Aus: Hans F. K. Günther, Lebensgeschichte des hellenischen Volkes, Pähl 1965; von uns zusam-mengestellt und -gefaßt

Im 6. Jh. v.d.Z. vollzog sich in Sparta eine Verengung des menschlichen Wesens und Wirkens, der Beginn einer Erstarrung, die schließlich den Abstieg mitbewirkt hat. Sparta wurde die altgesinnte Macht, die in den anderen hellenischen Staaten die Herrschaftsform der Tyrannis bekämpfte, die aus der Beseitigung von Adelsherrschaften hervorgegangen war.
Noch im 6. Jh. v.d.Z. steht Sparta mächtig da; es ist unbestritten die Vormacht für ganz Hellas und übt in allen hellenischen Staaten seinen Einfluß aus. Man kann in dem Menschenalter vor Ausbruch der Perserkriege die Blütezeit des Spartiatentums erblicken (siehe Wilhelm Roscher). Gegen den nach Hellas gerichteten Vorstoß des übermächtigen Perserreiches hat Sparta die Führung übernommen, eine Führung, die ihm von den anderen hellenischen Staaten nicht bestritten worden ist.
Die anderen Staaten würden sich ohne Sparta wahrscheinlich in eine Oberherrschaft des Perserkönigs gefügt haben, wie dieser sie über hellenische Bevölkerungen Kleinasiens schon ausübte. Unter dem spartanischen Feldherrn Pausanias kämpften bei Plataiai im Jahre – 479 die Spartaner und Plataier als Kern des hellenischen Aufgebots gegen das persiche Heer. Den höchsten Glanz sparta-nischer Waffenehre und Staatsgesinnung hatte der Fall der Spartaner unter dem König Leonidas im Engpaß von Thermopylai bedeutet, als im Jahre ― 480 der König sich mit 300 Spartanern und 700 Thespiern freiwillig für Hellas opferte. Die Spartiaten verloren bei den Thermopylen etwa ein Zwanzigstel ihres Bestands; der Todeskampf der Dreihundert hat zwar durch Aufhalten des persischen Vormarsches die Flotte der Athener gerettet, konnte jedoch für den Ausgang des Feldzugs nicht viel bedeuten, aber die Größe der Tat, die Selbstopferung der Spartaner, nicht nur für Sparta, sondern für ganz Hellas, wirkte fortan wie ein Preislied auf das spartanische Wesen und überzeugte die anderen Hellenen, daß Hellas nur zu retten war, wenn Sparta es führte und Spartas Krieger den Kern des helle-nischen Heeres stellten. In Sparta hat der Untergang der 300 bei den Thermopylen als Aufruf weiter fortgewirkt, solange es noch spartanische Geschlechter gab.
Noch im 5. Jh. v.d.Z. blieb Sparta mächtig und gefürchtet. Aber der Abstieg durch Aussterben der Spartiatenfamilien war vorbereitet: schon die Verluste von Thermopylai waren nicht mehr auszugleichen. L. Ziehen nimmt an, daß die Zahl der Spartiaten schon zwischen den Perserkriegen und dem Peloponnesischen Kriege stark abgenommen habe.
Im Jahre –480, zu einer Zeit als die spartanische Schicht noch aus etwa 7–8000 Familienhäuptern bestand, hatten die Spartaner bei Thermopylai zwar anscheinend noch ohne Bedenken 300 ihrer tüchtigsten Männer geopfert; aber spätestens nach dem verlustreichen Erdbeben von -464 erfolgte der Einsatz spartiatischer Krieger mit immer größerer Vorsicht, damit nicht weitere unersetzbare Verluste entstünden. Das Aussterben der Adelsgeschlechter muß also bemerkt worden sein. Das Erdbeben von -464 war nach Plutarchos (Kimon, 16) das furchtbarste, das je vorgekommen war. Nach Diodoros (XI, 63, 1) sind dabei 20 000 Lakedaimonier umgekommen. Diese Zahl ist nach Ziehen wahrscheinlich nur wenig übertrieben. Beim Erdbeben stürzte das Gymnasion, das große, den Leibesübungen dienende Hallengebäude, ein und begrub unter sich die Epheben, die heranwachsenden Jünglinge und die ihnen beistehenden Männer. Viele Frauen und Kinder in der Stadt Sparta wurden von einstürzenden Häusern begraben.
Eine unmittelbare Folge des Erdbebens war der Aufstand der Heiloten in Lakonien und der messenischen Bauern, deren Vorfahren zu Heiloten geworden waren: sie erschlugen die auf ihren Gütern in Messenien weilenden Spartiaten. Von einem nach Messenien gesandten spartanischen Heere unter dem Feldherrn Arimnestos, der bei Plataiai den persischen Anführer gefällt hatte, fielen im Kampfe 300 Spartiaten. Messenien konnte erst nach zehnjährigen Kämpfen und großen Verlusten durch ein spartanisches Heer unter Archi-damos wieder unterdrückt werden.
Dies war der III. Messenische Krieg. Die Verluste der spartiatischen Schicht konnten jetzt nicht mehr ersetzt werden. Die Staatskunst Spartas verengte sich seit dem Erdbeben zu einem Bemühen um Bestandserhaltung, einer Abwehr gegen den Niedergang, der seit dem Aufstand der Messenier offenbar geworden war. Vom früheren Gedeihen und einstigem Wohlstand ist seit dem Erdbeben in Sparta nichts mehr zu finden. Die Drohung von Westmessenien her bleibt bestehen; von der Ostgrenze, von Argos her, erheben sich neue Gefahren; Kämpfe mit Argos waren zu bestehen, das Kynuria an die Spartaner verlor.
Aus dem spartiatischen Mannschaftsverband entstand ein spartiatischer Männerbund, dessen Geist die Familie in Sparta zerstört und so schließlich Spartas Macht ausgehöhlt hat. Die Abirrung des Mannschaftverbandes zu einem eigentlichen Männerbunde, wie er sonst in der Regel nur bei mutterrechtlicher Familienordnung gefunden wird, hat schließ- lich gerade die Erhaltung der spartanischen Geschlechter gefährdet und endlich deren Aussterben beschleunigt.
Die Erstarrung des Staatswesens war vollzogen, als Ende des 5. Jh. v.d.Z. das Ephorentum über das Königtum gesiegt hatte, als bedeutende Männer wie Pausanias und Leotychidas, Könige und Feldherren, abgesetzt und zum Tode verurteilt werden konnten, so in den Sechziger Jahren des 5. Jh. v.d.Z. Um -400 herrschte in Sparta die kalte, herrische Selbst-sucht, gebändigt durch eine harte Manneszucht im Männerbund. Gegen fremde Gedanken und Menschen war Sparta nun abgeschlossen. Dadurch ist das Land sicherlich vor dem Eindringen minderwertiger oder aufrührerischer Menschen bewahrt geblieben, wie sie in Athen in größerer Zahl zuwanderten und Peiraieus bevölkerten; es hat sich aber auch gegen den Zuzug hervorragender Männer verschlossen, dem Athen wertvolle Kräfte verdankt. Man fürchtete in Sparta wie im republikanischen Rom den Einfluß fremder Anschauungen, Lehren und Sitten. Sparta wollte seine lykurgischen Sitten ungefährdet bewahren; es hatte den Wert seiner Sitten für den Schutz und die Erhaltung seiner Familien erkannt und muß auch erkannt haben, daß schon eine Anzweifelung durch fremden Geist, eine Gefährdung der Auslese bedeute. Aus Plutarchos (Lykurgos, 13) ergibt sich, daß Wesen und Bedeutung der Sitte begriffen wurden, daß man eingesehen hatte, es sei besser, Gebote und Verbote seien in Sitten befestigt als allein in Gesetzen ausgesprochen; die Gesetze müßten als Sitten in Gesinnung und Gemüt der Bürger wurzeln. So muß der unbegrenzte Wert der Sitte, der begrenzte des Gesetzes etwa in dem Sinne erkannt worden sein, der sich aus der Schilde-rung germanischen Lebens bei Tacitus ( Germania, 19, 15) ergibt: gute Sitten gelten bei den Germanen mehr als bei den Römern gute Gesetze.
Aus dieser Gewißheit von Bedeutung und Wert der Sitte ergibt sich die spartanische Beargwöhnung fremder Menschen und fremden Geistes. Plutarchos meint, Lykurgos habe Sparta vor „sittlicher Ansteckung“ noch mehr behüten wollen als vor Einschleppung von Seuchen.
Die Abschließung des Landes wurde aber schließlich zu einer Erstickung des spartanischen Lebens selbst und geschah schließlich nur noch in der engherzigen Absicht, das Hergebrachte und Bestehende ohne Abänderung zu erhalten. Sparta blieb so zurück in einer sich wandelnden Zeit, es verlor die Vorherrschaft über Hellas, weil sein Blick sich auf die Peloponnes verengte und weil es unbelehrbar daran festhielt, man könne neue Lagen mit den bewährten oder gewohnten Mitteln der herkömmlichen Staatskunst meistern, wenn nur durch dauernde Übung das spartanische Landheer immer bereit stehe. (…) Bestand und Macht der Herrenschicht waren zum Dahinschwinden bestimmt, als in einem Zeitabschnitt, der noch nicht genau bestimmt werden konnte, vielleicht zu Beginn des 4. Jh. v.d.Z., durch das Gesetz des Epitadeus alles Ackerland aus Staatsbesitz in Einzelbesitz überging, als aus unveräußerlichen Erbgütern, gleichsam Erblehen des Staates an die spartiatischen Geschlechter, nunmehr veräußerliche Besitztümer von Einzelnen wurden, deren Vererbung auf Nachkommen nicht mehr gesichert war, weil der Einzelne jetzt durch letzten Willen frei verfügen durfte. Die Verfügungsfreiheit konnte zu verschleierten Verkäufen führen, jetzt, nach Einführung einer Währung, zu Verkäufen gegen Geld. (…) Aus der Adelsherrschaft mit ländlicher Gesinnung war so eine Herrschaft städtischer Reicher (Oligarchie) entstanden, die der Zersetzung verfiel.
Die Folge des Gesetzes war die Vereinigung mehrerer Güter in der Hand weniger, übermächtig werdender Spartiaten, also die Bildung von Großgütern, die von einer gewissen Verhältniszahl ab immer eine Gefährdung des Staates bedeuten. Durch Bildung großer Güter bei Abnahme des mittleren und kleinen Landbesitzes ist im Verlauf der Geschichte der meisten Völker indogermanischer Sprache eine Wendung zum Unheil eingetreten. Im Spartiatentum entstand der Gegensatz der vielen Armen gegen die wenigen Reichen. Spartiaten, die nicht mehr die Kosten ihrer Rüstung tragen konnten und den Beitrag zu den Gemeinschaftsmahlzeiten nicht mehr aufbrachten, verloren die vollbürgerlichen Rechte und sanken in ein Spartiatentum verminderten Rechts hinab, auf die Stufe der hypomeiones, der Minderberechtigen, etwa die Stufe des Perioikentums. Seit dem Ende des 5. Jh. v.d.Z. begannen Söhne aus solchen herabgedrückten Spartiatenfamilien wie Kinadon auf Umsturz zu sinnen. (…)
Mitte des 5. Jh. v.d.Z. war die unheilvolle Verschiebung der Besitzverhältnisse schon so weit vorgeschritten, daß wenige mächtige Geschlechter den größten Teil des Staatsbürger- landes besaßen und daß von diesen Großgütern 2/5 im Besitze von Erbtöchtern waren, in deren Familien also kein männlicher Erbe mehr lebte. (Aristoteles: Politiká II, 9, 15 und Plutarchos: Agis, 5, 7). Unter Agis III. (nach der Mitte des 3. Jh. v.d.Z.), war nach Plutarchos (Agis, 7) „vom Reichtum Spartas der größte Teil in Händen von Frauen“; die meisten aber hatten sich einem Wohlleben hingegeben. Die reichen und unabhängigen Erbtöchter wurden zu einem weiteren Unheil für den Staat, den zur gleichen Zeit der Peloponnesische Krieg mehr und mehr schwächte und dessen Herrenschicht schon an Zahl geschrumpft war.
Zur Ausmerze der spartiatischen Schicht trugen äußere Ereignisse (das Erdbeben) und innere Wandlungen (das Erbtöchterwesen) bei. Verlustreiche Kämpfe mußten gegen Argolis und Arkadien geführt werden, dann gegen die Erhebungen der Heiloten; schließlich konnte auf einen Ersatz der Verluste durch Geburten nicht mehr gehofft werden. (…) Eine Sage berichtet, daß schon –700 im 1. Messenischen Kriege, als die Spartaner gelobt hatten, nicht vor dem siegreichen Ende zurückzukehren, der Krieg sich aber in die Länge zog, die Kriegführenden befürchtet hätten, es werde bei längerer Abwesenheit der Männer an Nach-wuchs fehlen; darum sei die jüngere Mannschaft, die an das Gelübde nicht gebunden war, nach Sparta zurückgesandt worden, damit sie für die eidgebundenen älteren Krieger Nach-kommen zeugen. Die so gezeugten Kinder sind nach einem Bericht partheniai genannt worden, Jungfrauensöhne; sie sollen später die dorische Neusiedlung in Taras (Tarent) gegründet haben. (Aristoteles: Politiká V, 7, 2) und Strabon (VI, 3, 2) haben darüber geschrieben. (…) Unheimlicher aber als die äußere Gefährdung durch Kriegsverluste war die innere durch Abnahme der Geburten bei Zerfall der Familie.

Die Wandlung bei der Stellung der Frau
Die freie Stellung der Frau, die für alles Indogermanentum bezeichnend ist, war in Hellas im homerischen Zeitalter noch erhalten; Gestalten wie Penelope, Andromache, Arete und Nausikaa lassen dies erkennen.
Diese freie Stellung der Frau ist in Sparta nahezu erhalten geblieben, während bei den anderen Hellenenstämmen die Frau nach und nach ihre ur-sprüngliche Stellung als Hausherrin (despoina) verlor und auch im häuslichen Bezirke viel weniger galt als der Hausherr. Die indogermanische Sitte schrieb dem Ehemann und der Ehefrau gleiche Geltung zu, während andere Stämme semitischer Sprache, der Frau geringere Geltung zumaßen. Die morgenländische Unfreiheit der Frau, ihre Verweisung in eifersüchtig behütete Frauengemächer und ihre Verdrängung aus dem öffentlichen Leben: solche Sitten und Anschauungen sind schließlich für Athen und die meisten anderen hellenischen Staaten kennzeichnend geworden, während das Erbtöchterwesen und vielleicht auch Einwirkungen aus dem mutterrechtlichen Geiste der vorhellenischen Bevölkerungen, dazu ein Frauenmangel, wie er anscheinend nach dem Erdbeben eingetreten war, in Sparta die Geltung der Frau eher noch erhöhten. In Athen bewirkte die Minderung des Ansehens der Ehefrau, daß ledig bleibende, ihre Gunst an die Männer ungebunden verschenkende Frauen, oft Frauen von hoher Bildung, die Hetairen, um so einflußreicher wurden. Die gebildeten Geliebten wohlhabender Männer haben in Athen nicht nur durch Anstiftung von Ränken der führenden Männer gegeneinander und durch Förderung eines sophistisch auflösenden Geistes zur Zersetzung der Staatsgesinnung beigetragen, sondern auch dadurch, daß sie wertvollere Männer dem Familienleben entzogen und in ihren Beziehungen selbst kinderlos blieben, viel zum Aussterben der echt hellenischen Familien beigetragen.
In Sparta haben sowohl der Männerbund , wie der sich steigernde Fraueneinfluß, wie das Erbtöchterwesen, ausmerzend gewirkt. Je mehr die Männer im 4. Jh. v.d.Z. vom Staats-wesen und vom Männerbunde gefordert wurden, je mehr zugleich die Zahl der Spartiaten abnahm, desto mehr wuchs der Einfluß der Frau. Die Frauen waren sich selbst überlassen, die Leitung des Hauswesens und der Güter mußte ihnen oft überantwortet werden; viele Frauen wurden hierdurch anmaßend und zügellos.
Im 4. Jh. v.d.Z. verschlechterte sich der Ruf der spartanischen Frau. Die ehelichen Bande lockerten sich, die von Polybios (XII, 6, 8) erwähnte Vielmännerei nahm zu. Die Erbtöchter begannen, sich dem Lebensgenuß hinzu-geben, auch einem genießerischen Sport, der für sie einen Teil ihrer Körperpflege bedeutete. Die überlieferte Gesinnung spartanischer Leibesübungen verlor sich; die Mädchen übten nicht mehr um der tüchtigen Mutterschaft, sondern um ihres schönen Leibes willen. In den Tuskulanischen Gesprächen (Cicero: II, 15, 16) sind griechische Verse angeführt, die wahr-scheinlich vom Ende des 5. Jh. v.d.Z. stammen: die Spartanerinnen dächten mehr an ihren Sport als an das Kindergebären.
Die Empfängnisverhütung aus Bequemlichkeit und Selbst-sucht verbreitete sich neben derjenigen aus Verarmung. Es scheint, daß viele Spartiaten-töchter, Nachfahren eines ungebundenen Lebens, erst spät heirateten und nur noch ein Kind oder zwei aufzogen. Dabei gehörten die Spartiatentöchter immer noch dem besten Menschenschlag an, den Hellas hervorbrachte.

Der Zerfall
Den Zerfall Spartas als Folge der Abirrung von den alt-spartanischen Sitten hat Plutarchos zusammenfassend beschrieben (Lakonische Denksprüche): „Solange Sparta die lykurgischen Gesetze befolgte und dem abgelegten Eide treu blieb (…), war es volle fünf Jahrhunderte lang… unter den hellenischen Staaten der erste und vornehmste“, dann aber hätten sich Habsucht und Liebe zum Reichtum eingeschlichen; die Machtstellung habe sich vermindert, die Bundesgenossen seien abgefallen. Noch seien die Spartaner aber dank der Reste lykurgischer Sitten und Gesetze geachtet gewesen bis in die Zeit nach dem Tode des Makedonenkönigs Alexandros; endlich hätten aber die Lykurgs Verfassung gänzlich mißachtet, ihre überlieferte Lebensordnung gänzlich aufgegeben, seien Tyrannen verfallen und schließlich unter die Herrschaft der Römer geraten. Dieser Weg zum Untergang war sicherlich dann unvermeidlich geworden, als der Grundsatz der Unveräußerlichkeit der Erbgüter ― der Ernährungsgrundlagen für Familien mit ausreichendem Nachwuchs ― aufgegeben, als auch in Sparta der Boden zur Ware geworden war.
Nach der Niederlage von Gellasia folgten sinnlose Versuche zur Rettung der Wirtschaft und des Staates, die verraten, daß nun auch die Besonnenheit, Zurückhaltung und Vordenklich-keit, diese echt spartanischen, zugleich nordischen Tugenden, in Sparta geschwunden waren, die Thukydes (I, 84) noch von den Spartanern gerühmt hatte. Nachdem im Jahre ― 206 der grausame und höhnisch rohe Nabis sich zum Tyrannen aufgeworfen hatte, erfolgte in Sparta eine Gewaltherrschaft, durch die alte Familien ausgemordet wurden, die sich aus Freiheitsliebe dem Tyrannen entgegenstellten, durch die aber auch die meisten angesehenen und reichen Familien vernichtet wurden, weil Nabis sie fürchtete. (…) In dieser Zerstörung sind wahrscheinlich die letzten Spartiatenfamilien, aber auch manche tüchtigeren Perioithe-kenfamilien zugrunden gegangen und letzte Reste echten Dorertums der Rassenkreuzung anheimgefallen, dem Versinken im Rassengemisch der heilotischen Schicht. Unter dem Namen Sparta bestand zuletzt ein Land und ein halbfreier Staat ohne Spartaner.
Die Schlacht bei Leuktra von -371 war eigentlich schon das Ende gewesen, obschon auch nach Leuktra die spartanische Würde noch nicht gänzlich verloren war. Als das thebanische Heer nach der Schlacht bei Leuktra bis zum Eurotas vorgedrungen war, rief nach Plutarchos (Lakonische Denksprüche) ein übermütiger Thebaner einem gefangenen Spartaner zu: „Wo sind denn nun die Spartaner?“ Der Gefangene antwortet: „Sie sind nicht da, sonst ständet ihr nicht hier.“ Die Antwort zeigt, daß den Resten des spartanischen Dorertums bewußt war, die ererbte Kraft der ausgelesenen Geschlechter sei bis zum Ende bewahrt geblieben, die Zahl der Geschlechter aber sei schließlich zu gering geworden; die Thebaner waren in ein Sparta ohne Spartaner eingedrungen. Im Jahre – 331 war Sparta ein Teilstaat des Make-donenreichs geworden. (…) Nach der Schlacht bei Gellasia im Jahre – 221 betrat der Feind, die Makedonen unter Antigonos Doson, zum ersten Male das spartanische Kernland und besetzte dieses Land ohne Dorer. – 195 erfolgte die Eroberung Spartas durch die Römer, der Bevölkerung wurden grausame Friedensbedingungen auferlegt. In späterer römischer Zeit wurde die Stadt Sparta zu einer geruhsam abgelegenen Freistadt des Römischen Reiches, von reichen Römern als eine Sehenswürdigkeit besucht, als eine Örtlichkeit der ruhmvollen spartanischen Geschichte, über die gebildete Römer unterrichtet worden waren.
Was nach Untergang der dorischen Geschlechter in der Eurotaslandschaft und auf der Pelo-ponnes bis auf den heutigen Tag erfolgt ist, läßt sich mit den 8 bis 9 Jahrhunderten dorischer Geschichte in diesen Gebieten nicht mehr vergleichen. Viele Geschlechterfolgen zahlrei-cherer Bevölkerungen haben in gleicher Umwelt nicht mehr das bedeuten und wirken können, was vorher dort gewirkt worden ist. Diese Bevölkerungen späterer Zeit waren wohl noch Spracherben der Dorer, kaum noch aber deren Bluterben. Wo indessen heute in der Peloponnes und auf Kreta noch Reste des Dorertums angenommen werden dürfen, kleine Gruppen von Nachkommen der Dorer mitteleuropäischer Herkunft, da sind dies höher gewachsene, blonde und helläugige Menschen in abseits gelegenen bäuerlichen Siedlungen. Die lakonische Mundart im Gebiete des Berges Parnon an der Ostgrenze des alten Spartas ist wahrscheinlich unmittelbar vom Lakonischen abzuleiten, also nicht wie die anderen Mundarten von der späthellenischen Gemeinsprache, der koiné; sie bewahrt von allen neugriechischen Mundarten die meisten Züge des Altgriechischen.