Édouard Husson

Am Morgen des 17. Oktober griff Rußland die Zentrale von Ukrenergo, dem größten Stromversorger des Landes, an. Es stellt sich die Frage nach einer Intensivierung der russischen Operationen gegen Kiew mit dem Ziel, die Regierung Selenskyj zu stürzen. Vieles deutet darauf hin, daß Rußland die unklaren Zwischenwahlen in den USA und den Absturz Europas in die Krise ausnutzen könnte.

Auf den ersten Blick sieht es so aus, als ob die Schlacht um die Ukraine ihren Lauf nimmt, mit einer allmählichen Intensivierung.

Am Samstag, dem 15. Oktober, versuchten die Kiewer Truppen einen weiteren Angriff in der Region Cherson. Am Ende des Tages wurde er zurückgeschlagen.

♦ Die ukrainische Armee setzte ihren Artilleriebeschuß von Donezk und Belgorod fort. In der Region Belgorod griff ein Kommando ein russisches Ausbildungslager an, zu dem sich eine Organisation bekannte, die behauptete, die Rechte der Krimtataren zu verteidigen.

♦ Die russischen Angriffe auf die ukrainische Elektrizitätsinfrastruktur wurden fortgesetzt. In den letzten beiden Nächten wurden Odessa und Nikolajew angegriffen.

Will die russische Führung die Zelenski-Regierung schnell beenden?

Am Montagmorgen, dem 17. Oktober, wurden die Angriffe auf Kiew jedoch intensiviert.

Insbesondere flogen Geran-2-Drohnen Angriffe auf Gebäude von Ukrenergo, einem der größten Stromversorger des Landes.

Im Laufe des 16. Oktobers fiel außerdem auf, daß die Staatsbürger mehrerer mit Russland befreundeter Länder angewiesen wurden, Kiew zu verlassen.

Russische Truppenverlegungen nach Weißrußland wurden ebenso beobachtet wie eine Verstärkung der weißrussischen Truppen an der Grenze zur Ukraine.

Ist es denkbar, daß eine Operation zur Eroberung Kiews vorbereitet wird, der eine systematische Zerstörung der Entscheidungszentren in der Hauptstadt vorausgehen soll?

Will Wladimir Putin die kommenden drei Wochen mit den Zwischenwahlen in den USA nutzen, die die amerikanische Unterstützung für Kiew unsicherer machen werden? In den USA wird immer offener darüber gesprochen, daß die Waffenbestände, die an die Ukraine geliefert werden sollen, erschöpft sind.

Und all dies ist vor dem Hintergrund eines möglichen Zusammenbruchs der westlichen Finanzwelt, angefangen mit London, zu sehen.

Die Einschätzung von Bhadrakumar

Die russische Führung könnte also bestrebt sein, die Umstände auszunutzen. Das spürt auch M.K.Bhadrakumar, einer der bestinformierten Menschen der Welt:

Die Vergeltungsmaßnahmen Rußlands gegen die “kritische Infrastruktur” der Ukraine, von denen Moskau bislang abgesehen hat, haben schwerwiegende Auswirkungen. Seit dem 9. Oktober hat Rußland damit begonnen, systematisch das ukrainische Stromsystem und die ukrainischen Eisenbahnen ins Visier zu nehmen. Der bekannte russische Militärexperte Wladislaw Schurygin sagte der Iswestija, wenn dieses Tempo etwa eine Woche lang beibehalten würde, wäre “die gesamte Logistik der ukrainischen Armee gestört – das Transportsystem für Personal, militärische Ausrüstung, Munition und damit verbundene Güter sowie der Betrieb der Militär- und Reparaturfabriken”.

Die Amerikaner sind in der surrealen Welt ihrer egozentrischen Erzählung gefangen, wonach Rußland den Krieg “verloren” hat. In der realen Welt jedoch erklärte Iwan Tertel, der Chef des KGB in Weißrußland, der einen Blick von innen auf Moskau hat, am Dienstag, daß mit der Aufstockung der russischen Truppen im Kriegsgebiet – 3.000 mobilisierte Soldaten plus 70.000 Freiwillige – und dem Einsatz fortschrittlicher Waffen “die Militäroperation in eine entscheidende Phase eintreten wird. Unseren Schätzungen zufolge wird ein Wendepunkt zwischen November dieses Jahres und Februar nächsten Jahres eintreten. (…) Zusammenfassend läßt sich sagen, daß Rußland einen totalen Sieg anstrebt und sich mit nichts anderem als einer freundlichen Regierung in Kiew zufrieden geben wird. Westliche Politiker, einschließlich Biden, verstehen, daß die Russen jetzt vor nichts mehr Halt machen. Der Waffenvorrat der USA geht zur Neige, während Kiew immer mehr davon verlangt“.

Beitragsbild: Odessa – Statue des Herzogs von Richelieu (1766-1822), dem Zar Alexander I. von 1804 bis 1814 das Amt des Gouverneurs von “Neurußland” anvertraute.

Quelle: https://lecourrierdesstrateges.fr/2022/10/17/guerre-dukraine-point-au-jour-236-la-russie-prepare-t-elle-la-conquete-de-kiev/
 
Print Friendly, PDF & Email