(Dominique Venner)

Die Odyssee: Der Platz des Menschen im Kosmos

Das zweite große Epos erzählt in 12.000 Versen und 24 Büchern die schwierige Rückkehr des Odysseus in sein Vaterland. Eine Rückkehr, der sich tausend furchterregende Hindernisse in den Weg stellen. Die Odyssee ist daher ein Epos von Heimkehr und gerechtfertigter Rache.

Aber die Odyssee ist mehr als das. Unter erzählerischen Vorwänden, die sich von der Ilias unterscheiden, empfiehlt das zweite Epos die für Hellenen angemessene „Weltsicht“. Es zeigt den Platz des Menschen in der Natur und in Relation zu den mysteriösen Kräften, die sie ordnen. Sterbliche in Harmonie mit der kosmischen Ordnung zu bringen, liegt den homerischen Epen am Herzen. Aber Homers Himmel liegt jenseits der primitiven Zeiten der Gründung des Kosmos, die von den alten Mythen beschworen werden, deren Inhalt in Hesiods „Theogonie“ formalisiert wurde: die Konfrontation von Uranos und Kronos, der Kampf der olympischen Götter und ihr Sieg über die Titanen. Von all dem behält der Poet nur das olympische Licht, ohne sich um die Schaffung eines kohärenten Systems Sorgen zu machen. Bei Homer liegt die Kohärenz nicht im Diskurs. Sie liegt in ihm selbst.

Das Verlassen der kosmischen Ordnung und die Rückkehr zu ihr bilden den Rahmen der Odyssee. Odysseus provoziert unabsichtlich Poseidons Zorn, indem er seinen Sohn blendet, den Zyklopen Polyphem. Dies ist der Lauf des mensch-lichen Schicksals. Unabsichtlich provozieren wir den Zorn und die Strafe der Götter (Repräsentationen der Kräfte der Natur). Daher müssen wir kämpfen und ihre Martern ertragen, um zu der Harmonie zurückzukehren, die wir verloren haben.

Dies ist das Schicksal des Odysseus. Angesichts der furchterregenden Prüfungen, die ihm von Poseidon auferlegt werden, der ihn in eine Welt des Chaos, der Monster (Skylla und Charybdis) und besitzergreifender oder perverser Nymphen (Calypso, Circe, die Sirenen) stürzt − ganz zu schweigen von einem Besuch im Reich der Toten − kämpft der Seefahrer unermüdich, um den Fallen zu entgehen und seinen Platz in der Ordnung der Welt zu finden. In tödliche Gefahren geschleudert, wird Odysseus zehn Jahre für seine Heimkehr brauchen.

Dies ist nicht bloß ein Vorwand für Homer, um sein Publikum mit
phantastischen Geschichten zu unterhalten. Die lange Reise des Odysseus wird vorangetrieben vom unbesiegbaren Verlangen der Menschen, der „Brotesser“, dem Chaos zu entkommen und einen geordneten Kosmos zu finden. Ohne Zweifel liegen die Liebe zu Penelope und die Sehnsucht nach Ithaka seinem Wunsch nach Heimkehr zugrunde. Aber sie dienen nur als Beispiel für die Hoffnung, sich wieder in die Ordnung der Welt einzufügen. Nachdem er sein Vaterland gefunden und zurückerobert hat, wird Odysseus sich wieder in die Kette der Generationen einfügen können, ein Bruchstück der Ewigkeit.

Im letzten Abschnitt wird jeder Schritt der Rückeroberung Ithakas dem Gedächtnis eingeprägt, bis hin zum Massaker an den „Freiern“ (Usurpatoren Ithakas). Wie der Held von seinem Sohn Telemachos erkannt wird und wie sie einen sorgfältigen Racheplan entwickeln. Wie Odysseus bei seinem Haus ankommt, als Bettler verkleidet, und nur von seinem alten Hund Argos erkannt wird, der an der Freude stirbt. Wie er von seiner Amme Eurykleia erkannt wird, die eine alte Narbe sieht, ein Andenken an eine denkwürdige Eberjagd. Und dann ist da noch Penelope, verunsichert, besorgt, neugierig. Dann kommt der Moment der gerechten Rache in einer Orgie des Blutvergießens. Und die Wiedervereinigung mit Penelope ist endlich möglich. Dann greift Athene ein, die die Ankunft der „rosenfingerigen Morgendämmerung“ verzögert, damit die Nacht der Heimkehr länger dauert…

In der Odyssee lobt Homer nicht nur das Andenken der Helden. Er rühmt Eurykleia, Odysseus’ Amme, und Eumaios, seinen Schweinehirten, zwei untergeordnete Charaktere, die nichtsdestoweniger Beispiele für Intelligenz und Treue sind. Ihre Rolle bei der Rückeroberung Ithakas ist entscheidend. Dank Homer leben sie bis heute weiter.

Das Epos von der respektierten Weiblichkeit

Wegen der markanten Präsenz von Penelope ist die Odyssee auch das Epos von der unabhängigen und respektierten Weiblichkeit. Als Penelope in der großen Halle des Palastes von Ithaka erscheint, großartig und schön, ihre brillanten Schleier auf ihre Wangen zurückgezogen, wie die goldene Aphrodite, werden die Knie der „Freier“ weich, und Verlangen sucht ihre Herzen heim (Odyssee, Buch XVIII, 249).

Geliebte, Ehefrau und Mutter, übernimmt Penelope in der Abwesenheit von Odysseus die Leitung des kleinen Königreichs Ithaka, ein Zeichen der
Bedeutung, die die Weiblichkeit erhält. Viele andere Frauen sind bei Homer präsent. In der Ilias Helena, Andromache, Hekuba und Briseis. In der Odyssee wiederum Helena, Calypso und die bezaubernde Nausikaa. Aber Penelope drängt alle in den Hintergrund, außer vielleicht Helena, die eine Klasse für sich ist. Wie die Frauen unserer Zeit mußte Penelope die Kunst entwickeln, in einer von männlichen Werten dominierten sozialen Welt feminin zu bleiben. Sie bleibt der Zeit zum Trotz schön und begehrenswert. Sie weiß auch um die Wichtigkeit des Anstands beim Leben in Gesellschaft von Männern. Wenn man ihr zu sehr zusetzt, nimmt sie Zuflucht im Schlaf unter Athenes Obhut. Gegen das gierige Rudel der Freier wendet sie nicht maskuline Gewalt an. Sie bezaubert, lächelt und erfindet das Strategem des ständig neu gewobenen Tuches, und sie nutzt die Begierde, deren Objekt sie ist und die ihr vielleicht nicht eben mißfällt, zu ihrem Vorteil.

Als jedoch Odysseus zurückkehrt, der Schlaueste aller Männer, täuscht sie auch ihn ein wenig, indem sie so tut, als würde sie ihn nicht erkennen, selbst nachdem er die „Freier“ mit Unterstützung ihres Sohnes Telemachos massakriert hat. Er muß ihr erst anhand des Geheimnisses des Ehebettes seine Identität beweisen, bevor sie einwilligt, sich ihm hinzugeben.
In welcher ehrwürdigen Geschichte anderer Kulturen kann man das Äquivalent von Penelope und ihrer strahlenden Weiblichkeit finden?

Die politische Ordnung des Schildes von Achilles

Hinter der Geschichte liegt auch eine Sicht der Welt und des Lebens, die die Erinnerung an eine verlorene Weisheit weckt. Bei Homer haben die Wälder, die Felsen und die wilden Tiere Seelen. Die gesamte Natur verschmilzt mit den Heiligen, und die Menschen sind nicht davon isoliert.
Wenn der Kosmos das Modell für Homers Welt ist, dann findet man das Modell der Gesellschaft in der Allegorie von Achilles’ Schild, der von Hephaistos geschmiedet wurde (Ilias, Buch XVIII). Darauf sind zwei Städte abgebildet, eine im Frieden, die andere im Krieg, die beiden Gesichter des Lebens. Man sieht, daß die zukünftige griechische Stadt mit ihren Bürgern, Institutionen und gegenseitigen Pflichten bereits in der homerischen Welt präsent ist. Hektor sagt ausdrücklich, daß er für die Freiheit seines Vaterlandes stirbt (Ilias, Buch VI, 455-528).

Das Fundament der gesellschaftlichen Organisation und des inneren Friedens ist die ethnische Einheit der Stadt und der durch die Tradition garantierte Respekt für die Gesetze. Die Menschen sind glücklich in einer glücklichen Gesellschaft, in einer, die immer dieselbe bleibt, wo man heiratet, wie seine Vorfahren geheiratet haben; wo man pflügt und erntet, wie seine Vorfahren immer gepflügt und geerntet haben. Individuen vergehen, aber die Stadt bleibt.

Wie Marcel Conche betont, ist eine Gesellschaft, die ihre Zukunft in ihrer Vergangenheit lesen kann, eine ruhende Gesellschaft, ohne Sorgen. Diese Permanenz begründet ein Gefühl der Sicherheit. Aber Innovationen, „Fortschritt“, bringen Unordnung. Wenn man von der idealen Stadt und zukünftigen besseren Zeiten träumt, wird jedermanns Seelenfrieden zerstört. Dann herrscht Unzufriedenheit mit sich selbst und der Welt vor. Was im Gegensatz dazu auf dem Schild des Achilles dargestellt wird, ist eine glückliche Gesellschaft, erfüllt von der Liebe zum Leben, wie es immer gewesen ist. Die Hochzeiten sind freudenvoll, es herrscht Gerechtigkeit, bürgerliche Freund-schaft wird von allen geteilt, Wenn es Krieg gibt, schließt die Stadt die Reihen und besetzt die Bollwerke. Der Feind hat keinen einzigen Verbündeten vor Ort. Welcher Seelenfrieden!

Da wurde der tapfere Diomedes von Freude ergriffen, und indem er seine Lanze in die fruchtbare Erde pflanzte, wandte er sich mit diesen Worten voller Freundschaft an seinen noblen Gegner: „In Wahrheit, du bist ein Patron des Hauses meines Vaters, und unsere Bande sind sehr alt… Bei deinem Vater und meinem, laß uns von nun an Freunde sein.“ So sprach Diomedes.

Auf dies hin sprangen die beiden Krieger von ihren Streitwagen, ergriffen ihre Hände und willigten ein, Freunde zu sein (VI, 229). Homer ehrt verwurzelte Individualität, nicht „Individualismus“, welcher dessen Perversion ist. Mit dem Respekt vor dem Gegner, trotz unerbittlichen Kampfes, sind sie Grundlagen unserer Tradition. Man findet Spuren davon in der modernen Ilias, Ernst Jüngers In Stahlgewittern. Diese starken Wurzeln dominieren die europäische Psyche: Tragödie und Philosophie.
Sie sind in die Kunst eingraviert, beginnend mit den griechischen Skulpturen; sie erhalten Gesetz und Institutionen aufrecht.

Homer erstellt keine Konzepte, wie es die Philosophen später taten.
Er macht sichtbar; er zeigt lebende Beispiele, die die Qualitäten lehren, die einen Mann „kalos k’agathos“ machen, nobel und verdienstvoll. „Sei immer der Beste,“ sagte Peleus seinem Sohn Achilles, „besser als die anderen“ (Ilias, VI, 208). Edel und tapfer zu sein für einen Mann, und sanftmütig, liebevoll und treu für eine Frau. Der Poet hinterließ eine Übersicht dessen, was die Griechen hernach der Nachwelt boten: Natur als Vorbild, das Streben nach Schönheit, die kreative Kraft, die immer nach dem Übertreffen strebt, Exzellenz als das Ideal des Lebens.

Die Ilias, das Epos vom Schicksal

Die Ilias ist nicht bloß ein Epos über den Trojanischen Krieg; es ist ein Epos
über das Schicksal, wie es von unseren boreanischen Vorfahren wahrgenommen wurde, ob sie nun Griechen, Kelten, Germanen, Slawen oder Lateiner waren [5]. Der Poet erzählt vom Edelmut angesichts der Heimsuchung des Krieges. Er erzählt vom Mut der Helden, die töten und sterben. Er erzählt vom Opfer der Verteidiger des Vaterlandes, der Trauer der Frauen, dem Abschied eines Vaters von seinem Sohn, der auszieht, der Niedergeschlagenheit der alten Männer.

Er erzählt von vielen weiteren Dingen: vom Ehrgeiz der Führer, von ihrer Eitelkeit, ihren Streitigkeiten. Er erzählt auch von ihrer Tapferkeit und Feigheit, ihrer Freundschaft, ihrer Liebe und Zärtlichkeit. Er erzählt vom Durst nach Ruhm, der Männer auf das Niveau von Göttern erhebt. Dieses Gedicht, in dem der Tod regiert, erzählt von der Liebe zum Leben und von Ehre, die höher gestellt wird als das Leben, der sie noch mehr verbunden waren als den Göttern.

In 16.000 Versen in 24 Büchern berichtet der Poet von einer kurzen Episode am Ende der zehnjährigen Belagerung von Troja, wahrscheinlich im 13. Jahrhundert v. Chr. Troja, auch Ilion genannt (daher Ilias), war eine mächtige befestigte Stadt, die am Eingang der Dardanellen auf der asiatischen Seite des Hellespontus erbaut war, der dauerhaften Grenze zwischen Ost und West. Wie moderne Historiker bezweifelten Herodot und Thukydides nicht die Realität der Ereignisse, die den Rahmen für die Ilias lieferten. Die Trojaner waren Boreaner (Europäer), von derselben Rasse wie ihre griechischen Gegner, die Achäer „mit dem blonden Haar“, auch Argiver genannt (aus der Argolis stammend) oder Danaer (Nachkommen des mythischen Danaos). Trotz dieses geringen Unterschieds werden die Trojaner mit Asien assoziiert, und nicht nur aus geographischen Gründen. Ihre Armee enthielt Kontingente von Barbaren (Ausländern aus Sicht der griechischen Welt), was durch archäologische Entdeckungen ihrer Beziehungen mit dem sehr diversen Hethiterreich im 20. Jahrhundert bestätigt wurde.

Der Tradition zufolge hatte der Konflikt einen mythischen Ursprung: die Intervention der Götter, die sich auf die beiden Lager aufteilten. Aus Rache gab Aphrodite (Venus für die Lateiner) dem Paris, dem jungen Prinzen von Troja, Sohn des alten Priamos, die Macht, Helena zu entführen, die schönste aller Frauen, die bereits mit dem „blondhaarigen Menelaos“ verheiratet war, einem Achäer, dem König von Sparta. Die Entführung einer königlichen Gemahlin durch einen Ausländer war ein Verbrechen, das alle Achäer schockierte. Bei ihrer Hochzeit hatten all die Herren Griechenlands geschworen, die Vereinigung von Menelaos und der schrecklich verführerischen Helena zu respektieren. Daher versammelte sich eine Armee in Aulis mit ihren schnellen Schiffen, wie die zukünftigen Wikingerschiffe, und brach zu den asiatischen Küsten Trojas auf. Sie zogen aus, um die Trojaner zu bestrafen und Helena zurückzubringen. So begann der Krieg: „Die ganze Erde, weit und breit, blitzte vom Glanz der Bronze…“

Anmerkungen:
[1] François Julien, Interview mit Thierry Marchaisse, Penser d’un dehors (la Chine). Entretiens d’Extrême-Occident, November 2000, S. 47.
Der Philosoph und Sinologe François Julien ist Professor der Universität von Paris-7. Er ist Mitglied der Academie Française und Direktor des Instituts für zeitgenössisches Denken. Um die authentische Natur des europäischen Denkens zu entdecken, verglich er es mit etwas völlig Verschiedenem, dem von China, das sich in autonomer Weise entwickelt hatte, ohne irgendeine Verbindung zu den indoeuropäischen Sprachen.
[2] Jacqueline de Romilly, Homère (Que Sais-je?), (Paris: PUF, 1985)
[3] Die Ausstellung der BNF wurde von einem exzellenten Katalog begleitet, der von Seuil herausgegeben und von ihren drei Organisatoren, Olivier Estiez, Mathilde Jamain und Patrick Morantin produziert wurde.
[4] Keine französische Übersetzung ist wirklich zufriedenstellend. [Anm. d. Ü.: die hier folgenden Empfehlungen französischer Übersetzungen lasse ich weg; wer sich wirklich dafür interessiert, sei an den von Greg Johnson übersetzten englischen Artikel verwiesen].
[5] Der Neologismus ›boreanisch‹ hat einen umfassenderen Sinn als
›indo-europäisch‹, das eine linguistische Kategorie ist, Er bezieht sich auf den griechischen Mythos der hyperboreischen Herkunft.
Die grundlegenden Epen bergen auch den ersten Ausdruck historischen Denkens. Am Beginn von Der Peloponnesische Krieg bezieht sich Thukydides auf die Ilias, um in groben Zügen die alte Geschichte der Griechen darzustellen, womit er anerkennt, daß Homer die Fundamente legte. Aber dieses Verdienst wurde selten von anderen anerkannt. Inspiriert von den Göttern und der Dichtung, die ein und dasselbe sind, hinterließ uns Homer die verborgene Quelle unserer Tradition, den griechischen Ausdruck des gesamten indoeuropäischen Erbes, keltisch, slawisch oder skandinavisch, mit einer Klarheit und formalen Perfektion ohnegleichen. Dies ist der Grund, warum Georges Dumézil jedes Jahr die gesamte Ilias las.