Wiederbelebung des germanischen Wesensgesetzes

Unsere deutsche Geschichte hat uns sehr verschiedene Wege des Zu- und Miteinanders von Mann und Frau gewiesen, auch solche, die nicht unsere eigenen, sondern uns fremd waren und dennoch zu unserem Schicksal wurden und erst in einem leidvollen Umerziehungsprozeß erlernt werden mußten. Durch ein Jahrtausend war in ganz Europa der Mann der Frau in der Ehe und im öffentlichen Leben patriarchalisch vorgeordnet als ihr Eheherr und Gebieter, als der ihre Existenz Bestimmende und für sie Entscheidende, als Beschützer ihrer neuen Unmündigkeit und Einforderer ihres dank des Prügels anerzogenen, ›züchtigen‹ Gehorsams. Woher nahm sie sich Ende des 19. Jahrhunderts plötzlich das Recht, eine geschichtlich sanktionierte Tradition ›sich von der Schulter zu schieben‹ und der ›natürlichen Schöpfungsordnung‹ zu widersprechen? War nicht alles in angenehmster und Gott wohlgefälliger Ordnung?

Daß ihr Ausbruch aus derart schwergewichtig begründeten Ordnungen trotz heftigster Widerstände des männlichen Geschlechts und ohne jede Organisation oder Institution so erfolgreich sein konnte, hat seine bisher kaum registrierte Ursache darin, daß diese nord- und mitteleuropäischen Frauen sich an den Richtkräften ihres ureigenen Wesensgesetzes zu orientieren begannen und dabei unbewußt und ohne Führung oder Verführung durch irgendwie geartete, etwa geschichtliche Vorbilder, auch nicht durch das germanischer Frauengestalten, spontan eine Geschlechterordnung erneuerten, die in Europa vor lange vergangenen Zeiten einmal selbstverständliche Wirklichkeit gewesen war – bevor da „Er soll dein Herr sein“ durch methodische Menschenmanipulation im Sinne der biblischen Über-Unterordnung einen tiefgreifenden Bewusstseinswandel erzwang. Wie die Zeugnisse der Prähistorie und Geschichte, der Mythen, der Runensteine, der großen Heldendichtung und der überreich als Quellen wie bei keinem anderen Volk fließenden, unübertroffenen Sagas übereinstimmend zeigen, und Tacitus bestätigt, standen hier Männer und Frauen als ganzheitliche Menschen bei verschiedener Arbeitsteilung in derselben Welt in gleicher Haltung und Gesinnung, beide gleichen Rechten und Pflichten, beide gleichen Idealen und sittlichen Werten lebend, beide demselben Werturteil unterstellt.

Hier ordnete sich das Verhältnis von Mann und Frau als Nebeneinander selbständiger und sich selbstbestimmender, einander ebenbürtiger Persönlichkeiten. In der auf inne-ren Gleichklang sich gründenden Ehe entschied nicht das Geschlecht, was einer durfte oder was zu tun war, sondern die jeweilige Eignung oder bessere Einsicht. Die Frau sorgt hier ebenso wie der Mann für Ehre und Frieden der Sippe, dingt Gesinde, gibt Knechten die Freiheit. Wenn sie die Persönlichkeit dazu ist, wählt sie sich vielleicht selbst den Gatten oder regiert in Abwesenheit ihres Mannes den Gau. Wenn sie das Zeug dazu hat, bietet sie selbständig Mannschaft auf, nimmt Verfolgte in Schutz und in ihrem Haus auf, sie schließt Verträge oder schlichtet den Streit der Männer.

Niemand erblickt etwas Außergewöhnliches darin, wenn sie wie Unn die Tiefweise die Führung der gesamten Verwandtschaft übernimmt, um sie aus den Kriegswirren in Norwegen zu retten, mit großem Gefolge, dem angesehene und mächtige Männer angehören, die keineswegs Anspruch auf Führung erheben, ausreist, auf Island Land nimmt und an ihre Gefolgsleute verteilt und Unfreien Freiheit und Gut schenkt. Oder wenn eine Frau wie Thordis, die auf dem Thing eigene Gebäude für sich und ihre Leute besitzt, in großen Prozessen gebeten wird, den Schiedsspruch zu tun. Die Frauen leben nicht am Rande des Volksschicksals dahin, sondern das Leben ihrer Gemeinschaft aktiv mit. Sie sind in vollem Sinne des Tacituswortes „Gefährtin des Mannes in Mühsal und Gefahren“, als die sie bei der Heirat von ihm ein gezäumtes Pferd, einen Schild mit Speer und Schwert empfängt, Schicksalsgefährtin sowohl in der Ehe wie im Volksganzen. Und daher ist die Rolle der einflußreichen, selbständig handelnden Frau hier nicht die unerhörte, einmalige Ausnahme wie in anderen Kulturen. Die Männer bitten sie um ihren Rat, Unterstützung oder Schiedsspruch, rufen sie um ihre Entscheidung über Krieg oder Frieden an,schließen mit oder vor ihr Verträge oder lassen sich durch sie bei fremden Fürsten vertreten. Daß Mann und Frau ›eines Sinnes‹ sind, daß sie in gleicher Haltung und Gesinnung denselben Idealen und Zielen in ausgreifender Tatkraft dienen, stolz und selbstbeherrscht, rücksichtslos gegen sich selbst und groß im Einsatz für Sippenehre und die der größeren Gemeinschaft, daß sie ›in die selbe Richtung blicken‹ und ›am selben Strang ziehen‹ – das ist der Boden, aus dem ihre Liebe sich stark wächst, und die tragfähige Grundlage ihrer Ehe.

 

Sind die Frauen Menschen?

Die selbständige Stellung der Frau wandelt sich von Grund auf, als mit der christlichen Mission die Römische Kirche die orientalisch-patriarchalische Über-Unterordnung gemäß dem biblischen Gebot Jahwes („Dein Wille soll deinem Manne unterworfen sein, und er soll Herr sein über dich!“) für die germanische Welt verbindlich erklärt und mit Paulus und den Kirchenvätern die Frau, der nach Tacitus in der Auffassung der Germanen „etwas Heiliges innewohnt“, als Strafe für Evas Sündentat und Triebhaftigkeit in die Gewalt und Zucht ihres kirchlicherseits zur Strenge verpflichteten Herrn und Gebieters gibt im Sinne des Gottesfluchs, den ein sächsischer Geistlicher seinen Landsleuten nahebringt: „Gehe fort von der Freude! Du sollst in deines Ehemannes Gewalt sein! Von der Furcht vor dem Gatten geängstigt, sollst du in Niedrigkeit deiner Taten Verirrung büßen!“

Thomas von Aquin, 1225-1274

Nach Thomas von Aquin ist sie folglich „dazu bestimmt, in der Botmäßigkeit des Mannes zu leben“, nach Luther, „sich vor ihm zu bücken“, der „höher und besser“ ist als sie. Petrus Damiani, Kirchenlehrer und Kardinalbischof von Ostia (gest. 1072), beschimpft die Lango­bardinnen als „Pforte zur Hölle“ und „Speise des Satans! Euch, sage ich, rede ich an, ihr Lusthäuser des alten Feindes, ihr Wiedehopfe, Eulen,Nachtkäuze, Wölfinnen, Blutegel, die ohne Unterlaß nach mehr gelüstet. Kommt also und hört mich, ihr Metzen, Buhlerinnen, Lustdirnen, ihr Mistpfützen fetter Schweine… ihr Sirenen, Hexen und was es sonst für Scheusalsnamen geben mag, die man euch beilegen möchte!“ Kein Wunder, daß die mit zunehmender Askese überhitzten Sinne einer fanatisierten Männlichkeit sich 6 bis 7 Jahrhunderte hindurch in Hexen- und Rachewahn an der Evastochter austobte, die Adam verführt und alles Unheil über die Menschheit gebracht hatte, und an den germanischsten Frauen, die sich den Fesseln ihres Diktats nicht unterwarfen, buchstäblich und aufs grausamste den Taufbefehl des merowingischen Bischofs Remigius ausführte: „Verbrenne, was du angebetet hast!“ Ja, es war noch nicht einmal ausgemacht, daß Weiber überhaupt Menschen sind. Die Provinzialsynode in Macon an der Saône widmete sich der Frage mit Ernst und Hingabe, die hinfort eine Reihe von Männergenerationen beschäftigen sollte, und gegen die aus noch germanischem Empfinden der ritterliche Deutsche, Meister Eckhart, die Frauen in Schutz nahm: „Das Wort homo, Mensch, nehmen wir Frauen und Männer, aber die Welschen wollen es nicht den Frauen lassen.“ Diese Frage kam nicht von ungefähr. Wir erinnern uns: Hebräisch ›Adam‹ heißt ›der Mensch‹. Und der Mensch ist dort allein der Mann. Das hat seine psychologischen Ursachen. Da der Mann dem Geschlechtsgenossen die geschlechtsfreie Seite zuwendet, nimmt der in scharfen Antithesen von ›Geist‹ und ›Fleisch‹ denkende Hebräer an ihm die Stimme des ›reinen Geistes‹ wahr und erlebt sich und ihn als Menschen schlechthin. Seine eigene starke ›Fleischgebundenheit‹ jedoch, die zwischen Mann und Frau nicht angesprochen wird, wird ihm bewußt durch die Frau, die, da sie als Geschlechtswesen in seinem Blickfeld steht, für ihn Geschlechtswesen ist und nichts als dies. Die in der Bibel immer wieder aufzüngelnde Angst vor der Dämonie der geschlechtlichen Verstrickung macht sie für ihn zum Inbegriff der sündigen Verlockung, die ihn von Gott abzieht und die er durch seine Herrschaft niederhalten muß.

Erziehung zu absoluter Gegensätzlichkeit

Die neue, kirchlich verordnete Geschlechtertrennung prägte das europäische Bewußtsein in einer langwierigen, schmerzhaften Umpolung im Sinne eines absoluten Andersseins von Mann und Frau, ihrer tiefen Wesens- und Rangverschiedenheit, der gemäß jetzt der Mann sich als der ›Mensch schlechten‹ verstehen lernte. Dieses absolute Anderssein von Mann und Frau verschärfte die im 11./12. Jahrhundert über Alpen und Pyrenäen gestiegene höfische Gesellschaftskultur mit ihrem Stil bis in die einzelne Spielregel fixierter, polarer Entgegensetzungen von aktivem Umwerben Seiten des Kavaliers und von passivem Empfangen der Werbung und Liebe seitens der Dame.

Der Mann als der jetzt Bestimmende definierte die Existenz der Frau ausschließlich aus dem Bezug auf sich selbst, nicht nach dem, was sie an sich selbst war, sondern für ihn (dazu für seine Kinder und sein Haus) sein sollte: Er interpretierte ihren Daseinsentwurf als Fortpflanzung, Dienst in Hege und Pflege und ihr Wesen dementsprechend als Empfänglichkeit, Hingabe, Duldensfähigkeit, Unterwürfigkeit, Anschmiegsamkeit, Zärtichkeit, Gefühlsbetontheit, Personbezogenheit etc. – zu ergänzen: durch ihn, von ihm, an ihn, für ihn, vor ihm, auf ihn.

Damit fiel in Europa die ganzheitliche Welt der Geschlechter auseinander in zwei einander wesensfremde Welten1, in eine ›männliche‹ und eine ›weibliche‹ Welt. Der Mann selbst war weiterhin frei, ganz individuell seine Existenz zu entwerfen als ein Leben des tätigen Ausgriffs und der Leistung, des Geistes und der Macht – mit Ausnahme von drei Bezirken: Zuhause war er der Gebieter mit dem Recht, sie zu züchtigen als seine gehorsame Dienerin, wie der Held Siegfried im mittelalterlichen Nibelungenlied, der Kriemhild in der Kemenate „den Leib zerbläut“ und vor den „suezen kinden“ bei Hofe „wonniglich Gewand“ zu tragen und ihre Augen an allen Dingen zu weiden wünscht. Vor der Gesell- schaft nämlich war derselbe Mann seit den Tagen des höfischen Minnespiels im Stil Ovids und des arabischen Minnedienstes, wenn auch in nur fiktiver poetischer Unverbindlichkeit, Schein-Kavalier als galanter ›sehr ergebener‹ Diener der huldreichen, ›gnädigen‹ Herrin. In der Kirche wiederum kniete er vor dem Allmächtigen, der ›den Menschen‹ mit doppeltem Fluch beladen hatte, „weil du deinem Weibe gehorcht hast!“ Und mit dem Tod. Die Frau aber wurde ausschließich nach fremden – biblischen, mittelmeerländisch-ovidischen und arabischen – Vorbildern erzogen, „dem Mann zu gefallen und sich ihm zu unterwerfen“, wie Rousseau den Sinn ihres Daseins bündig zusammenfaßte. Was sie an sich und für sich selbst war, galt fortan als ›unweiblich‹, als ›Männerart‹, die hart geahndet wurde.

Siegfried (Sigurd) und Kriemhild (Gudrun)

Das Dogma vom Wesen ›des‹ Mannes und ›der‹ Frau

Durch die Fixierung dieser Rollen infolge Erziehung und Wunschbild des Mannes bildete sich allmählich eine dogmatische Festlegung der Begriffe des ›Männlichen‹ und des ›Weiblichen‹ auf extreme Gegensätze heraus, die männliche Dichter und Philosophen, Psychologen und Laien immer wieder zu mehr oder minder geistreichen Spielen mit klap­pernden Antithesen begeisterten. Im wesentlichen viererlei Modelle wirkten an der Entstehung dieses im christlichen Abendland nahezu bis in die Gegenwart herrschenden Dogmas vom Wesen ›des‹ Mannes und ›der‹ Frau als einander ausschließender, durchgehender, absoluter Gegensätze zusammen:

1. mit kirchlichen Machtmitteln durchgesetzte Verpflichtung auf den extremen Geschlechterdualismus des alttestamentlichen Sündigkeitssyndroms;
2. die Erziehung beider Geschlechter nach jeweils unterschiedlichen Leitbildern und Lebensstilen: der Männer nach germanischem Vorbild und germanischer Wertordnung, der Frauen nach fremden Vorbildern aus zwei verschiedenartigen Kulturen und Wertordnungen, nach jüdisch-christlichem und ovidisch-mittelländischem;
3. die materialistisch-naturalistische Deutung der männlichen bzw. weiblichen Psyche nach dem biologischen Modell von Zeugen und Empfangen;
4. das physikalische Modell der ›Polarität‹, dessen Anwendung auf das Wesen des Geistigen und gar des Menschen schon Goethe als unangemessen abgewiesen und Hegel als irreführende ›Taschenspielerkunststücke‹ gegeißelt hatte, neuerdings im Sinne der ›Ergänzung‹ im Stile des platonischen Halbierungs-Mythos gegensätzlicher Teile des Ganzen als ›Komplementarität‹ bezeichnet.
So wurden alle erdenklichen Gegensatzpaare – oft bis zum Widersinn – auf Mann und Frau verteilt: Aktivität – Passivität, Widerstände überwindendes Einwirken – duldendes Erleiden, in die Ferne ausgreifende Tat – einfühlendes Hegen und Pflegen in der Nähe, Verstand – Gefühl, Kreativität – Imitation, Geist – Natur, Genialität – Fleiß, Sachbezogenheit – Personbezogenheit, Objektivität – Subjektivität, Leistung – Spiel, Kraft – Anmut, kriegerisch – friedliebend, tapfer – ängstlich, willensstark – haltlos, energisch – sanft, hart – weich, kühl – anschmiegsam, spitz – rund, gerade – wellig, Dreieck – Kreis, Berg – Tal usw.

Die Verpflichtung beider Geschlechter auf solcherweise einander ausschließende angebliche Wesensgegensätze hat die Menschen unseres Kulturkreises zu Spezialisten vereinseitigt, verarmt und in ihrem Menschsein gemindert. Sie hat die Frauen sich selbst tief entfremdet und verbogen, sie an ihrem Selbstsein gehindert und so ihre innere Freiheit zerstört und damit unschöpferisch gemacht.

Leonardo Da Vinci, Die Dame mit dem Hermelin Auguste Rodin, Der Denker

Unter dem Diktat der ›Polaritäten‹ wurde der europäische Mann zum Spezialisten des Verstandes erzogen, des logischen Denkens, des kühlen Intellekts, der sein Leistungsleben ausschließlich von rationalen Prinzipien, unabhängig vom hinderlichen Gefühl leiten ließ. Er hatte sich seiner emotionalen Reaktionen zu schämen, sie zu unterdrücken und sich inniger Zärtlichkeit als unmännlich zu enthalten. Die Frau dagegen war ausschließlich für die Sparte des Gefühls, des Gemüts, der Seele und der Tränen zuständig, instinktbetont, unfähig zu logischem, sachlichem und überpersönlichem Denken, inkonsequent, triebhaft-spontan oder von den Augenblickseingebungen des ›Herzens‹ motiviert, zum Dienen und Bedienen, zum Pflegen und Hegen des Nahen und Nächsten bestimmt. Und wer von den Männern und Frauen seinen Anlagen nach dem jeweiligen Rollananspruch nicht entsprach, war gezwungen, seine Wesensart zu verdrängen oder sich als ›unmännlich‹ lächerlich bzw- als ›unweiblich‹ anstößig zu machen.

Dieser Artikel ist in ›Elemente der Metapolitik für die europäische Neugeburt‹ von Juni/September 1987 erschienen.