(Dr. Conrad M. Stibbe)

Das andere Sparta
(Dr. Conrad M. Stibbe)

Sparta hatte, zumindest eine Zeitlang, zwei Gesichter: außer dem genugsam bekannten, das wir kurz das ›militärische‹ nennen können, ein viel unbekannteres ›kulturelles‹. Das letztere wäre vielleicht nicht der Rede wert, wenn es sich nur um eine kuriose, provinziell beschränkte Kultur handeln würde. Wir wissen jedoch heute, daß Sparta im 7. und 6. Jahrhundert v.d.Z. nicht nur ein führendes Zentrum der musischen, sondern auch der bildenden Künste gewesen ist.

Dichter kamen aus ganz Hellas, um an den musischen Wettkämpfen in Lakonien teilzunehmen und Staatsaufträge zu übernehmen, oder sie ließen sich dauerhaft in Sparta nieder, um ihre Kunst in den Dienst lokaler Feste zu stellen. Daneben arbeiteten spartanische Architekten, Bildhauer, Elfenbeinschnitzer, Bronzegießer, Töpfer und Vasenmaler, die manchmal auch für auswärtige Auftraggeber, etwa in Olympia, tätig waren und ihre Produkte ins gesamte Mittelmeergebiet ausführten. Ihre Kunst wurde überall nachgeahmt. Umgekehrt wurden angesehene Architekten und Bildhauer von außerhalb mit wichtigen Staatsaufträgen in Sparta und seiner Umgebung betraut. Kurz und gut, Sparta war eine Stadt, die nicht nur der zeitgenössischen Kultur aufgeschlossen war, sondern diese entscheidend mit prägte. Diese Epoche, etwa von 650 bis 550 v.d.Z., können wir als das Goldene Zeitalter Spartas bezeichnen.

Die bedeutendste Errungenschaft der Stadt war wohl ihre Eunomia, ihre ›gute Gesetzgebung‹, die Lykurg zugeschrieben wurde. Diese Verfassung, in der die Erziehung eine wichtige Rolle spielt, können wir an und für sich schon als ein Kunstwerk bezeichnen, wie wir auch ihre Bestandteile im einzelnen bewerten mögen. Ihre Grundlage bildete die sogenannte Große Rhetra, ein heute mit Recht als authentisch und als ältestes konstitu-
tionelles Dokument des antiken Griechenland geltendes Grundgesetz, dessen Wortlaut Plutarch uns überliefert hat. „Monarchie in der Form des Doppelkönigtums, Aristokratie in der Form des Ältestenrats und Demokratie in der Form der Volksversammlung bilden darin eine harmonische Einheit.“ Daneben war die Gleichheit aller Bürger, das heißt der waffenfähigen Männer, ein mindestens genauso wichtiges Element.
Sie beruhte auf gleichmäßiger Verteilung des Grundbesitzes sowie der Staatssklaven (Heiloten), die das Land bewirtschafteten. Mit dieser Gleichheit, die neu und revolutionär war, hing auch eine neue Art der Kriegsführung zusammen, die ihrerseits der militärischen Vormacht-
stellung Spartas zugrunde lag: die sogenannte Hoplitentaktik, bei der die schwerbewaffneten Soldaten in Reihen nebeneinander vorrückten und sich gegenseitig mit ihren Schilden schützten. Etwa um die Mitte des 7. Jh. v.d.Z. hatte sich diese Taktik perfektioniert und in ganz Griechenland eingebürgert. Wir dürfen annehmen, daß sie in Sparta mit den ihr vorangehenden notwendigen konstitutionellen Erneuerungen mindestens ein halbes Jahrhundert vorher eingeführt worden war.

Es stellt sich die Frage, wie sich das oben erwähnte andere, kulturelle Sparta mit dem konstitutionell-militärischen vereinbaren läßt. Im Fall der Dichtung ist das nicht allzu schwierig: Die antike Überlieferung berichtet, die Dichtung habe teils im Dienst der Kriegsführung gestanden (Tyrtaios), teils im Dienst der innenpolitischen Maßnahmen gegen Aufstände und Seuchen (Terpandros, Thaletas) und teils in dem der religiösen Feste (Terpandros, Thaletas, Alkman). Weniger einfach läßt sich die Blüte der bildenden Kunst und des Kunsthandwerks erklären. Schon die Tatsache, daß man um – 550 einen ausländischen Architekten und Bildhauer nach Sparta kommen ließ, um das für seine Zeit eindrucksvolle, ja einzigartige Monument, den Thron des Apollon in Amyklai, zu entwerfen und auszuführen, gibt zu denken. Ferner wissen wir aus der Literatur (Pausanias), daß der einheimische Künstler Gitiadas, ein Universalgenie, der sich als Architekt, Bildhauer und Dichter einen Namen machte, um dieselbe Zeit den Tempel der Stadtgöttin Athena Chalkioikos auf der Akropolis von Sparta errichtete. Gerade die Gestalt des Gitiadas macht es uns unmöglich zu behaupten, es habe im archaischen Sparta keine einheimischen Künstler gegeben. Wir müssen daher davon ausgehen, daß die lebendige, aufgeschlossene Mentalität, die wir auch sonst wahrnehmen, die Entwicklung einer eigenen Kunst in Sparta ermöglichte und forderte. Neben den Perioiken, die als halbfreie Bürger in den Provinzstädten Lakoniens, wie der Hafenstadt Gytheion, Handel treiben durften und möglicherweise an der Produktion und dem Vertrieb lakonischer Kunstgegenstände Anteil hatten, gab es wahrscheinlich im Sparta des 7. und 6. Jh. v.d.Z. einige Familien, die sich neben ihren üblichen Tätigkeiten als freie Bürger auch der Kunst und dem Kunsthandwerk widmeten, wie das auch von anderen griechischen Städten wie Korinth und Athen bezeugt ist.

Nach -550 manifestiert sich in der Kunst, namentlich in der Keramik als ein sensibler Gradmesser, ein allmählicher Rückgang. Dennoch lassen sich von Zeit zu Zeit Aufschwünge beobachten, bis während der Perserkriege (–490-480) eine allgemeine Erstarrung eintritt. Die Bevölkerungszahl geht zurück, die Gefahr von Sklavenaufständen wächst im gleichen Maße wie die Angst vor Einmischung von außen. All dies hat eine einseitige Konzentration auf den militärischen Aspekt des Lebens zur Folge und damit das Absterben fast jeglichen kulturellen Interesses. Im Laufe des 5. Jh. v.d.Z. nimmt Sparta das Aussehen eines ständigen Heerlagers an, für das es berüchtigt ist.
In Athen geschah zur selben Zeit das Umgekehrte: Nach den Perserkriegen brach dort für die Künste ein goldenes Zeitalter an, die ›klassische‹ Epoche, die durch die Befreiung aller im Volk lebenden Kräfte, unter anderem auch durch die demokratische Staatsform, ermöglicht wurde. Im Vergleich dazu erschien das auf seinen archaischen politischen und militärischen Traditionen beharrende Sparta als eine Burg konservativer Standhaftigkeit. Für manche Athener, die die mit der Demokratie einhergehenden Exzesse verabscheuten, wurde die spartanische Staatsform zur verlockenden Alternative. Namentlich im Kreis um Sokrates bildete sich eine Opposition gegen die Demokratie, die, das (noch) lebendige Beispiel Spartas vor Augen, über die ideale Staatsordnung philosophierte. Dort nahm, besonders durch Platons Politeia und Nomoi, die in historischer Hinsicht höchst eigenartige Tendenz, Spartas Staatsform sowohl zu abstrahieren wie zu idealisieren, ihren Anfang. Die Idee ›Sparta‹ begann sich von der Realität zu lösen.
Diese Tendenz sollte durch die Jahrhunderte hindurch bis heute immer wieder bei denen Anklang finden, die sich mit dem Idealstaat beschäftigen. Das Seltsame daran war und ist, daß man einen Staat idealisierte, der in seiner aktuellen Daseinsform nur noch ein schwacher Abglanz seiner einstigen Größe war und der in seiner Erstarrung als einzige Tugend eine gewisse Stabilität vorzuweisen hatte. Nicht als ob Sparta im Athen des 5. und 4. Jh. v.d.Z. keine philosophischen Gegner gehabt hätte ― führende Demokraten wie Perikles waren sich sehr wohl der Kraft ihres eigenen, anti-spartanischen Standpunktes bewußt.

Sie sollten letztendlich die Oberhand gewinnen. Auch hier verbirgt sich im Spannungsbogen zwischen Theorie und Praxis ein eigenartiges Paradox: Sparta war in seiner Blütezeit, im 7. und 6. Jh. v.d.Z., ein Wegbereiter der Gleichheit aller Bürger gewesen; nun aber, im 5. Jh. v.d.Z., wurde es wider Willen ins Lager der anti-demokratischen, oligarchischen Machthaber gedrängt. (…)
Einer der vielen Gründe, warum es, auch heute noch, schwerfällt, Sparta objektiv zu beurteilen, liegt in der wiederum sehr bemerkenswerten Tatsache, daß es im Gegensatz zu Athen keine eigene Geschichtsschreibung gekannt hat. Sogar im 5. Jh. v.d.Z. , als in Athen Historiker wie Herodot und Thukydides lebten, hat sich kein Spartaner dazu berufen gefühlt, die ruhmreichen Taten seiner Ahnen aufzuzeichnen. Selbstreflexion entsprach nicht der spartanischen Wesensart. Das hat zur Folge, daß wir dieGeschichte Spartas heute durch eine athenische Brille sehen, die trotz der lobenswerten Bemühung athenischer Historiker um Objektivität nicht ungefärbt ist. Erst um – 200, gegen Ende von Spartas politischer Unabhängigkeit, lebte ein Historiker in Sparta, Sosibios, von dessen Werken sich jedoch leider nur Splitter erhalten haben. Er interessierte sich anscheinend vor allem für religiöse Bräuche und verfaßte, wohl in diesem Zusammenhang, einen Kommentar zum Werk des größten spartanischen Dichters, Alkman.
Im Grunde ist das Bild des historischen Sparta, das erst im 20. Jh. allmählich sichtbar wurde, interessanter und vielseitiger, als die häufig abstrahierende und idealisierende Überlieferung vermuten läßt.

Der Gott Eros in Sparta

Vor dem Beginn einer Schlacht brachten die Spartaner im Angesicht des Feindes dem Gott Eros ein Opfer dar. Sie wollten damit die Gunst eines Gottes erlangen, der die Freundschaftsbande und damit die Einheit des Heeres beschützte. Oft waren es nämlich Freundespaare, die in den Kampf zogen. Ein solches Paar bestand aus einem älteren und einem jüngeren Mann, wobei der Ältere der Führende, der jüngere der dienende und lernbegierige Schüler war. Ihre Beziehung war also eine pädagogische, die auf der Zuneigung meist des Älteren zum Jüngeren beruhte.
Ihre Entstehung verdankte sie eben diesem Eros, der ›Liebe, die Freundschaft heißt‹.
Die Erkenntnis, daß ein solches Freundschaftsverhältnis wenig oder nichts mit dem zu tun hat, was man heute eine homosexuelle Beziehung nennt, beginnt sich durchzusetzen. Zum pädagogischen Eros im antiken Griechenland gehören mehrere Elemente, die in unserer Zeit meistens fehlen. Eines davon war die liebevolle Erziehung, ein anderes der Wetteifer, das agonale Prinzip. Die Freude daran, die eigene Kraft an der des andern zu messen, im körperlichen wie im geistigen Bereich, manifestierte sich nicht nur in den vielen gymnischen und musischen Wettkämpfen der Griechen, sondern auch in den individuellen Beziehungen. Dazu waren Fähigkeiten nötig, die der erfahrenere Ältere dem jüngeren vermitteln konnte. Aber nicht nur zwischen einem erwachsenen Mann und
einem Jugendlichen, sondern auch zwischen Frauen und Mädchen konnte sich eine solche pädagogisch-agonale Beziehung entwickeln, wie der Kreis um Sappho von Lesbos beweist.

In Sparta konnten sich die Mädchen übrigens mehr als in anderen Teilen Griechenlands unter der Anleitung von Älteren geistig und körperlich entfalten. Eines der wichtigsten Zeugnisse dafür sind die Gedichte Alkmans. Das längste Fragment, das wir von ihm besitzen, enthält die Beschreibung einer solchen pädagogischen Beziehung zwischen älteren und jüngeren Frauen, gegründet auf Liebe, Bewunderung und Wetteifer. Der Gott der Liebe hatte in Sparta eine Funktion in der Kriegsführung, ja, man könnte fast sagen, er stand in ihrem Dienst. Dabei müssen wir jedoch bedenken, daß das Führen von Kriegen für die Spartaner nicht nur eine bittere Notwendigkeit, sondern auch eine gern auf sich genommene Lebensweise war. Kämpfen hatte in der frühen Antike einen völlig anderen Stellenwert als in späteren Zeiten. Es war eine der normalen Beschäftigungen der frei-
geborenen Männer, genauso wie Jagd und sportliche Wettkämpfe. Zudem war es an Jahreszeiten gebunden: nur in der milden Jahreszeit zog man in den Krieg. Mit den Gegnern ging man schonend um, denn man hatte sie in der nächsten Saison wieder nötig. So hat Sparta seinen Erzfeind Argos, trotz empfindlicher Niederlagen und glanzreicher Siege, nie völlig unterworfen oder vernichtet.