt ihm, ihnen eine Geste oder ein Wort zu verleihen. Hunderte von Kriegern sterben in der Ilias, aber mit einem spezifischen Merkmal gibt ihnen der Poet ein einzigartiges Leben im Moment ihres Todes: „Und Diores fiel in den Staub, auf seinen Rücken, seine Arme streckten sich nach seinen Kameraden aus“ (IV, 565). Nur eine Geste, und heute werden wir von diesem unbekannten Diores und seiner Liebe zum Leben berührt.

Der Tod kommt zum Trojaner Harpalion, einem tapferen Mann, der eine Bewegung des Schreckens nicht kontrollieren kann: „Er machte kehrt und schloß sich wieder der Gruppe seiner Kameraden an, wobei er sich umsah, sodaß Bronze nicht sein Fleisch treffe.“ Er fiel in die Arme seiner Kameraden, und auf dem Boden drückte sein Körper seine Empörung aus, während er sich wand „wie ein Wurm“ (XIII, 654). Fast sämtliche Charaktere der Ilias, außer Frauen, Kindern und alten Männern, sind Krieger. Die Mehrheit davon ist tapfer, aber nicht in der gleichen Weise. Die Tapferkeit von Ajax, des Sohnes von Telamon, des Ersten unter den Griechen nach Achilles in seiner beeindruckenden Statur, Stärke und kühlen, harten, ehrfurchtgebietenden Tapferkeit: „Er schritt vorwärts wie der große Ares [der Gott des Krieges], wenn er in die Schlacht zieht… So stürmte der große Ajax, das Bollwerk der Achäer, vorwärts, ein Lächeln auf seinem wilden Gesicht. Und seine Füße machten große Schritte, als er einen Speer hochhielt, dessen Schatten wuchs. Bei seinem Anblick waren die Argier [Achäer] in großer Freude. Ein schrecklicher Schauder schüttelte die Glieder jedes Trojaners, und selbst Hektors Herz pochte in seiner Brust… Ajax kam näher wie ein Turm… (VIII, 208-19)

Ein Einzelkampf, ein Duell, folgte, voller Feuer, zwischen Ajax und Hektor, der nach vielen Angriffen am Hals verwundet wurde. „Der Speer ließ schwarzes Blut verströmen.“ Als die Nacht anbrach, griffen die Herolde ein, um die beiden Kämpfer zu trennen. Homer zeigt uns den Punkt, wo der Kampf ritterlichen Regeln gehorcht. Die beiden Widersacher einigen sich darauf, den Kampf bis zum nächsten Tag ruhen zu lassen, worauf sie in ihre Lager zurückkehren und sogar ihre Waffen austauschen (VII, 303-5). Bei aller Sturheit willigt Ajax ein, im Gefühl, daß er in diesem Duell triumphiert hat.

Anders ist die Tapferkeit des jungen Diomedes. Er hat den Feuereifer und Elan der Jugend. Er ist nach Achilles der jüngste unter den Helden der Ilias. Er ist nie müde. Nach einem harten Tag des Kampfes meldet er sich immer noch zu einer gefährlichen Nachtexpedition ins trojanische Lager, in Begleitung des Odysseus, eines ebenso tapferen wie gewitzten und umsichtigen Kriegers. Diomedes ist auch einer der ritterlichen Charaktere in dem Gedicht. Eines Tages, als er einen Trojaner heftig bekämpft, erfährt er in dem Moment, als er mit seiner Lanze zustößt, daß es Glaukos ist, der Sohn eines Patrons und Freundes seines Vaters.

Das Schicksal gebietet sowohl Göttern als auch Menschen

Homers Helden sind jedoch keine Vorbilder an Perfektion. Sie neigen proportional zu ihrer Vitalität zu Fehlern und Exzessen. Sie zahlen den Preis, aber sie unterliegen niemals einer transzendenten Justiz, die nach einem dem Leben fremden Kodex definierte Sünden bestraft. Weder die Vergnügungen der Sinne noch der Gewalt, noch die Freuden der Sexualität werden mit dem Bösen gleichgesetzt.

Im Buch III der Ilias (161-175) wird die zu schöne Helena vom alten König Priamos auf die Mauern Trojas gebeten, um ihr die beiden Armeen zu zeigen, denn es ist gerade ein Waffenstillstand geschlossen worden. Helena, der durchaus bewußt ist, daß sie der unfreiwillige Kriegsgrund ist, stöhnt und sagt, daß sie lieber tot wäre. Priamos antwortet daraufhin mit einer Freundlichkeit, die uns bis heute überrascht: „Nein, meine Tochter, du bist keiner Sache schuldig. Es sind die Götter, die für all das verantwortlich sind!“ Welche Feinfühligkeit und hohe Gesinnung von dem alten König, dessen Söhne alle getötet werden sollten. Aber was für eine großzügige Weisheit auch, die menschliche Wesen vom Schuldbewußtsein befreit, das so oft andere Glaubensrichtungen überwältigt.

Indem er Priamos diese Worte in den Mund legt, sagt Homer nicht, daß Menschen niemals verantwortlich sind für die Unglücke, die sie treffen.
Er zeigt anderswo, wie sehr Eitelkeit, Verlangen, Zorn, Torheit und andere Mängel Unheil verursachen können. Aber im spezifischen Fall dieses Krieges, wie in vielen Kriegen, betont er, daß alles sich dem Willen der Menschen entzieht. Es sind die Götter, das Schicksal oder die Bestimmung, die entscheiden.

Die Geschichte lehrt uns, wie einsichtsvoll diese Interpretation ist.
Wie kann man nicht von dieser Weisheit betroffen sein, wenn so viele Religionen behaupten, daß menschliche Wesen und ihre angeblichen Sünden die Ursachen all der Katastrophen sind, deren Opfer sie sind, einschließlich Erdbeben? [1]

Aber die Worte von Priamos haben noch eine weitläufigere Bedeutung.
Sie legen nahe, daß im Leben des Menschen viele seiner eingebildeten Fehler in Wirklichkeit vom Schicksal verursacht werden. Diese Distanz hinsichtlich der Mysterien der Existenzen, dieser Respekt für andere sind Konstanten in den Homerischen Epen. Dies zeigt das sehr hohe Niveau an Anstand und Weisheit der Welt, die Homer beschreibt, im Vergleich zu welcher die unsere oft barbarisch erscheint.

Homer vermachte uns somit, in ihrer unverfälschten Reinheit, unsere Vorbilder und Prinzipien des Lebens: Natur als Grundlage, Exzellenz als Ziel, Schönheit als Horizont, den gegenseitigen Respekt von Mann und Frau. Der Poet erinnert uns daran, daß wir nicht erst gestern geboren wurden.
Er restauriert die Grundlagen unserer Identität, den überrragenden Ausdruck eines ethischen und ästhetischen Erbes, das „unser“ ist, das er treuhänderisch innehatte. Und die Prinzipien, die er in seinen Beispielen zum Leben erweckte, hören nie auf, unter uns wieder zum Vorschein zu kommen, ein Beweis dafür, daß der verborgene Faden unserer Tradition nicht zerrissen werden konnte.

Anmerkung:
[1] Man denkt an die berühmten Interpretationen der Tsunami-Wellen, die Lissabon 1755 zerstörten, inspiriert von dem, was die Bibel von Sodom und Gomorrha sagt, die, wie es heißt, wegen der Sittenlosigkeit ihrer Bewohner zerstört wurden…