Gerhard Hess

jera: Jahr/Zeitlauf
Phonetischer Wert : j
Tierkreis: Zwillinge
Juni-Mitte

Sakralfest: Jahreshöhe/Jahreswende

Sommersonnenwende. Der Jahresgipfel ist erreicht. So wie es das Runenbild verdeutlicht, endet hier die Tages­lichtzunahme und die absteigende Jahreshälfte beginnt nach der Sonnenwende. In arioindischer Mythologie nannte man die sechs Monate des Lichtaufstieges den Götterweg und die sechs Monate des Abstieges zur Jah­res­anfangsphase der Wintersonnenwende den Väter- bzw. Ahnenweg.

Die Rune verkörpert mit dem Begriff des Jahres den wechselnden Gang, den Aufstieg und Abstieg durch die Zeit.

Für die Lebenden bedeutet der 13. Schritt den Weg in die körperlose Welt, den Körperlosen aber heißt die Dreizehn der Schritt hinein ins stoffliche Sein zur erneuten Wiedergeburt. „Fortwährende Um­wand­­lung“ lautet der Verständniskern dieser Zahl, die schon ein Symbol des iranischen Zeitgottes und Göttervaters Zervan war.

Dreizehn Mondmonate bedurfte das angelsächsische Schalt­jahr, um die Zeit zu regulieren. Der 13. Monat ist damit der Führer, der Ordner. Doch diese Zeitzahl ist im wahrsten Sinne steinalt: Vor mindestens 33.000 Jahren wurde das kleine Mammutelfenbein-Kalenderblättchen aus der schwäbischen Geisenklösterle-Höhle ge­­fertigt. Sämtliche Kanten sind gekerbt, viermal erscheint die Zahl Dreizehn. Ihre Quersumme ist die Vier, die Zahl der Eckpunkte des Sonnenjahres wie auch der Mondstände. Der doppelköpfige Janos („Lichtgeher“) steht zum Januar-Jahresbeginn unseres Ka­lenders am rechten Platz, denn die sonnenzeit-göttliche Wirkkraft wandert aus der Neumondnacht der Wintersonnenwende, wo sie verharrte, heraus sechs Monate lang nach Norden, um sich dann zu wenden und wieder sechs Monate nach Süden zu gehen.

So ist die Rune ein Zeichen des ewigen Auf und Ab. Sie raunt von sich an­bahnenden Veränderungen, von des Krebses Rückwärtsgang, vom Ausklingen einer Werdephase, vom Einmünden der Entwicklung in eine neue Ebene, aber auch längerfristig in die Erntezeit, also in die Erfüllung eines hoffentlich satten, reichen, gottgesegneten Jahr­ganges.

SOMMERSONNENWENDE

Prajapatis, des Urvaters Schöpfungsruf,
mit dem er das Hell und das Dunkel schuf,
wies, daß der ewige Pendelschlag werde,
Devas die Höhe, Asuras die Erde.

Die beiden Prinzipien liegen im Ringen,
der Lebensring kann nur gemeinsam gelingen.
Wer eine göttliche Seite mißachtet,
hat die große Ganzheit nicht recht betrachtet.

Asen und Wanen, sie kreisen im Krieg,
aus Niederlagen neigt sich der Sieg.
Aus Siegen steigen die Niederlagen,
das heißt ureinst-ewiges Sich-vertragen.

Jahr, das heißt „Gehen“, heißt „Sonnenlauf“,
Licht steigt aus nächtigem Dunkel herauf.
Der Sonnenstillstand zur Winterwende
ist des Lichtes Wanderung Anfang und Ende.

Das Jahr beginnt so verschwiegen, so sacht
mit der stillen, hochheiligen Mütternacht,
zur Winterwende, zur Schwarzmondzeit,
in tiefer, fast trostloser Dunkelheit.

Die Sonne geht ihren sicheren Gang,
den Nordberg besteigt sie sechs Monde lang.
Sie erreicht den Gipfel, den steilsten Stand,
wo ihr Sieglauf Erfüllung und Spitze fand.

Dort oben, auf tirmigem Tanzplatz der Sonne
ringt sie den Reigen der Sommerwonne.
Im hohen Norden, im heiligen Thule
blüht sie im Brande als liebender Buhle.

Das Land lacht unter Lichtkaskaden,
Die Erdfrau darf im Glanzmeer baden.
Es bersten die Tage im blendenden Schein,
sie neigen sich weit in die Nächte hinein.

Die Brände prangen, die Sippen singen,
verliebte Pärchen durch Flammen springen.
Auf Zinnen brennende Zeichen ohn‘ Zahl,
funkende Räder fauchen zu Tal.

Glühende Scheiben werden geschwungen,
so gilt die Sommerwende gelungen.
Die Zeit wird ein einziger großer Tag,
den das fürstliche Feuer zu füllen vermag.
Das himmlische Licht will sich verschwenden,
bald muß es sich wenden !

Beitragsbild: Jan Fibinger
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