Solveig de Boissezon

In der Nacht vor der Wintersonnenwende, also meist vom 19. auf den 20. Julmond, leitet die Mütternacht (modrahnet, mōdraniht) die heiligsten Tage der Julzeit ein. Geweiht ist diese Nacht den Müttern, den Dísen, den weiblichen Ahnen (den lebenden und den toten), den Göttinnen des Landes und der Sippe als Geburtshelferinnen, Schutzgeister und Schlachthelferinnen.

Die Modrahnet ist der Frigg (Frigga) geweiht, der obersten Göttin Asgards, der Schützerin aller unserer Wege, Hüterin des Herdfeuers und der Geheimnisse von Heim und Sippe, Odins (Wodans) Gemahlin.

Und es ist auch ein der Frigg geweihter Tag, der die Raunächte (Rauhnächte) abschließt: der 2. Januar, an dem die Arbeit in Haus und Hof nach der heiligen Zeit der Raunächte, in der alles ruhte, wieder beginnt.

 

Frigg auf ihrem Thron, Abbildung aus Wägner, W. MacDowall, M. W. Anson, W. S. W. (1902). Asgard und die Götter: Die Erzählungen und Traditionen unserer nordischen Vorfahren.

Frigg ist hellsichtig, sie sieht das Geschick aller Geschöpfe und kann – des Seidr (altnordisch seiðr, anglisiert als seidhr , seidh , seidr , seithr , seith oder seid ) mächtig – eingreifen, wenn sie will: Der Faden, der von den Nornen gewebt, gemessen und geschnitten wird, stammt von Friggs Spindel. Sie webt nicht nur die Wolken [hier zeigt sie sich in ihrer Inkarnation als Holle bzw. Perchta], sie spinnt die Grundlage für unser ganzes Sein! Sie hört die Gebete und Wünsche der Menschen.

Ihre Gestalt wandelnd erscheint sie – Göttin der sturmgejagten Wolken – als wilde Jägerin, als Windsbraut, die zur Zeit der Wintersonnenwende nachts durch die Luft tobt und Seite an Seite mit ihrem göttlichen Gemahl Odin (Wodan) die Wilde Jagd anführt.

Die Wilde Jagd (Gemälde von Peter Nicolai Arbo, 1872)

Frigg, Ehefrau von Odin (Wodan), ist auch Mutter [je nach Überlieferung von Baldr, Hödur, Hermodr, Bragi und den Walküren], sie ist Königin und Hausherrin von Asgard mit allen damit verbundenen Pflichten; sie hält Hof, delegiert souverän an die ihr dienenden Göttinnen [Gefjon, Gna, Fulla, Sygn, Vara, Eira, Hlín, Lofn, und Vjofn] und ist geduldige Beraterin ihres göttlichen Gemahls: sie besänftigt ihn, wenn er wütende, unüberlegte Entscheidungen treffen will und sie setzt ihren Willen durch, wenn sie unterschiedlicher Meinung sind.

Wie genau unsere Altvorderen die Modrahnet begingen, welche Rituale oder Opfer zum Fest gehörten, ist nicht überliefert. Verschiedentlich findet sich nur der Hinweis, daß die Mütternacht durchwacht wurde.

 

Beitragsbild: Darstellung von John Charles Dollman (1851–1934)
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