Paul Krannhals

 

Die Gemeinschaft des deutschen Volkes ist zunächst eine Blutsgemeinschaft und darum Wesensgemeinschaft, aus der wiederum die Sprachgemeinschaft und die Schicksalsgemeinschaft erwachsen, Die Schicksalsgemeinschaft wurzelt in der Blutsgemeinschaft, die Kultur bezieht ihre Lebenskraft ganz und gar aus ihr und muß zugrunde gehen, wenn die ursprünglichen Bande des Blutes, die das erste Erwachen der Kultur bestimmen, nicht mehr der bestimmende Faktor der Volksgemeinschaft sein können. Wenn die Stimme des gemeinsamen Blutes sich nicht mehr in einer Gemeinschaft durchzusetzen vermag, so löst sich diese Gemeinschaft in eine Gesellschaft von Individuen auf, führt sie — wie das Beispiel Roms zeigt — auch zum Untergang der in der Blutsgemeinschaft wurzelnden Kultur. Denn „eine Nation kann nur ertragen, was aus ihrem Kern, aus ihrem eigenen Bedürfnis hervogegangen ist“ (Goethe).

Der Kern einer Nation offenbart sich in ihrem rassisch bedingten körperlichen und seelischen Charakter, der in der allmählichen Anhäufung erblicher Eigenschaften erworben wird und sich im Werden und Wachsen des Volkes mehr und mehr als eine Gemeinschaft des Denkens, Fühlens und Handelns darstellt. Die Eigenart des Volkes tritt um so ausgeprägter zutage, je mehr jedes einzelne Glied des Volkes die Art des Ganzen auch sein eigen nennen kann. Dieses Artbewußtsein, dem das gemeinsame Schicksal zum innersten Erlebnis wird, ist uns an- und eingeboren, es kann nicht durch den Verstand erworben, wohl aber getrübt, verwirrt werden. Daher wird die Gleichartigkeit der Gesinnung, die sich in einer einheitlichen Volksseele offenbart, nur bewahrt bleiben, wenn die Rassengrundlage der volklichen Eigenart, wenn ihre biologische Wurzel lebenskräftig bleibt.

Die Eigenart des Volkes setzt sich zwar aus vielen einzelnen, organisch miteinander verbundenen Charakterzügen zusammen, offenbart aber darum doch besonders hervortretende Grundzüge. So zeigt die deutsche Ausprägung des nordisch-germanischen Seelentums als den einen Grundzug die im Gemeinschaftsgefühl wurzelnde, zur Gemeinschaft führende Treue. Ein anderer Grundzug ist das im Kampf mit den Naturelementen der rauhen nordischen Heimat lebhaft entwickelte Freiheitsgefühl, in dem wiederum das stark ausgeprägte Individualitätsbewußtsein wurzelt. Dieselben Grundzüge — aber in ganz anderem Verhältnis — zeigt auch das uns stammverwandte Angelsachsentum. Dieses fand im Inselcharakter seiner Heimat einen starken natürlichen Schutz gegen äußere Feinde. Daher war es von der Natur nicht derart auf die Pflege der Treue angewiesen wie das Germanentum des Mutterlandes, das seit seinem Eintritt in die Geschichte fortwährend des äußeren Feindes gewärtig sein muß.

So finden wir denn auch das Treuebewußtsein beim Deutschen stärker entwickelt als die Betonung der äußeren individuellen Freiheit und Unabhängigkeit, die im englischen Charakter weit ausgeprägter ist. Daher ist auch England der Hort des Individualismus, Deutschland der Hort eines wahren, in der Treue wurzelnden Sozialismus. Diese in der Unterschiedlichkeit des englischen und deutschen Grundcharakters zutage tretende Differenzierung eines ursprünglich einheitlichen Seelenkerns offenbart das gleiche Naturgesetz, das wir in der fortschreitenden Differenzierung nicht nur der Menschenrassen, sondern der Lebensformen überhaupt wirksam wissen. Jedes Volk bildet so in seinem Werden und Wachsen seinen eigenen Nationalcharakter aus, seine Seele. Diese Gemeinschaftsseele erwacht erstmals in der Familie, ergreift dann wachsend, sich entfaltend nacheinander die Sippe als Großfamilie, den Stamm als Sippenverband und schließlich das Volk als Stammesverband. Erst hier, in der zum Leben erwachten Volksseele erreicht sie ihre volle Ausgestaltung, ihre Reife und Vollendung. In diesem organischen Sinne haben wir noch keine zum klaren Bewußtsein ihres Selbst erwachte Volksseele. „Das deutsche Wesen ist noch gar nicht da, es muß erst werden“, ruft Nietzsche. Die Volksgemeinschaft, die einheitliche Volksseele ist uns nicht gegeben, sondern aufgegeben.

Die einheitliche Volksseele erscheint als eine Individualität höherer Ordnung, in der jedes Glied des Volkes, jeder Volksgenosse die Funktion einer Zelle im Organismus zum Ausdruck bringt. Die Idee der Volksgemeinschaft wird so am anschaulichsten unter dem Weltbilde unserer Vorfahren, der Weltenesche Yggdrasil, vorgestellt, die tief im heimatlichen Erdreich wurzelnd mit ihrer mächtigen Krone in den Himmel strebt. Unsere Vorfahren, die heutige Generation und unsere Nachfahren wirken so wie die Blättergeneration des Baumes an der Gestaltung, Erhaltung und Fortentwicklung der Volksgemeinschaft. Alle menschliche Gemeinschaft wurzelt aber nicht nur der Idee nach, sondern auch in Wirklichkeit tief im Leben der Natur. Und wer Natur wahrhaft zu erleben vermag, wird auch die menschliche Gemeinschaft nicht nur als Offenbarung, sondern auch als einen Plan der Natur erleben.

Auf Schritt und Tritt begegnen wir der durchgängigen Planmäßigkeit und Zielstrebigkeit der Natur, und je tiefer wir in die Organisationsformen des Makrokosmos wie des Mikrokosmos eindringen, mit um so größerer Ehrfurcht müssen wir die darin waltende Vernunft bewundern. Aus dieser Ehrfurcht schöpfen wir auch die unerschütterliche Gewißheit, daß die Vernunft unseres Leibes, die uns die harmonische Lebensgemeinschaft mit Milliarden und Abermilliarden Zellen verkündet, uns dazu führen soll, die Vernunft unserer Seele zur Schaffung einer ebenso harmonischen menschlichen Lebensgemeinschaft zu gebrauchen.

 

 

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