Edouard Husson

Was das Verhältnis von Getöteten zu Verwundeten auf ukrainischer Seite über die laufenden Militäroperationen besagt

Man kann über die Zahlen, die General Schoigu in Bezug auf die jeweiligen Verluste auf russischer und ukrainischer Seite genannt hat, streiten. Es gibt jedoch einen auffälligen Punkt in den genannten Zahlen: Das Verhältnis von Getöteten zu Verwundeten bei den Ukrainern ist atypisch (größer als eins). Selbst wenn man annimmt, daß Schoigu die russischen Verluste unterschlägt und die ukrainischen Verluste erhöht, hat er als Profi keinen Grund, ein untypisches Verhältnis für die ukrainische Armee zu erfinden. Infolgedessen verrät er viel über die laufenden Militäroperationen.

Generäle im Krieg sagen nicht immer die Wahrheit über die Verluste ihrer Armee und die des Gegners. Es ist üblich, die eigenen Verluste zu schmälern und die des Gegners zu erhöhen. Und heute Morgen hat General Schoigu erstaunliche Zahlen für die Verluste auf beiden Seiten genannt.

An dieser Stelle möchte ich nur darauf hinweisen, daß die BBC vor einigen Tagen eine Zahl für die Verluste des russischen Militärs (etwa 6000 Tote) nannte, die der von Schoigu genannten sehr nahe kam – mit dem Hinweis, daß es sich dabei um die offiziell vom russischen Militärkommando erfaßten Verluste handelt. Viele Beobachter haben zu Recht angemerkt, daß diese Zahl weder die Toten der republikanischen Armeen im Donbass. noch die der Wagner-Bataillone enthält.

In Bezug auf die Ukrainer ist zu beachten, daß Schoigu eine zehnmal höhere Zahl angibt: 60.000 Tote. Selbst wenn man davon ausgeht, daß die Zahl der Toten auf russischer Seite doppelt so hoch ist, wenn man die republikanischen Truppen in Donezk und Lugansk mit einbezieht, würde dies immer noch zu einem Verhältnis von 1:5 zwischen den alliierten und den Kiewer Truppen führen.

Das ukrainische Verhältnis von Getöteten zu Verletzten ist atypisch.

Tatsächlich ist eine andere Zahl noch erstaunlicher. General Schoigu spricht von etwa 50.000 verwundeten Ukrainern. Damit erhöht sich die Zahl der kampfunfähig gemachten Soldaten auf 110 000. Diese Zahl geht in die gleiche Richtung wie die seit Juni gemachten Enthüllungen, die unter anderem von einem Berater Zelenskys gemacht wurden.

Eine Zahl sollte jedoch Aufmerksamkeit erregen: Das Verhältnis von Getöteten zu Verwundeten ist atypisch. Ich glaube nicht, daß Kriegshistoriker oder Berufssoldaten mir widersprechen werden, wenn ich sage, daß in einem modernen Krieg ein Verhältnis von einem Getöteten zu drei Verwundeten üblich ist. Die von Schoigu angegebenen Zahlen ergeben jedoch ein Verhältnis von mehr als eins! Auch hier glaube ich nicht, daß ich falsch liege, wenn ich sage, daß ein solches Verhältnis in einem modernen Krieg unnormal ist.

General Schoigu mag ein Interesse daran haben, die russischen Verluste zu schmälern und die ukrainischen zu erhöhen. Aber wenn er die Zahlen völlig aus der Luft gegriffen hätte, dann würde er ein Verhältnis vorgeschlagen haben, das in jedem Fall unter 1 oder sogar unter 0,5 liegt. Man mag den russischen Verteidigungsminister vielleicht nicht mögen, aber niemand wird ihm seine Professionalität absprechen. Die ukrainische Armee hat mehr Tote als Verletzte zu beklagen.

Wie läßt sich das erklären?

In den Kolumnen über den Ukraine-Krieg, die ich mehrmals pro Woche für den Strategen-Kurier schreibe, habe ich mehrmals auf zwei Tatsachen hingewiesen:

  • Seit dem Frühlingsanfang hat Kiew eine Welle nach der anderen von schlecht ausgebildeten Rekruten losgeschickt, die unbewegliche Ziele für die russische Artillerie waren. In Wirklichkeit haben wir es mit einem regelrechten Gemetzel zu tun!
  • Die ukrainische Armee kümmert sich kaum um ihre Verwundeten. Viele ukrainische Verwundete starben, weil sie nicht geborgen und in Krankenhäuser transportiert werden konnten.

 

Die Schlußfolgerungen, die ich aus diesen Feststellungen ziehe, sind die folgenden:

  • Der ukrainische Staat führt immer noch einen Krieg aus dem 20. Jahrhundert, in dem man sich nicht darum kümmert, das Leben der Soldaten zu schützen. Wir haben es hier mit einer Art verrückter Wiederholung der Frontverlegung der Armeen von 1914-1918 zu tun, die ein Jahrhundert später stattfand.
  • Im Gegensatz dazu hat Rußland die Lehren aus dem großen kommunistischen Massensterben und den Weltkriegen gezogen und ist vor allem darauf bedacht, die Verluste zu begrenzen. Die moderne russische Strategie ist in dieser Hinsicht völlig anders als die der zaristischen oder der sowjetischen Armee.
  • Man könnte sich wundern, daß die Ukraine, die die Weltkriege und den Kommunismus miterlebt und darunter genauso gelitten hat wie Rußland, nicht die gleichen Schlußfolgerungen zieht. In Wirklichkeit offenbaren uns die ukrainischen Verlustzahlen, daß die Ukraine – anders als es sich die westliche Öffentlichkeit einreden will – keine solidarische nationale Gemeinschaft ist, deren Führer und Bevölkerung solidarisch handeln würden. In Kiew schert man sich nicht um militärische Verluste, solange man die Privilegien behalten kann, die aus dreißig Jahren Geschäftemacherei und dem Maidan-Putsch hervorgegangen sind.
  • Daß den USA ein Krieg zwischen Europäern egal ist, ist nicht überraschend. Daß hingegen die Verantwortlichen der EU-Mitgliedstaaten und -Institutionen Zelensky davon abgebracht haben, eine Einigung mit Rußland zu suchen, ist nicht nur unverzeihlich, sondern bedeutet das Todesurteil für die Europäische Union. Die EU hat ihre Mission verraten. Sie fördert seit Monaten den täglichen Tod von Hunderten ukrainischen Soldaten, die darum kämpfen, einen Krieg zu verlängern, von dem man schon Ende März gesehen hat, daß die ukrainische Armee ihn nicht gewinnen kann.

Nehmen wir die von Schoigu genannten und von anderen Quellen bestätigten Zahlen ernst. Sie sagen uns etwas über das unermeßliche Leid des ukrainischen Volkes und das unwürdige Verhalten der europäischen Führer, die Zehntausende Ukrainer in den Tod schicken, ohne ein schlechtes Gewissen zu haben. Im Vergleich dazu hatten unsere Führer 1914 noch Skrupel, die ihnen zur Ehre gereichten.

Quelle: https://lecourrierdesstrateges.fr/2022/09/21/ce-que-nous-dit-le-ratios-tues-blesses-du-cote-des-ukrainiens-sur-les-operations-militaires-en-cours/

 

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