Anatoly Mikhailovich Ivanov

Auszüge aus einer Rede von A. Iwanow anläßlich der Vorstellung seines neuen Buches am 25. Februar 2023

 

›Ungeschminktes Rußland‹

 

Kipling hatte ein stolzes Motto: “Richtig oder falsch – mein Land!”

Heute ist eine Welle der Verleumdung und des Hasses über Rußland hereingebrochen, und es ist die Pflicht eines jeden Russen, für sein Heimatland einzutreten, umso mehr, als es heute wichtiger ist denn je. Es gibt jedoch Russen, die sich mit einer negativen Einstellung gegenüber ihrer derzeitigen Regierung auf die Seite ihrer Feinde stellen, und dies ist bereits psychologisch bedenklich.

Es ist nicht die derzeitige Regierung, die an dieser westlichen Feindseligkeit gegen Rußland schuld ist. Im Jahr 2017 erschien Guy Mettans Buch ›West-Rußland: Der Jahrtausendkrieg. Warum wird Rußland so gehaßt? Eine Geschichte der Russophobie von ›Karl dem Großen‹ bis zur Ukraine-Krise‹.

Ein tausendjähriger Krieg – und geben Sie nicht Putin die Schuld! Es ist ein alter animalischer Haß. Obwohl es Ausnahmen gibt – wie dieser Mettan.[1] Dieser Ausländer versteht besser, was vor sich geht, als manche Russen, die ihre Haltung damit rechtfertigen, daß sie die heutige ›Russische Föderation‹ nicht als ihr Land betrachten. Es ist auch nicht mein Land, in dem Sinne, daß ich keinen Einfluß auf die Außen- oder Innenpolitik nehmen kann, und die große Mehrheit der Bürger auch nicht, da die wenigen Herrschenden diese Politik bestimmen.

Als Historiker verteidige ich mein Heimatland auf Schritt und Tritt in seiner tausendjährigen Geschichte gegen die westliche Russophobie. Ich betone – bei jeder Gelegenheit.
 Wenn ich von der Unfehlbarkeit Rußlands spreche, so meine ich damit nicht die Unfehlbarkeit seiner Handlungen; es wurden schwere Fehler begangen, aber man hat kein Recht, sie als Verbrechen eines Landes zu brandmarken, das in seiner Geschichte selbst eine lange und blutige Spur aufweist.

Und heute macht Rußland, das für eine gerechte Sache kämpft, Fehler, die den zweiten Teil der Losung “Unsere Sache ist gerecht – der Sieg wird unser sein” in Frage stellen.

Dies ist das Thema des großen Werks in dieser Sammlung ›Das illusorische Imperium und die wirkliche Spaltung‹, das 2014 geschrieben wurde, als der Aufruhr um die Wiedervereinigung der Krim mit Rußland gerade begonnen hatte. Ja, Wiedervereinigung – ich finde es einfach verrückt, wenn Leute, die sich selbst als russische Nationalisten bezeichnen, von “Annexion” sprechen.

Wir haben das Unsere zurückbekommen, die Ukraine hat kein Recht auf die Krim, die Chruschtschow ihr wie einen “Mantel von der Schulter” gegeben hat. Die kommunistischen Führer im allgemeinen haben das Land ohne Rücksicht auf die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung, geschweige denn auf deren Wünsche zerfetzt.

Lenin, nach den Worten des Dichters Juri Kusnezow “ein Mann von unbegreiflichem Blutdurst”, hat aufgrund seines pathologischen Internationalismus und seines ebenso pathologischen Hasses auf den mythischen “großrussischen Chauvinismus” die Sowjetrepubliken Donezk und Riwne der Ukraine angegliedert. Hätte er dieses Verbrechen gegen das russische Volk nicht begangen, gäbe es heute keine Notwendigkeit für eine SSR.


Aber diese Operation wurde auf der Grundlage falscher ideologischer Leitlinien eingeleitet, nach denen auch die strategischen Pläne erstellt wurden, mit dem Ergebnis, daß auf die ersten Erfolge die erwarteten Mißerfolge folgten.

Lenin, der Rakowski in die Ukraine schickte, sagte ihm: “Die Ukraine ist ein neues Land, ein anderes Land – unsere Russen verstehen das nicht”. Leider verstehen das viele von uns immer noch nicht, selbst auf höchster Ebene. Das vorrevolutionäre Trugbild eines “dreieinigen Volkes” und das sowjetische Trugbild eines “brüderlichen Volkes” sind noch sehr lebendig. Die Ukraine wird nach wie vor als ein künstlich entfremdetes Stück Rußland betrachtet; auch die ukrainische Sprache gilt als künstlich geschaffen. Wir müssen klären, was uns gehört und was uns nicht gehört.

Die Ukrainer sind ein besonderes Volk, das den Russen ursprünglich feindlich gegenüberstand. Der Krieg mit der Ukraine wurde nicht von Putin angezettelt, sondern dauert schon seit dem 17. Jahrhundert an, als sich die Ukrainer nach der berüchtigten ›Perejaslawska Rada‹ wieder den Polen zuwandten und die Russen im Bündnis mit ihnen bei Konotop besiegten.

Es folgte eine als “Ruina” bezeichnete Periode in der Geschichte der Ukraine mit einer Reihe von Hetmanen, deren letzter Verrat die ›Mazepa‹ war. Die ukrainischen Separatisten, damals “Mazepianer” genannt, betrachtete M.O. Menshikov als die größte Bedrohung für die Sicherheit Rußlands, und das nicht ohne Grund – im Februar 1914 fanden in Kiew Demonstrationen der ›Mazepianer‹ unter den Parolen “Nieder mit Russland! Es lebe Österreich!” – Das war wenige Monate vor dem Ausbruch des Krieges mit eben diesem Österreich. Nach dem Bürgerkrieg begannen sie, die Mazepianer ›Petljura‹ zu nennen, nach dem Zweiten Weltkrieg ›Bandera‹, an ihrer Grundeinstellung hat sich nichts geändert.

Bandera schrieb, daß jede Nation das Recht hat, ihren eigenen Nationalstaat innerhalb ihrer ethnischen Grenzen zu gründen. Dem stimme ich zu. Aber die ukrainischen ethnischen Grenzen stimmen nicht mit den Verwaltungsgrenzen der ehemaligen UdSSR überein. Einer der wichtigsten Ideologen des ukrainischen Nationalismus, D. Donzow, vertrat die Ansicht, daß es die ukrainische Nation noch nicht gibt, sondern nur einen Kern, um den sich alle auf der ›Karte von Gruschewski‹ eingezeichneten Gebiete vereinigen sollten. Galizien erhebt den Anspruch, das ukrainische ›Piemont oder Preußen‹ zu sein, die Ostukraine ist zwischen Rußland und der Ukraine umstritten, tendiert aber eindeutig mehr zu Rußland.

Kurz gesagt, beide Seiten haben legitime historische und ethnografische Ansprüche.

Mit unserer illusorischen Haltung gegenüber der “dreieinigen Nation” könnten wir jedoch unseren letzten Verbündeten verlieren – Belarus. Die Leugnung der Existenz der belarussischen Nation führt zur Entstehung von prowestlichen und stark antirussischen Organisationen in diesem Land, die beweisen, daß die Belarussen gar keine Slawen, sondern russifizierte Balten sind.

Heute setzt Putin dem Anspruch der USA auf Weltherrschaft den Slogan einer multipolaren Welt entgegen. Und eine neue Bruchlinie hat sich bereits herausgebildet.

Im 19. Jahrhundert gab es zwei Philosophen, deren Lebensjahre fast gleich lang waren und deren Ideen auch sehr ähnlich waren. In Deutschland war es Adolf Warmund, in Rußland Nikolai Fjodorow. Beide sahen die Geschichte als einen Kampf zwischen nomadischen und agrarischen Zivilisationen und betrachteten die moderne merkantile Zivilisation als Nachfolgerin der nomadischen. Nikolaj Fjodorow stellte ihr die Union der Agrarländer – Rußland, China und Indien – gegenüber. Das ist die heutige SOZ! Unser Land ist heute auf dem richtigen Weg.

[1] Anmerkung des Übersetzers zu Guy Mettan, der diesen angeblichen tausendjährigen Haß auf die russische Kultur und insbesondere auf Mokau als das ›Dritte Rom‹ im Großen Schisma zwischen Rom und Byzanz von 1054 begründet sieht. Dagegen ist aber einzuwenden, daß dieses Schisma im Protestantismus keine wesentliche Rolle mehr spielte, ja sogar schon Luther selbst mit der Existenz der Orthodoxie gegen den Papismus argumentiert hatte. Besagtes Schisma spielte lediglich im polnischen und habsburgisch-österreichischen Katholizismus weiterhin eine Rolle, die allerdings anders als Preußen-Deutschland und die ebenfalls protestantischen Skandinavier gerade in der heutigen Ukraine involviert waren. Ferner vergessen sowohl Mettan als auch Iwanow, daß die russische Kultur immer auch schon eine mystische Faszination auf den Westen ausübte, die um die vorletzte Jahrundertwende in eine weiteste Kreise erreichende Begeisterung für die russische Literatur und eine regelrechte Dostojewski-Welle einmündete.

Aus dem Russischen übersetzt von Dr. Stephan-Alexander Thomas

 

 

Bio-/Bibliographie: Iwanow_Biographie_pdf

 

 

 

 

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