Die Frauen des ehedem germanischen Europas kehren heute aus ihrer tausendjährigen Verfremdung zu ihrer ursprünglichen Wesensart im ebenbürtigen Nebeneinander mit dem Mann zurück.
Die Evolution der männlichen und weiblichen Spezialisten extremer menschlicher Einseitigkeiten zu ganzheitlichen Männern und Frauen
hebt den Menschen insgesamt auf eine höhere Stufe.

Arno Breker, Paar

Allgemeingültigkeit vergewaltigt das Wesentliche

Seit vor hundert Jahren in Skandinavien, England und Deutschland Frauen begannen, sich von der als fremd und unerträglich empfundenen, ihnen anerzogenen Rolle des unmündigen, gehorsamen Weibchens loszusagen, und beschlossen, endlich sie selbst zu sein, ist vieles in Bewegung geraten. Auch die bisherigen, zu Dogmen zementierten Vorstellungen dessen, was schlechthin und ein für allemal unter männlich und weiblich zu verstehen sei. In Bewegung und in einige Verlegenheit geriet auch die sich doch auf so hohe Autoritäten wie Platon und Paulus, Ovid und Luther, Rousseau und sogar auf einen Goethe und sein „Dienen lerne beizeiten das Weib nach ihrer Bestimmung“ stützende Geschlechterpsychologie angesichts dieser schlanken, hochbeinigen, drahtigen Frauengestalten mit ihrer natürlichen Gelöstheit und energiegeladenen Vitalität, die menschliche Reife mit scheinbar unzerstörbarer Jugendlichkeit verbanden. Wenn diese sich zum eingeborenen Wesensgesetz bekennenden Frauen, die als erste offen ihren moralisch und ästhetisch entrüsteten Inquisitoren trotzten, auch nach manchen Übertreibungen und Verzerrungen erst ihre Form finden mußten. Irritierte Psychologen und um die heiligsten Grundsätze besorgte Laien beeilten sich alarmiert, hinfort ihre durch die offensichtlichen Veränderungen an den selbständig auftretenden und geistig beweglichen Frauenpersönlichkeiten infrage gestellten Theorien vom Wesen des Mannes und der Frau durch Heranziehen anderer Wissenschaften, der Biologie, der Zoologie abzustützen, um ihre Allgemeingültigkeit neu zu untermauern. Wer wollte schließlich bestreiten, daß bereits die biologischen Funktionen bei der Fortpflanzung durch männliches Zeugen und weibliche Empfängnis unumstößlich einen klaren und durchgehenden Wesensgegensatz von Mann und Frau prädestinierten und ihre geistig-seelischen Wesensmerkmale und ihre geschlechtsspezifische Rolle bestimmten? Wobei man genau genommen die Gleichheit aller Männer zwischen Shanghai und Brest, die gleichen männlichen Wesensmerkmale zwischen Alaska und Feuerland und von Südafrika bis Bergen verkündete und als ihren naturgemäßen Gegensatz die Gleichheit aller Frauen der Erde.

von links: Plato, Paulus, Ovid von links: Luther, Rousseau, Goethe

Daß schon in der Tierwelt nur einige ausgewählte Exemplare ihnen den Gefallen taten, die ihnen aufgrund ihrer gegensätzlichen Fortpflanzungsfunktionen zugewiesenen männlichen und weiblichen Rollen auch tatsächlich zu spielen, während bereits Löwen und Kaiserpinguine, Wölfe, Nanduhühner, Anglerfische und die kleinen Seepferdchen, aller Theorie spottend, das Rollendiktat schamlos durchkreuzten und ins genaue Gegenteil verkehrten (so wie etwa das Volk der Tschambuli auf Neuguinea), ließ bei ihnen keinen Zweifel an ihrer Allgemeingültigkeit für den Menschen aufkommen.

Das Geschlechterverhältnis hat seinen metaphysischen Grund

Alle diese Theorien übersahen eines: Der Mensch ist kein Naturwesen, sondern ein Kulturwesen. Er belegt ›seine Welt‹ – und d. h. auch sich selbst – ganzheitlich, seiner Bewußtseinsstruktur entsprechend, mit Bedeutungen. Nur aus dem jeweiligen Selbstverständnis der Menschen und ihrem Grundverhältnis zum anderen, zum Schicksal, zum Göttlichen kann das eigentümliche Verständnis von Mann und Frau und ihr Verhältnis zueinander erschlossen werden.Denn es hat seinen tiefen, metaphysischen Grund im ganzheitlichen Sein des Menschen. Daher gleicht der Haltung gegenüber dem Göttlichen stets die Haltung gegenüber dem anderen Geschlecht.

Darum kann es nicht ein Gesetz für alle geben. Jedes Gesetz menschlicher Ordnung kann nur für jene gelten, ihr Glück wirken und ihr Größtes und Höchstes entbinden, von denen es geschaffen ist. Jedes Ordnungsgesetz, das mit dem Anspruch auftritt, allgemeingültig zu sein, vergewaltigt das Eigenrecht und Eigenwachstum derer, deren innerem Gesetz es nicht gemäß ist. Wie jene Frauen es instinktiv erfaßten, die als erste den folgenreichen Ausstieg aus einer tausendjährigen Fremderziehung und ihnen vorgeschriebenen Rolle wagten und einen Wandel herbeiführten – auch für eine wesentliche Entwicklung des Mannes –, einen Wandel, der ein integraler Bestandteil der europäischen Neugeburt sein wird, wie wir noch sehen werden.

Der im folgenden skizzierte Wandel, den man zu ungenau und zu kurzsichtig als ›Gleichberechtigung‹ bezeichnet, kann daher auch nicht für Frauen und Männer aller europäischen Völker, geschweige allgemein für andere Rassen und Kontinente verbindlich sein, ohne seinerseits die Menschen, vor allem die Frauen, sich selbst und ihrem ureigenen Gesetz zu entfremden – wie es leider bereits weltweit geschieht.

Die griechische Göttin Pallas Athene schützt den Helden Achill im Trojanischen Krieg.

Mythen deuten das Verhältnis von Mann und Frau

Das Selbstverständnis der Geschlechter und ihr Verhältnis zueinander unterscheiden sich von Kultur zu Kultur, von Religion zu Religion, von Rasse zu Rasse, oft schon von Volk zu Volk. In ihren Mythen von der Erschaffung des Menschen als Mann und Frau haben die verschiedensten Völker in frühesten Zeiten ihrem jeweiligen Selbstverständnis , dem ihnen eingeborenen Stilgesetz entsprechend, Gestalt gegeben. Hören wir vier Mythen, die auf ihre Weise das Männer- und Frauenvorbild europäischer Menschen bestimmt haben:

ad 1: Erschaffung Evas (Wandrelief im Dom von Orvieto, unbekannter Künstler, um 1320)

  1. Da spricht um 1000 v.d.Z. der ältere, jahwistische Schöpfungsmythos der Bibel in Genesis von der Erschaffung Adams, d. h. des ›Menschen‹, aus einem Erdenkloß, aus dessen Rippe Jahwe eine Frau ›um seinetwillen‹ und ›für ihn‹ bildet, die Sünderin, die infolge ihrer Triebnatur den Mann von Gott abzieht, weshalb Jahwe sie der Gewalt des Mannes unterwirft („Und er soll Herr sein über dich!“): Der jüdisch-christliche Mythos von der hierarchischen Über-Unterordnung radikal gegensätzlicher Geschlechter – ein Mythos, der europäischen Frauen (aber auch Männern) seit der christlichen Missionierung und teilweise noch bis heute zum tragischen Schicksal wurde.

    ad 2: „Aristoteles beharrte darauf, daß Frauen weniger Zähne hätten als Männer. Obwohl er zweimal verheiratet war, kam er nie auf den Gedanken, seine Behauptung anhand einer Untersuchung der Münder seiner Frauen zu überprüfen.“ (Bertrand Russell)

  2. Im nachhomerischen Griechenland der klassischen Zeit beauftragt in Platons spätem Dialog Timaios, der Weltenschöpfer, die von ihm eben geschaffenen Götter, nunmehr die Sterblichen zu erschaffen, „zuerst das überlegene Geschlecht, das in der Folge den Namen ›Mann‹ führen werde“. Was bei ihrer Schöpfung übrig geblieben ist, sollen die Götter mischen, diese Seelen auf die Sterne verteilen, sie über die Gesetze des Weltalls belehren und sie dann einem sterblichen Körper einpflanzen. Vergehe sich aber einer der Männer gegen ein vom Verstand gezügeltes Leben, werde er wiedergeboren als Weib und bei fortgesetzter Schlechtigkeit als Tier. „So entstanden also die Frauen und die weibliche Gattung überhaupt: Die früher Feiglinge und Übeltäter waren, wurden bei ihrer zweiten Geburt Frauen“, erfährt das Abendland im 12. Jahrhundert die Bestätigung der abgründigen Verworfenheit der Evastöchter von den Lippen des weisen Griechen. Dieser griechisch-platonische Mythos eines Dualismus des absoluten Wertes des Mannes hoch über der moralisch-geistigen Minderwertigkeit der Frau spiegelt sich in der athenischen Gesellschaft ab, ›der exklusivsten Männerkultur aller Zeiten‹, während die Griechin, aus der Öffentlichkeit in das Haus verbannt, in einer Geringschätzung lebt, die in ihrer Zeit einzig dasteht. ­– Im gleichen Sinne, wie die um den männlichen Verstand gekommene Frau für Platon nichts anderes war als die um der Schwäche und Schlechtigkeit willen gestrafte Wiedergeburt des Mannes, ist sie auch für seinen Schüler Aristoteles ein ›unvollkommener Mann‹ mit schwachem, ärmlichem Verstand.

    ad 3: Ovid ›Ars amatoria‹

  3. Doch als ordnungsliebender Systematiker ordnet Aristoteles beide Geschlechter seinem System ein und dessen zwei ursprungsverschiedenen Prinzipien zu: Mann und Frau verhalten sich wie Form und Materie. Er ist das aktiv Schöpferische, überragend an Sein – sie formbedürftiger, passiver Stoff, bloße, unbestimmte Masse, noch ohne Kraft und eigentliches Sein: Der mittelmeerische Mythos der Polarität bzw. Komplementarität der einander sowohl ausschließenden als auch ergänzenden Gegensätze der Geschlechter. Das klassische Modell dieses Mythos hatte Platon bereits im Dialog Das Gastmahl gezeichnet: Einstmals gab es drei Geschlechter, neben Männern und Frauen auch Menschen, rund wie eine Walze, mit zwei Gesichtern, vier Armen und vier Beinen, die vor-und rückwärts liefen und radschlagend dahinrollten und in ihrer übermäßigen Kraft gegen den Himmel anstürmten. Da beschloß Zeus, „sie durchzuschneiden wie Birnen beim Einmachen“. Seitdem ist jede Hälfte sehnsüchtig auf der Suche nach der anderen und stets auf ihr Gegenstück bezogen und seiner bedürftig, auf daß es sie wieder zu einem Ganzen mache. Dieses Geschlechtermodell der polaren oder komplementären Bezogenheit, das Ovid in seiner Ars Amatoria zum anmutigsten Kunstwerk stilisierte, ist im ganzen Mittelmeerbereich zuhause und über Frankreich bis hinauf nach Wales.

    ad 4: Ask und Embla

  4. Nach dem zwei bis drei Jahrtausende alten germanischen Mythos stammen Mann und Frau von dem aus der Vereinigung von Himmel und Erde geborenen Gott Tuisto und seinem Sohn Mannus ab. Und nach ihrem göttlichen Urahn Mannus heißt noch heute der Einzelne ›man‹ – Mann – was ursprünglich beide Geschlechter bezeichnete, so wie noch heute das unbestimmte Pronomen ›man‹ für Männer und Frauen verwendet wird. Aus dem Eigenschaftswort zu dem Hauptwort ›man‹, ›mannisco‹, entstand ›Mensch‹, das ja ebenfalls beide Geschlechter meint. Auch in dem Mythos, den die ›Volüspa‹, ›der Seherin Schau‹, in der Edda überliefert, steht nicht ein Geschlecht allein, sondern stehen Mann und Frau gleichwertig nebeneinander am Anfang der Menschheit und ohne Vorrang eines Geschlechts vor dem anderen. Ask und Embla, sie beide sind dem heiligen Lebensbaum entsprossen und zugleich von den Göttern mit denselben Gaben bedacht worden. Drei Götter finden sie angetrieben am Strand, noch ohne Schicksal und ohne ›Heil‹, jene im Menschen wirkende göttliche Kraft. Ihnen beiden schaffen sie dieselbe Beseelung, Geistbegabung und Schicksalsfähigkeit: Der germanische Mythos vom gleichwertigen Neben- und Miteinander ebenbürtiger Geschlechter.
Dieser Artikel ist in ›Elemente der Metapolitik für die europäische Neugeburt‹ von Juni/September 1987 erschienen.