Vorbemerkung:

Wir hatten eigentlich nicht vor, tagespolitische Themen auf der Thule-Seite zu erörtern, aber die Berichterstattung in den westlichen Medien über den Krieg in der Ukraine ist derart propagandistisch einseitig für die Ukraine und voller Hass und Häme gegen Rußland, daß wir für eine Klar- und Richtigstellung für nötig halten.

 

Der Strategen-Kurier veröffentlicht täglich einen Überblick über die Entwicklung des Ukraine-Krieges. Aus einer doppelten, sich überschneidenden Perspektive: der Krieg vor Ort und der globale strategische Konflikt, den die USA gegen Russland zu organisieren versuchen – mit dem klaren Risiko einer Eskalation zwischen den Atommächten. Wir befinden uns in einer “Kuba-Raketenkrise” in Zeitlupe. Werden der Überlebensinstinkt und die Intelligenz über das Selbstzerstörungspotenzial der Menschheit siegen? Nach einem Monat des Konflikts scheint es, daß

  1. Rußland eine echte militärische Revolution eingeleitet hat, die auf der (vorläufigen) absoluten Überlegenheit seiner Hyperschallwaffen beruht;
  2. der Großteil der Welt nicht bereit ist, in eine von den USA inszenierte Konfrontation mit Rußland einzutreten;
  3. das Ende des auf dem Dollar basierenden Weltwährungssystems und die Geburt eines neuen “polymonetären” Systems bevorsteht.


Der Kampf um die Ukraine

Wer sich ernsthaft mit dem Internet und den verschiedenen sozialen Netzwerken beschäftigt, dem drängen sich eine Reihe von Fragen auf, die erstens die Entstehungsgeschichte des Konflikts und zweitens das Verständnis der russischen Militärstrategie enorm erschweren. Der Strategiekurier wird in den kommenden Tagen ausführlicher auf dieses Thema eingehen. Wir weisen heute Abend auf die Fragen hin, die man sich stellen sollte:

  • War die ukrainische Armee am 24. Februar dabei, sich für einen Angriff auf den Donbass Anfang März zu positionieren? Darauf deutet die Tatsache hin, daß der Großteil der ukrainischen Armee in der Nähe des Donbass stationiert war, als die Offensive ausbrach.
  • War es möglich, daß die westlichen Politiker nicht wußten, was die Ukrainer vorhatten? Haben Emmanuel Macron oder Olaf Scholz ein doppeltes Spiel gespielt, indem sie mit Putin sprachen, um ihn zu überzeugen, mit einem Land zu verhandeln, von dem sie wussten, dass es den Krieg im Donbass wieder aufnehmen würde?
  • Und noch weitergehend: Haben die inoffiziellen Militärberater der NATO mit den Ukrainern einen Plan für einen Krieg ausgearbeitet, der Rußland dazu bringen sollte, zu reagieren und in den Konflikt einzutreten?

Nicht nur, daß sich immer mehr informierte Russen diese Fragen stellen, sondern auch in den meisten Teilen der Welt, wo die Sanktionen Nordamerikas und Rußlands nicht unterstützt wurden, wäre es nicht verwunderlich, wenn alle drei Fragen mit Ja beantwortet würden. Denken wir zum Beispiel daran, wie die chinesische Diplomatie, während sie den Frieden fordert, seit dem 24. Februar in leisen Tönen von Provokationen gegenüber Rußland spricht.

Von einer ernsthaften Analyse der unmittelbaren Ursprünge des Konflikts ist man bislang noch weit entfernt.

Was den Fortschritt der Operationen betrifft: Gestern, am 30. März, zeigte die russische Armee Bilder, die belegen, daß sie ein ukrainisches S-300-Raketenabschuss-System (10 Abschussvorrichtungen) vollständig zerstört hat.

Ukrainisches S-300PT (trailer-based launchers) SAM system fully destroyed by Russian Forces.– 10 Launchers, command post, low altitude acquisition radar. pic.twitter.com/seyvzWJo3W  – Military Advisor (@miladvisor) March 30, 2022

Die russischen Präzisionsbombenangriffe richteten sich auch gegen militärische Ziele in den Regionen Chmelnizkij, Kiew, Charkow, Dnepropetrowsk und Nikolajew.

War die Ankündigung, die russischen Militäraktionen in der Region Kiew auszusetzen, teilweise eine Kriegslist, um zu sehen, inwieweit die Ukrainer bei den Verhandlungen mitspielen? Auf jeden Fall dachten die Kiewer Truppen vor Ort, daß sie die Situation ausnutzen könnten, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Aus diesem Grund schätzt das Pentagon, daß sich die russischen Streitkräfte zu 20 % aus diesem Teil des Kriegsschauplatzes zurückgezogen haben.

In der Umgebung von Charkow kam es zu Kämpfen, ohne daß man sagen kann, ob es sich dabei um mehr als nur sporadische Auseinandersetzungen handelt.

Der Vormarsch von Izyum auf Slawjansk geht weiter.

Die russische Armee konsolidiert weiterhin die Kontrolle über die Region um Nikolajew, aber es ist davon auszugehen, daß keine neuen Offensiven gestartet werden, solange die Hauptschlacht, die Schlacht um den Donbass, nicht geschlagen ist.

Die ultimative Schlacht um den Donbass wird vorbereitet, aber wie in jeder Phase läßt die russische Führung wenig durchblicken.

Die Durchkämmung von Mariupol geht weiter, um die Kämpfer des Asow-Bataillons aufzuspüren. Wie angekündigt, machen die russischen Streitkräfte keine Gefangenen. Die zahlreichen Schnappschüsse und Videos, die man auf zuverlässigen Konten in sozialen Netzwerken sehen kann, zeigen nicht nur zahlreiche materielle Zerstörungen, sondern auch die Leichen der Mariupol-Faschisten, die sich nicht ergeben wollten.

Für die russische Armee steht die vollständige Eroberung der Fabrik Azovstal, in die sich die Unbeugsamen geflüchtet haben, noch aus…. Allerdings ist anzumerken, daß einige der Anführer mehrmals versucht haben, mit Hubschraubern zu fliehen. Vor zwei Tagen waren die Hubschrauber abgeschossen worden, bevor sie Azovstal erreichten. Heute wurden zwei Hubschrauber abgeschossen, als sie gerade wieder aus Mariupol abflogen. Alle Insassen bis auf drei Personen waren sofort tot.

Der globale geopolitische Konflikt

🇷🇺🇮🇳 Russian Foreign Minister Sergey #Lavrov arrived in #NewDelhi on an official visit. Morgen werden Gespräche mit dem indischen Außenminister @DrSJaishankar stattfinden. The Russian Foreign Minister will also meet with Indian Prime Minister @narendramodi. MFA –  http://pic.twitter.com/Ab44jPUcfg Russia 🇷🇺 (@mfa_russia) March 31, 2022.

Indien ist das Schlüsselland, wenn man das Versagen der US-Politik analysieren will, den Rest der Welt außerhalb der englischsprachigen Welt und der Europäischen Union zu mobilisieren. Es ist, gemessen an der Einwohnerzahl, die größte Demokratie der Welt, ein Block, der demografisch gesehen genauso viel wiegt wie China. Indien ist heute die fünftgrößte Wirtschaftsmacht der Welt. Auf Indien entfallen heute 7 % des weltweiten BIP, während es 1991 nur 3 % waren. Es ist ein englischsprachiges Land und historisch gesehen ein Anführer der Blockfreien. Es ist eine Atommacht.

Es ist das Land, das den USA am deutlichsten zu verstehen gegeben hat, daß es nicht in den Sanktionszyklus eintreten wird. Der Besuch des russischen Außenministers Sergei Lawrow in Neu Delhi, wo er von Premierminister Modi empfangen wird, ist daher von besonderer Bedeutung.

Sehr aufschlußreich ist die Darstellung der Dinge durch die indische Zeitung ›Economic Times:

“Angesichts der zunehmenden Sanktionen gegen Rußland wegen seiner Militäroperationen in der Ukraine wird Indien im Einklang mit seinen alten Verbindungen und freundschaftlichen Beziehungen Moskau erlauben, auf dem heimischen Markt zu investieren und Kredite aufzunehmen.

Rußland wurde aufgrund seiner Militäroperationen in der Ukraine mit zahlreichen Sanktionen belegt. Länder auf der ganzen Welt verhängen neue Sanktionen gegen Russland.

Die USA, die EU, das Vereinigte Königreich und Kanada untersagten bestimmten russischen Banken den Zugang zu SWIFT, dem hochsicheren Netzwerk, das Zahlungen zwischen 11 000 Finanzinstituten in 200 Ländern erleichtert. Zuvor hatte Deutschland aufgrund von Moskaus Vorgehen in der Ukraine die Zertifizierung der Gaspipeline “Nord Stream 2” gestoppt.

Trotz der Sanktionen erlaubte Indien Russland, in Kreditfonds indischer Unternehmen zu investieren, die Moskau helfen könnten.

Dies kann als Geste der Gegenleistung für das russische Angebot betrachtet werden, Indien Öl mit einem enormen Rabatt von 25-30 % zu verkaufen. Das energiehungrige Indien hat bereits damit begonnen, diese Erleichterung zu nutzen und ausreichende Puffervorräte anzulegen.

Ebenso wichtig ist die auf höchster Ebene getroffene indische Entscheidung, Rußland zu erlauben, diese Investitionen über ein Konto der ›Reserve Bank of India‹ zu bezahlen, das seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion vor dreißig Jahren besteht. Die Gelder hatten sich in Erwartung der Bezahlung der bei Moskau getätigten Rüstungskäufe angesammelt. Es gibt also ein Element der Gegenseitigkeit.

Indien lernt aus seinen früheren Beziehungen mit dem Iran, einem anderen Freund, der von den Sanktionen betroffen ist. Die iranischen Ölimporte waren vor einigen Jahren auf Null gesunken, nachdem die USA den Geldverkehr mit Teheran erschwert hatten.

Unter anderem wird es Russland erlaubt sein, in Schuldverschreibungen zu investieren.

Berichten zufolge haben russische Regierungsbeamte ihre indischen Amtskollegen gebeten, den indischen Rahmen für externe Handelskredite (ECB) zu lockern, sodaß russische Körperschaften in indische Unternehmensanleihen investieren und diese Investitionen über ein Konto bei der ›Reserve Bank of India‹ (RBI) bezahlen können.

Medienberichten zufolge weist das Konto der RBI einen kumulierten Saldo von 2 Billionen Rupien aus ausstehenden Zahlungen für Rüstungskäufe bei Rußland auf.

›Masala-Anleihen‹ sind auf Rupien lautende Anleihen, die von indischen Unternehmen im Ausland ausgegeben werden. Es handelt sich um Schuldinstrumente, die Unternehmen dabei helfen, bei ausländischen Investoren Geld in indischer Währung zu beschaffen. Sowohl staatliche als auch private Einrichtungen können diese Anleihen ausgeben.

Die vorgeschlagene Vereinbarung ist eine Reaktion auf den Druck auf wirtschaftlicher Ebene, da die weltweiten Ölpreise steigen und ihre Importe einen negativen Kaskadeneffekt auf die indische Wirtschaft haben.

Indien enthielt sich der Teilnahme an den Abstimmungen der Vereinten Nationen über die Krise zwischen Rußland und der Ukraine und forderte stattdessen eine “sofortige Einstellung der Gewalt” und betonte den Dialog als Weg aus dem Konflikt”.

Man beginnt zu träumen, daß ein so leidenschaftsloser und rationaler Artikel Indien” durch “Frankreich ersetzt. Und “Rupie” durch …. “Franc” ersetzt!

Ich lese von russischen Studenten, die in französischen Universitäten nicht mehr als ›Persona Grata gelten, und von Banken, die russischen Studenten die Eröffnung eines Kontos verweigern. Mir wird die Geschichte einer französischen Studentin erzählt, der ihre Universität mit Exmatrikulation drohte, wenn sie ihre Universität in Rußland nicht verlassen und nach Frankreich zurückkehren würde. Die junge Frau gab nicht nach.

Die USA stuften Düngemittel als lebensnotwendige Güter ein, um sie trotz der Sanktionen aus Rußland einführen zu können.

Wladimir Putin unterzeichnete das Dekret, mit dem in Kraft trat, daß “unfreundliche Länder” ab dem 1. April ein Konto bei einer russischen Bank haben müssen, um weiterhin Gas kaufen zu können.

Die französische und die deutsche Regierung versuchen weiterhin, den Eindruck zu erwecken, daß sie in Euro bezahlen werden, doch in der Tat werden sie ihre Euros bei einer russischen Bank einzahlen, die sie dann für Gazprom in Rubel umtauschen wird.

Rußland wollte in erster Linie verhindern, daß die Europäer der amerikanischen Empfehlung folgen, die Euros auf einem westlichen Sperrkonto…. zu deponieren, bis der Krieg vorbei ist oder ein Friedensvertrag geschlossen wird. Andererseits ermöglicht der gefundene Mechanismus den EU-Staaten, ihr Gesicht zu wahren. In Wirklichkeit haben die EU-Mitgliedstaaten jedoch keine andere Wahl – es sei denn, sie lassen ihre Bevölkerung im nächsten Winter frieren, wie es einige deutsche Politiker empfehlen.

Quelle: https://lecourrierdesstrateges.fr/2022/04/01/guerre-dukraine-jeudi-31-mars-2022-jour-36-fin-de-journee/
Print Friendly, PDF & Email