(Prof. Dr. Helmut Berve)

Sowohl Sport wie Spiel, Sang wie Tanz, Glaube wie Kult: alles stand im Zeichen dieser einen Hauptleidenschaft der Spartaner, die sie zu ihrem Lebensstil gemacht hatten. Im Gegensatz zu anderen griechischen Stadtstaaten, in denen sich allmählich eine friedlichere Kultur entwickelte, blieben die durch Veranlagung, Tradition und geographische Isolation konservativen Spartaner ihrer Lebensform treu, die mit der Zeit immer mehr zu einem Kuriosum wurde, auch für die Griechen selber.
Zugespitzt könnte man sagen, daß Kriegführen für die Spartaner ein Wettkampf wie jeder andere war, nur mit dem Unter-schied, daß das Leben selber dabei auf dem Spiel stand. Deshalb erforderte er besondere Hingabe und besondere Opfer. In diesem Zusammenhang müssen wir die Opfer begreifen, die dem Eros dargebracht wurden, einer Macht, die den Ausgang dieses einzigartigen Wettkampfes mitbestimmte.
Eros war der Gott der Knabenliebe, wie Aphrodite die Göttin der Liebe zwischen Mann und Frau war. Die spartanische Ausprägung der Knabenliebe enthielt, wie wir festgestellt haben, zwei Elemente: das pädagogische und das agonale. Die Frage, ob sich hier noch ein drittes Element, hinzugesellt, müssen wir im Falle Spartas verneinen. Gemeint ist der ideelle Bestandteil, der Wunsch des Älteren, aus dem jüngeren Freund nicht nur einen tapferen, sondern auch einen guten Menschen zu machen.
(Aus: Conrad M. Stibbe, Das andere Sparta, 1996, von uns zusammengefaßt)

Mit der Schlacht bei Mantinea (–362), in der zwar Epaminondas das Leben ließ, aber sein Werk in der Peloponnes sich behauptete, ist Spartas große historische Rolle in der griechischen Geschichte ausgespielt. Innerlich seit einem halben Jahrhundert zersetzt, nun auch der Macht entkleidet, welche die seelische Leere verbarg, strahlt es keine Kräfte noch Werte mehr über die hoffnungslos zerrissene, sich selbst zerfleischende Welt der hellenischen Staaten aus. Lakedämon erscheint fortan in der Peloponnes als ein Staat neben anderen; von irgendwelcher Führerstellung kann ernsthaft nicht mehr die Rede sein. Im Gegenteil, weniger als andere Gemeinden nimmt es an den allgemeinen Bewegungen und Schicksalen der Griechen teil. Die Starrheit, mit der dem unabänderlichen Tatbestand zum Trotz der Anspruch auf Messenien aufrechterhalten wurde, hat als Demonstration in einer nur allzu sehr den Verhältnissen Rechnung tragenden Zeit seinen Eindruck ebensowenig verfehlt wie später die sture Weigerung, mit dem Makedonenkönig Philipp Frieden und Bündnis zu schließen, aber politisch war das eine so bedeutungslos wie das andere.
Es lag darin eine Absage an die reale politische Welt, durch die Sparta sich selbst aus dem geschichtlichen Leben seines Volkes ausschloß. Denn mochte jetzt vielleicht das Gesetz des Kosmos wieder strenger beobachtet werden, obgleich die wirtschaftliche Not der Folgezeit, in der sich sogar Spartiaten zur Landarbeit genötigt sahen, der Aufrechterhaltung der alten Lebensordnung ernste Schwierigkeiten bereitet haben muß, ― die nicht mehr tausend Mann zählende Schar, die in Isolierung und politischer Abgeschieden-heit ein Leben im Sinn verklungener Ideale zu führen sich bemühte, war nur eine Sekte, bestenfalls ein weltferner Orden, aber keine politische Führerschicht mehr. Auch wenn im 3. Jh. v.d.Z. von zwei Königen noch einmal Prätentionen in jener Richtung erhoben wurden, bleibt dies Urteil ungemindert bestehen, zumal jene beiden Reformer in Wirken, Schicksal und Charakter die Aussichtslosigkeit jeder politischen Neubelebung zur Genüge selbst bewiesen. Für das, was Sparta als Wert in der Geschichte des Abendlandes und für die an dieser Geschichte teilhabenden europäischen Völker bedeutet, ist nicht seine zufällige Verwicklung in die Kämpfe der großen hellenistischen Mächte, auch nicht ein romantisches, schnell verlöschendes Aufflakkern alter Ansprüche, noch irgend etwas von den bunten Belanglosigkeiten seiner späteren Existenz wesentlich, sondern das Fortleben der erhabenen politischen Idee, die es einmal geschichtlich verwirklicht hatte, im Bewußtsein der Nachwelt.

Fast zur gleichen Zeit, da seine innere Auflösung begann, hat sich des Kosmos und seiner einzigartigen Ordnungen das staatstheoretische Denken bemächtigt. Seitdem bildet Sparta ein immer wiederkehrendes Thema in den Erörterungen der Philosophen und Staatsmänner, der Ethiker und Pädagogen. Es ließe sich eine Geschichte seines Nachlebens schreiben, die uns selbst am Ende, am vorläufigen Ende dieser europäischen Linie zeigte. Das historische Sparta freilich läuft bei solcher Betrachtung Gefahr, über Gebühr idealisiert zu werden und die Kraft eines geschichtlichen Vorbildes, das durch die Realität, welche es einmal besaß, seine Wirkung übt, einzubüßen. Doch läßt sich anderseits nicht verhehlen, daß die immanente Idee, weniger die einmaligen Geschehnisse und Formungen es sind, was der Geschichte gerade dieses Staates ihre Weltgeltung gibt. So fern und verschieden von unserem Denken und Wollen er in vielem anmuten mag, so wenig die spartiatische Adelsgemeinde eine Volksgemeinschaft, so wenig ihr Leben auf Leistung im modernen Sinne oder gar auf ,Kultur‘ ausgerichtet war, durch all die Andersartigkeit der Anlagen, der historischen Gegebenheiten, der sozialen Schichtung blicken Probleme, Werte, Taten und Schicksale uns an, die wir als eigene empfinden, auch uns aufgegeben, auch von uns umkämpft und gelitten. Wie die Zeitlosigkeit eines Kunstwerkes darin beschlossen liegt, daß es letzte Triebe und Sehnsüchte menschlichen Seins verleiblicht in Wort oder Bild, so ist die Ewigkeit historischer Erscheinungen an die Verwirklichung letzter menschlicher Aufgaben geknüpft. In diesem Sinne besitzt die Geschichte Spartas Ewigkeit für alle dem griechischen Volk letztIich verwandten Völker, zu denen wir uns heute bewußter zählen als je.
Denn was Gesetz und Gemeinschaft, Hingabe, Haltung und Form, was die Kraft eines stolzen Willens, Versuchung der Macht, Unehrlichkeit einer scheinbaren Größe bedeutet, das stellt sie in einfachen, großen Bildern vor unseren fragenden Blick. ◊

(Aus: Helmut Berve, Sparta, 1937)