Ivelina Dimitrova

Der militärische Konflikt in der Ukraine hat nicht nur die direkt beteiligten Parteien, sondern auch ganz Europa und in gewissem Sinne die ganze Welt erheblich in Mitleidenschaft gezogen, da er zu allgemeinen Veränderungen in der weltweit bestehenden wirtschaftlichen, finanziellen und geopolitischen Struktur führt.

Es wird allgemein erwartet, daß der militärische Konflikt und die Sanktionen, die sich der Westen und die Russische Föderation ständig gegenseitig auferlegen, die Spaltung vertiefen und zur Schaffung einer multipolaren Welt führen werden, in der einige wenige Supermächte die Welt in Regionen aufteilen, von denen jede ihre eigenen geografischen Einflußgebiete beherrscht. Diese Theorie ist besonders unter russischen analytischen ›Think Tanks‹ beliebt, wo sie vor mehr als zwei Jahrzehnten (nach dem 11. September 2001, der als symbolischer Wendepunkt dem Ende der allein von den USA kontrollierten Welt voranging) zu diskutieren begann.

Europäische Analysten begannen erst später, dieses Szenario zu diskutieren, und es wurde den Medien und der Öffentlichkeit erst nach dem Beginn des Konflikts in der Ukraine offiziell vorgestellt. Der russische Außenminister selbst, Sergej Lawrow, kündigte auf seiner ersten Auslandsreise nach Ausbruch des Konflikts, die nicht zufällig in Peking stattfand, an, daß “Rußland und China eine multipolare, gerechte und demokratische Weltordnung wollen“.

Es ist noch nicht klar, ob dieses Szenario für die Entwicklung der Welt eintreten wird oder nicht, aber einige wichtige Punkte sind seither deutlich geworden und verdienen es, erwähnt zu werden.

Erstens hat der militärische Konflikt zwischen Rußland und der Ukraine, der seinem Wesen nach ein Konflikt auf einer viel tieferen Ebene als dem militärischen Aspekt ist und in Wirklichkeit zwischen Rußland und dem Westen besteht, zu einem Punkt geführt, an dem es zwischen den beteiligten Parteien kein Zurück mehr gibt.

Die aktuelle Situation unterscheidet sich von der während der Krim-Annexion, als die Beziehungen zwischen Moskau und dem kollektiven Westen zwar angespannt waren, sich aber insbesondere unter der Präsidentschaft von Donald Trump normalisieren konnten. Heute hat Rußland “va banque” gespielt, d. h. auf “alles oder nichts” gesetzt, und es ist klar, daß es unmöglich ist, zur früheren Situation zurückzukehren, auch weil Moskau dies nicht will, wie seine Handlungen zeigen.

Eine weitere Sache, die bereits klar ist, ist, daß der kollektive Westen (die angelsächsische Welt und die Europäische Union) den Rest der Welt nicht mehr um seine Positionen herum vereinen kann. Was für die westliche Welt gut ist, muß nicht zwangsläufig auch für den Rest der Welt gut sein. Regionen wie Lateinamerika, Asien und Afrika waren nicht an der Verhängung von Sanktionen gegen Rußland interessiert (da dies ihren wirtschaftlichen Interessen zuwiderläuft), ebenso wenig wie sie generell am militärischen Konflikt in der Ukraine interessiert oder beteiligt waren.

Diese Tatsache zeigt, daß die Welt bereits nicht mehr monopolistisch ist und daß die übrigen Regionen der Erde es nun wagen, andere politische Positionen als die des Westens zu vertreten. In Zukunft wird dieser Trend immer offensichtlicher werden.

Die dritte Tatsache, die dieser Konflikt gezeigt hat, ist, daß sich das Finanzsystem, so wie es derzeit existiert, radikal verändern wird. Die Forderung Moskaus, Gas in Rubel, der russischen Währung, zu bezahlen, zeigt, daß neue (auch elektronische) Währungen an Popularität gewinnen werden und daß die absolute Hegemonie des Petrodollars zu Ende geht. Mit ihr auch die wirtschaftliche und politische Dominanz Washingtons.

Und wenn das Szenario einer multipolaren, in Regionen unterteilten Welt Wirklichkeit wird, ist die einzige offene Frage: Wer werden die neuen Supermächte sein und welche Einflußregionen werden sie haben? Im Moment erscheinen drei der Supermächte recht deutlich auf dem Schachbrett – die USA, die Russische Föderation und China. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß Indien zu einer neuen Supermacht mit einer eigenen Einflußsphäre wird.

Die Lage Großbritanniens ist völlig ungewiß. Der Brexit hat gezeigt, daß London große Bestrebungen hat, seine Positionen und seine von Brüssel unabhängige politische Linie beizubehalten, damit es zu den neuen Großmächten gehören kann. Die Frage ist jedoch, ob dies gelingen wird oder nicht, und das ist noch sehr ungewiß. London hat und spielt weiterhin eine wichtige Rolle in der zentralasiatischen Region, in Pakistan und in der Türkei (Groß-Turan), aber in Indien hat es nicht mehr die gleichen Positionen.

Auch das Schicksal der EU und die Art und Weise, wie sich ihr Projekt in Zukunft entwickeln wird, sind unklar. In gewisser Weise war das erste Zeichen, daß sich die Welt verändert, und das in Brüssel gründlich analysiert werden müßte, der Brexit. Der Austritt Londons stellte die Existenz der EU, die Essenz ihrer Zukunft und das Konzept des europäischen Projekts selbst in Frage und schuf einen sehr gefährlichen Präzedenzfall. Das Ende der Ära Merkel, die als zentrale Figur der europäischen Politik galt, hat gezeigt, daß die EU derzeit keine starke Führung hat, die allen Mitgliedstaaten die politische Richtung vorgeben kann. Folglich ist die Zukunft Europas nach dem Konflikt in der Ukraine unsicherer und verletzlicher, da noch immer nicht klar ist, ob die EU ihre enge Beziehung (und in gewissem Maße ihre Abhängigkeit) zu Washington aufrechterhalten, unabhängiger werden und ihre derzeitige politische Form beibehalten wird.

Doch wie auch immer die Welt nach der Ukraine aussehen wird, eines ist im Moment sicher: Wieder einmal, nach dem ›Arabischen Frühling‹ im Nahen Osten, ist der ›Alte Kontinent‹ die Region, die aufgrund ihrer Nähe zum Konfliktgebiet und ihrer engen wirtschaftlichen Verbindungen zur Ukraine und zu Rußland am stärksten betroffen sein wird. Vor allem wird die EU aufgrund der Sanktionen, die gegen und von Rußland verhängt wurden, wirtschaftlich beeinträchtigt werden.

Es ist nicht auszuschließen, daß Europa im schlimmsten möglichen Szenario von Hungersnöten und Nahrungsmittelknappheit (die Ukraine und Rußland sind die Hauptlieferanten von Getreide für die Region des Nahen Ostens und Afrikas) erneut von Migrationswellen aus diesen Regionen heimgesucht wird. Aber auch ohne daß dieses düstere Szenario eintritt, besteht die reale Gefahr, daß Europa in der neuen Weltordnung und dem neuen Machtgleichgewicht potenziell der große Verlierer sein wird – sowohl geopolitisch als auch wirtschaftlich. Es hat auch am meisten zu verlieren, da die Lebensqualität auf dem ›Alten Kontinent‹ bislang die höchste der Welt ist.

Es besteht kein Zweifel daran, daß eine der größten Herausforderungen und Sorgen der EU nach dem Konflikt in der Ukraine die Energieversorgung selbst und der Anstieg der Preise für Energieressourcen sein werden, der weltweit zu einer sehr hohen Inflation und damit zu einer strukturellen Wirtschaftskrise führt. Einige der Herausforderungen für den Energiesektor sind direkt mit der Krise in der Ukraine verbunden, andere hingegen nicht.

Und auch wenn Brüssel versucht, in der Energiepolitik mit einer Stimme gegen Rußland zu sprechen, sind die Interessen der EU-Mitglieder im Energiesektor sehr unterschiedlich. Das liegt daran, dass die wirtschaftlichen Auswirkungen der Sanktionen von Land zu Land unterschiedlich sind. Beispielsweise wird ein Land wie Spanien viel weniger betroffen sein als Bulgarien, da ersteres weniger von russischen Energielieferungen abhängig ist, während letzteres noch fast vollständig von ihnen abhängig ist. Aus diesem Grund wird ein detaillierterer Blick auf die Energielandkarte Europas geworfen, um mögliche Szenarien dessen zu skizzieren, was wir erwarten können.

Tabelle 1 zeigt die Pro-Kopf-Stromerzeugung in Europa nach Art des Brennstoffs. Die Daten stammen aus dem Jahr 2013. Obwohl es ein Jahrzehnt später einige Abweichungen und Veränderungen gibt, ist es wichtig, diese Tabelle in Betracht zu ziehen, da die Verschärfung der wirtschaftlichen Bedingungen und die Sanktionen gegen Rußland, Europas Hauptlieferanten von Energieressourcen, den ›Green Deal‹ und Europas Übergang zu einer emissionsfreien Wirtschaft gefährden.

In den letzten zehn Jahren hat die EU enorme Fortschritte auf dem Weg zu einer grünen Wirtschaft gemacht und den Anteil erneuerbarer Energien an ihrem Energiemix erheblich gesteigert. Doch in einer Zeit, in der sich die Wirtschaftskrise weltweit verschärft, die Preise für Energieressourcen in die Höhe schnellen und darüber hinaus seinem wichtigsten Energielieferanten strenge Beschränkungen auferlegt werden, läuft Europa Gefahr, zu den Quellen der Energieerzeugung vor dem grünen Übergang zurückzukehren.

Tatsächlich gibt es bereits erste Anzeichen: Nachdem die Energieimporte aus Rußland so weit wie möglich eingeschränkt wurden und um die entstandene Lücke auszugleichen, haben einige Länder angekündigt, die nicht-grüne Energieerzeugung wieder öffnen zu wollen. So kündigte beispielsweise die größte Volkswirtschaft Europas, Deutschland, nach der Abschaltung seiner letzten Atomreaktoren und dem Beginn des Konflikts in der Ukraine an, daß es seine Kohlekraftwerke möglicherweise nicht wie ursprünglich geplant auslaufen lassen werde. Das stark von Gasimporten aus Rußland abhängige Land kündigte im März 2022 an, strategische Kohlereserven anzulegen, die es den Kraftwerken ermöglichen würden, 30 Wintertage lang ohne Importe zu arbeiten [1].

Tabelle 1; Quelle: https://ec.europa.eu/energy

Der ›Green Deal‹, der eine ökologisch neutrale Wirtschaft in Europa bis 2050 vorsieht, erfordert große Investitionen in neue Technologien und die Umstrukturierung der Energieversorgung, die in Zeiten militärischer Konflikte, hoher Inflation und der bevorstehenden Wirtschaftskrise möglicherweise nicht mehr zur Verfügung stehen.

Viele EU-Länder unterstützen die Ukraine mit militärischer und humanitärer Hilfe. Grenzländer wie Polen, Rumänien, Bulgarien und die Slowakei nehmen ebenfalls eine große Zahl ukrainischer Migranten auf, sodaß die für die Energiewende und Innovationen im Energiesektor vorgesehenen Mittel zumindest in naher Zukunft möglicherweise nicht mehr zur Verfügung stehen.

Noch mehr in Zeiten steigender Weltmarktpreise für Nahrungsmittel und Rohstoffe würde ein strikter Übergang zu Nullemissionen in Europa die EU-Volkswirtschaften weltweit nicht wettbewerbsfähig machen, da die Energiekosten für die Produktion in Europa noch höher als im Rest der Welt werden würden.

Und schließlich: Welche globalen ökologischen Auswirkungen hätte es, wenn Europa emissionsfrei würde, die umliegenden Regionen wie der Nahe Osten, Russland, die Türkei und Nordafrika dies aber nicht täten?

Das Hauptproblem ist, daß Europa zwar seinen Anteil an erneuerbaren Energien erhöht, aber weiterhin stark von Energieimporten, insbesondere aus Rußland, abhängig ist. Daten der Europäischen Kommission [2] zeigen, daß 40% der Erdgasimporte der EU aus Rußland stammen, 18% aus Norwegen, 11% aus Algerien und nur 4,6% aus Katar. Aber auch bei der Einfuhr von fossilen Brennstoffen und Öl ist Europa stark von Rußland abhängig (etwa 30% der Gesamteinfuhren kommen von dort). Dies ist eine Abhängigkeit, die langfristig überwunden und ersetzt werden könnte, aber nicht kurzfristig, da sonst der EU selbst eine wirtschaftliche Katastrophe droht. Kurz gesagt: Europa könnte die Energielieferungen aus Rußland ersetzen, aber nicht sofort und es ist noch nicht klar, welchen sozialen Preis die Europäer dafür zahlen müssen.

Tabelle 2; Quelle: Eurostat, Mai 2020.

In Wirklichkeit hat die EU im allgemeinen trotz aller Absichten und Strategien zur Energiewende im Zeitraum von 1990 bis 2020 trotz des starken Anstiegs des Anteils erneuerbarer Energien das gleiche Niveau an Energieimporten beibehalten. Das liegt daran, daß viele Länder in der Absicht, grüner zu werden, ihre kohlenstoffintensiven Energiesektoren geschlossen haben. Da sie diese Schließung jedoch nicht sofort durch erneuerbare Energien ausgleichen konnten, haben sie sie durch Importe kompensiert, die paradoxerweise hauptsächlich aus Rußland stammten. Tabelle 2 des “Statistical pocketbook for 2020” der Europäischen Kommission zeigt die Importe der wichtigsten Brennstoffe in Europa für den langen Zeitraum von 1990 bis 2018.

Danach hat die Abhängigkeit der EU von Erdgasimporten zwischen 1990 und 2018 erheblich zugenommen, während die Importe von fossilen Brennstoffen und Erdöl nahezu unverändert geblieben sind. Und obwohl der Anteil der Einfuhren von Energieressourcen für einige Länder aufgrund der zunehmenden Produktion von erneuerbaren Energien zurückgegangen ist, bleibt die durchschnittliche Abhängigkeit für die gesamte EU beträchtlich. Einige Länder wie Italien haben ihre Abhängigkeit von Energieimporten verringert, andere wie Deutschland sind stärker von Energieimporten abhängig geworden.

Die Daten in Tabelle 3 [3], die auf der Grundlage von Eurostat-Statistiken erstellt wurden, bestätigen einhellig das zuvor Gesagte, nämlich daß Europa in den letzten zwei Jahrzehnten seine Energieproduktion weitgehend durch Importe ersetzt hat. Der Übergang zu erneuerbaren Energien ist wichtig, aber noch lange nicht ausreichend, um das Funktionieren der europäischen Wirtschaft zu gewährleisten, und in Zeiten der Wirtschaftskrise kann die Umsetzung von Innovationen und neuen Technologien letztendlich aufgrund fehlender finanzieller Ressourcen verlangsamt werden.

Tabelle 3; Quelle: Eurostat

Laut Eurostat-Daten [4] produzierte die EU im Jahr 2020 42 % ihrer Energie selbst (2019: 40 %) und der Rest wurde importiert. Der Rückgang der Importe ist auf die Covid-Krise und den Abschwung der europäischen Volkswirtschaften zurückzuführen. Der Energiemix der gesamten EU besteht aus fünf Hauptbrennstoffarten: Erdölprodukte, darunter Rohöl, das 35 % des Gesamtenergiemixes ausmacht (fast 30 % werden aus Rußland importiert), Erdgas macht 24 % des Gesamtenergiemixes aus (fast 40 % werden aus Rußland importiert), erneuerbare Energien 17 % des gesamten europäischen Energiemixes, Kernenergie etwa 13 % und feste fossile Brennstoffe 12 %.

Wie bereits erwähnt, ist ein wichtiger Punkt, der Brüssel daran hindert, mit einer Stimme zu sprechen, daß die Energiequellen im Energiemix zwischen den einzelnen Ländern stark variieren, sodaß jedes Land von der aktuellen Situation und den Sanktionen gegen Moskau unterschiedlich betroffen sein wird.

Beispielsweise ist Deutschland trotz der Zunahme erneuerbarer Energien weiterhin stark von fossilen Brennstoffen und Erdgas (das zu 97% importiert wird) abhängig; Länder wie Zypern und Malta sind von Rohöl abhängig, Italien und die Niederlande sind stark von Erdgas abhängig (40% bzw. 38%); Frankreichs Energiemix besteht zu 41% aus Kernenergie; Schweden und Lettland haben den größten Anteil an erneuerbaren Energien 49% bzw. 40% und Polen und Estland sind weiterhin von fossilen Brennstoffen abhängig. Es ist klar, daß Länder, die einen beträchtlichen Anteil an Erdgas, Erdöl und fossilen Brennstoffen in ihrem Energiemix haben, am stärksten betroffen sein werden. Selbst wenn sie nicht aus Rußland importieren, werden die russischen Einfuhrbeschränkungen und die erhöhte Nachfrage nach diesen Produkten auf dem internationalen Markt zu einem erheblichen Preisanstieg führen, der wirtschaftliche und soziale Folgen haben wird.

Nehmen wir erneut das Beispiel Deutschland, das eine der treibenden Kräfte hinter dem europäischen “Green Deal” war und in dieser Rolle plante, fossile Brennstoffe bis 2045 aus seinem Energiemix zu verbannen; Erdgas galt daher als Brücke bei diesem Übergang. Jetzt, angesichts der Unsicherheit über das Schicksal der Lieferungen aus Rußland, diskutiert Berlin Optionen für den Bau von LNG-Terminals, um Gas von verschiedenen Lieferanten zu liefern, da andere Nachbarländer wie Frankreich, die Niederlande und Belgien bereits über solche Terminals verfügen.

Nach Angaben der Europäischen Kommission machten LNG-Importe im Jahr 2021 20 % der gesamten Gasimporte der EU aus, deren Bedarf bei etwa 400 Milliarden m3 pro Jahr liegt, was Europa zum größten Gasimporteur der Welt macht. Die gesamte LNG-Importkapazität der EU beträgt ca. 157 bcm pro Jahr und die größten LNG-Importeure in Europa sind Spanien (21,3 bcm), Frankreich (18,3 bcm), Italien (9,3 bcm), die Niederlande (8,7 bcm) und Belgien (6,5 bcm).

LNG hat jedoch einen größeren ökologischen Fußabdruck als Pipelines; die Prozesse der Kühlung, des Transports und der Verflüssigung erfordern ebenfalls viel Energie. Eine weitere Sorge, die Umweltorganisationen mißfällt, ist die Tatsache, daß LNG aus den USA auf der Fracking-Technologie basiert, die als ökologisch feindlich gilt und daher in vielen europäischen Ländern verboten ist.

Ein positiver Aspekt der LNG-Infrastruktur ist, daß sie für die Wasserstoffproduktion genutzt werden könnte, sobald diese Technologie für den Masseneinsatz entwickelt und umgesetzt wird. Allerdings sollten die Kosten für die Implementierung zukünftiger Wasserstofftechnologien und die Kosten für den Bau von LNG-Terminals zum jetzigen Zeitpunkt nicht unterschätzt werden.

Darüber hinaus verfügen einige Regionen des europäischen Kontinents wie der Südosten, Mittel- und Osteuropa und das Baltikum noch nicht über eine entwickelte Infrastruktur für LNG, was zusätzliche Investitionen erfordern wird. Die Hauptsorge von Gasendverbrauchern und Regierungen ist, daß LNG für den Endverbraucher erheblich teurer sein kann. Dies ist insbesondere ein Problem für die osteuropäischen Länder, in denen Energiearmut (Verbraucher, die es sich aus finanziellen Gründen nicht leisten können, ihre Rechnungen zu bezahlen oder ihre Häuser nicht auf eine angemessene Temperatur heizen können) recht weit verbreitet ist. Trotz seiner Nachteile und Kosten ist der Bau von LNG-Terminals angesichts der derzeitigen Energiesituation in Europa jedoch eine Option, die es zu planen und zu entwickeln gilt, wenn auch zu einem höheren Preis.

Der Sektor der erneuerbaren Energien weist selbst einige Besonderheiten auf, die eingehender analysiert werden müssen, damit der Sektor in dieser schwierigen Zeit nicht stecken bleibt. Wenn es um erneuerbare Energien geht, die aus Sonne, Wind oder Wasser gewonnen werden, muß man bedenken, daß jedes Land geografische Besonderheiten hat, die es für die Entwicklung dieser oder jener Art von erneuerbaren Energien weniger oder besser geeignet machen.

Beispielsweise haben einige Länder mehr Sonne, andere mehr Wind oder Wasserressourcen und wieder andere haben gar keine. Technologien wie Wasserstoff zur Energiegewinnung müssen noch weiterentwickelt werden, um in Europa zu einem akzeptablen Preis verbreitet zu werden. Eine weitere große Herausforderung für den Sektor der erneuerbaren Energien in der EU, wenn er die russischen Energielieferungen teilweise kompensieren soll, ist die Tatsache, daß die Technologien zur Energiespeicherung schnell entwickelt und umgesetzt werden müssen, da die erneuerbaren Energien sonst nicht wettbewerbsfähig sind. Der größte Nachteil ist, daß seine Produktion im Laufe des Tages und über die Jahreszeiten hinweg nicht stabil ist und daher Speicheranlagen zum Ausgleich entwickelt werden müssen, was derzeit nicht der Fall ist. Der Mangel an Infrastruktur für den Transport und die Verfügbarkeit von Energie aus erneuerbaren Quellen ist für die meisten Länder ebenfalls ein erhebliches Problem.

Eine weitere beträchtliche Herausforderung besteht darin, daß die meisten Materialien, die für die Herstellung von Technologien für erneuerbare Energien verwendet werden, wie z. B. Solarmodule, Batteriespeicher und Elektroautos, aus seltenen und teuren Metallen hergestellt werden, die Europa importiert. Dies bedeutet wiederum auf die eine oder andere Weise, abhängig von externen Faktoren. Zu den Schlüsselmetallen für kohlenstoffarme Volkswirtschaften gehören Lithium, Nickel, Kobalt, Mangan und Kupfer. So kann die europäische Wirtschaft statt kohlenstoffintensiv auch metallintensiv werden, wodurch das Risiko eingedämmt wird, daß die Welt in naher Zukunft einen Mangel an einigen dieser Metalle erfährt.

Die Grafiken einiger der am meisten nachgefragten Metalle für Technologien im Bereich erneuerbare Energien (diese Grafiken stellen nicht alle Metalle dar, die in neuen Technologien verwendet und benötigt werden) zeigen, daß die Trends nicht zugunsten Europas verlaufen, da es keine wesentlichen Reserven dieser Ressourcen besitzt.

Die folgenden Tabellen zeigen, wo sich die größten Reserven an Rohstoffen befinden, die für die Produktion von Technologien für erneuerbare Energien benötigt werden[5].

Die Länder mit den größten Reserven an Kobalt, Lithium und Seltenerdmetallen sind auf den Karten eingezeichnet.

 

Tableau 4; Source : www.carbonbrief.org

Tableau 5; Source : www.carbonbrief.org

Tableau 6; Source : www.carbonbrief.org

Die Grafiken sind bei weitem nicht detailliert und beinhalten nicht alle Metalle, die in erneuerbaren Technologien verwendet werden, aber sie zeigen deutlich das potenzielle Risiko, daß die EU eine Abhängigkeit gegen eine andere eintauscht. Beispielsweise könnte sie ihre Energieabhängigkeit von Rußland verringern und ihre Abhängigkeit von Metallimporten aus Ländern wie der Demokratischen Republik Kongo oder China erhöhen. Damit würde sich die Situation der letzten zwei Jahrzehnte wiederholen: Viele europäische Länder haben ihre kohlenstoffintensiven Energiesektoren geschlossen, aber ihre Abhängigkeit von Energieimporten aus Rußland erhöht. Wenn sie nicht eingehend untersucht wird, besteht die Gefahr, daß sich die Geschichte auch bei den erneuerbaren Energien wiederholt. Zu berücksichtigen ist auch, daß Rußland einen sehr großen Anteil der seltenen Metalle besitzt, die in Technologien für erneuerbare Energien verwendet werden.

Die letzte, aber nicht die geringste Herausforderung für erneuerbare Energien besteht darin, daß das Recycling von Altmetallen noch nicht gut erforscht und entwickelt ist. Einige Metalle können recycelt werden, während andere, wie seltene Metalle, noch nicht recycelt werden können. Daher muß das Recycling oder die Lagerung von Lithiumbatterien, Sonnenkollektoren und anderen Technologien noch verbessert werden, was mehr Kosten und Investitionen in diese Richtung bedeutet.

Der Übergang von einer kohlenstoffintensiven zu einer metallintensiven Wirtschaft birgt neben den Vorteilen, die wir bereits kennen, zweifellos viele Risiken, Verwundbarkeiten und ökologische Fußabdrücke. Und Europa muß im voraus die Verwundbarkeiten und Abhängigkeiten abschätzen, denen es auf dem Weg zum ›Green Deal‹ ausgesetzt wäre.

Tabelle 7; Quelle: www.world-nuclear.org

Die Kernenergie, insbesondere die Entwicklung kleiner und mittelgroßer Kernreaktoren, könnte eine akzeptable Option für viele EU-Länder sein, insbesondere für diejenigen, die bereits Kernkraftwerke besitzen, da sie über das ›Know-how‹ und die technologischen Kapazitäten verfügen, um sie schneller umzusetzen. Kernenergie ist im Gegensatz zu erneuerbaren Energien zu jeder Jahres- und Tageszeit sehr stabil und könnte in diesem Sinne einen Ausgleich zu Energie aus erneuerbaren Quellen schaffen, die von vielen externen Faktoren wie dem Klima abhängt.

Viele Länder des Nahen Ostens, darunter die größten Öl- und Gasproduzenten der Welt, haben mit dem Bau von Kernkraftwerken begonnen, um ihren Energiemix auszugleichen. In der EU erzeugten Kernkraftwerke laut Eurostat-Statistiken im Jahr 2020 etwa 24 % der gesamten Elektrizität, obwohl aufgrund von Sicherheitsbedenken und im Zusammenhang mit dem Übergang zum ›Green Deal‹ die Tendenz besteht, diese Art der Energiegewinnung zu verringern.

Derzeit sind in 13 EU-Ländern Kernkraftwerke in Betrieb, und für diejenigen, die Kernkraftwerke haben, und für Europa insgesamt könnten Kernkraftwerke eine Lösung sein, um die Energieversorgungskrise teilweise abzumildern. Die Sicherheitsstandards in Europa gehören zu den höchsten der Welt, und durch die Einhaltung dieser Standards könnte die Kernenergie Europa in der extremen Situation, in der es sich derzeit befindet, helfen.

Der europäische Energiesektor hatte beim Übergang zum ›Green Deal‹ viele Herausforderungen zu bewältigen und hat heute mit dem anhaltenden Konflikt mit Rußland und den weltweit steigenden Preisen für Energieressourcen doppelt so viele Herausforderungen zu bewältigen. Es ist immer noch unklar, wie die Energielieferungen aus Rußland, insbesondere in der kommenden Wintersaison, ablaufen werden. Die soziale und wirtschaftliche Stabilität des ›Alten Kontinents‹ ist im Falle eines Energiemangels gefährdet.

In dieser Extremsituation muß  Europa nach allen alternativen Lösungen suchen, um unabhängiger von Energieimporten zu werden und die Wettbewerbsfähigkeit seiner Wirtschaft zu erhalten. Der Übergang zum ›Green Deal‹ darf jetzt nicht um jeden Preis erfolgen, sondern erst nach einer klaren Einschätzung des wirtschaftlichen und sozialen Preises, den die Europäer dafür zahlen müssen. Vor dem Hintergrund der neuen geopolitischen Gleichgewichte ist es wichtiger denn je, daß Europa geeint bleibt; nur unter dieser Bedingung kann es seine geopolitische Bedeutung auf der Weltbühne aufrechterhalten. Um die Union zu erhalten, muß Brüssel jedoch den neuen Realitäten Rechnung tragen. Die EU-Mitgliedstaaten sind unterschiedlich, ihr Wirtschaftspotenzial ist unterschiedlich, ihre Energiesektoren sind unterschiedlich, und die Interessen aller Länder müssen berücksichtigt werden. Eine einseitige Machtübernahme durch Brüssel oder eine Zentralisierung, die den Willen der Brüsseler Eurobürokraten durchsetzt, wird die Europaskepsis unter den europäischen Regierungen und Bürgern nur verstärken.

Mehr denn je ist es wichtig, daß die EU ihr Konzept für die Existenz in der neuen Welt auf der Grundlage der Interessen der europäischen Bürger entwickelt. Mehr denn je muß Brüssel dem wirtschaftlichen und sozialen Wohlergehen seiner Bürger Vorrang einräumen. Für die Definition der neuen Rolle und der konzeptionellen Säulen der Union braucht Europa eine neue Existenzphilosophie. Heute mehr denn je muß die Stimme der nationalen analytischen Denkfabriken, Hochschullehrer und Wissenschaftler von den Politikern sowohl auf nationaler Ebene als auch in Brüssel gehört werden. In diesen turbulenten Zeiten sollten die verschiedenen Meinungen in Europa und Brüssel aufmerksam angehört und analysiert werden, ohne dabei zu vergessen, daß Englisch in der EU nur noch eine Sprache der Zweckmäßigkeit ist.

Fußnoten:

[1] Euractiv.com, Germany reactivates coal power plants amidt Russian gas supply threats, Nikolaus J. Kurmayer, 9. März 2022, https://www.euractiv.com.

[2] Europäische Kommission, Generaldirektion Energie, Energie in der EU in Zahlen: Das statistische Pocketbook 2020, Amt für Veröffentlichungen, 2020, https://data.europa.eu/doi/10.2833/29877.

[3] Europäische Kommission, Generaldirektion Energie, Energie in der EU in Zahlen: Das statistische Pocketbook 2020, Amt für Veröffentlichungen, 2020, https://data.europa.eu/doi/10.2833/29877.

[4] Europäische Kommission, https://ec.europa.eu/eurostat/cache/infographs/energy/bloc-2a.html?msclkid=da2575f2cf6111ec9aa87e67219bcc8d

[5] https://www.carbonbrief.org/explainer-these-six-metals-ar…

Quelle: http://euro-synergies.hautetfort.com/
Ur-Quelle: https://www.eurasia-rivista.com/leu-ed-il-suo-settore-energetico-dopo-lucraina/
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