(Dr.Carlos Dufour)

»Don’t fancy that you have somehow softened the saying of a thing by having just promised not to say it« (G. K. Chesterton)

Vor einer Woche veröffentlichte Dr. Clemens in Deutschlands Echo einen knappen, geballten Aufsatz über ein schwerwiegendes Thema, den man hier lesen kann:

http://deutschlandecho.org/index.php/2012/04/18/kommentar-christentum-und-nation-grundgedanken/

Clemens präsentiert seine Schrift bewußt als Skizze und Ausgangspunkt zum „eigenen Nachdenken“. Dieser Herausforderung komme ich hier gerne nach. Dabei bitte ich den Leser zu berücksichtigen, daß die acht Absätze seines Textes so viele Stichwörter enthalten und Behauptungen so komprimiert aufstellen, daß eine Analyse auf vieles verzichten muß. Wie sich zeigen wird, sind Clemens‘ Thesen vorwiegend verworren, sinnlos oder schlicht falsch − sie können uns aber helfen, manche Grundgedanken klarzustellen.

Christentum: Mythologie, Lehre, Institution

Zuerst sollte  bestimmt werden, worüber wir hier sprechen. Christentum, so wie es geschichtlich von Anbeginn erscheint, ist eine Totalität mit mindestens drei wesentlichen Bestandteilen: eine  Mythologie,  eine Lehre und eine Institution. Die Mythologie ist zu beherzigen, die Lehre zu akzeptieren und der Institution zu gehorchen.

Ein Teil heißt hier wesentlich, wenn das Ganze ohne ihn nicht wirken kann. Wesentliche Teile greifen inaneinander wie Zahnräder. Ohne Kirche kann man nicht wissen, welche Texte als Offenbarung gelten; ohne eine Lehre, bleibt zu dunkel, was diese Texte besagen; ohne Mythologie gibt es keine heilige Lehre. Im Laufe der Zeit entstehen Veränderungen und Anpassungen, aber ein Kern dieser Bestandteile bleibt immer.

So kann ein „Ostergefühl“ wohl religiöse Bedeutung für eine Person haben, aber dies allein ist nicht Christentum. Und da die drei Bestandteile objektiv existieren, können christliche Religionen nicht als reine Privatsache abgetan werden, auch wenn die Einstellungen zum Christentum − wie alle Einstellungen − nur privat zugänglich sind.

Freilich kann es passieren, daß  uns diese christliche Totalität zu absurd, zu inkongruent, zu abscheulich vorkommt. Eine Einleitung zu diesen Ergebnissen steht hier: http://www.thule-seminar.org/dufour_aufhebung.htm . Das zunehmende Wissen seit der Aufklärung ist auch eine Tatsache: Nationalisten, die zugleich modern sein und Christen bleiben wollen, stehen da vor einem Dilemma. Nietzsche rief aus:

“Unsere Zeit ist wissend … Was ehemals bloß krank war, heute ward es unanständig − es ist unanständig, heute Christ zu sein. Und hier beginnt mein Ekel“ (AC, § 38)

Wie auch immer, wird der christliche Publizist seine Religion selten als Totalität darstellen, etwa im Stile des  Tridentinischen Konzils. Daher bietet er seine Angelegenheit zuerst häppchenweise, in homöopathischen Dosen. Leider verhält es sich wie mit einem Ex-Alkoholiker, der sich zu besonderen Gelegenheiten einen kleinen Schluck gönnt. Wesentliche Teile einer Religion haben die Tendenz, sich zu vervollständigen, auch wenn man mit einem winzigen Stück anfängt. Gibst du dem Christentum den kleinen Finger, will es gleich die ganze Hand haben.

Ein geladener Anfang

Im ersten Absatz von Clemens kommen vier gewichtige Behauptungen dahergaloppiert:

„Letzte Überzeugungen zu diesem Komplex können nicht als Wissen vermittelt werden. Entweder man glaubt an die Auferstehung Jesu Christi oder nicht. Der deutsche Staat, das bestehende Europa und die gesamte abendländische Kultur sind auf dem christlichen Glauben aufgebaut. Wer ihn in Frage stellt, stellt damit Deutschland in seiner seit 2000 Jahren gewachsenen Tradition in Frage.“

Es geht hier nicht darum, zu glauben oder nicht zu glauben, sondern um zu wissen oder nicht zu wissen. Was einer ohne Grund behauptet, darf der andere ohne Grund verwerfen. Was gilt uns eine Überzeugung, die man weder direkt noch indirekt begründen kann? Und warum sollte jemand eine solche mentale Episode überhaupt vermitteln wollen?

Entweder glaubt man an die Auferstehung oder nicht – richtig, dies ist ein theologischer Sonderfall des Gesetzes des Tertium non Datur: A oder Nicht-A. Logisch wahr, dafür inhaltsleer. Ich weiß nichts über das Wetter, wenn ich nur weiß, daß es regnet oder nicht.

Jedoch hat das meteorologische Tertium non Datur einen Vorzug vor dem theologischen: Die Komponenten des Oder-Satzes, wie „es regnet“, haben selbst einen einleuchtenden Sinn. Aber was meint Clemens mit dem Glauben an die Auferstehung Jesu? Ehrlich gesagt: Ich kann nicht herausfinden, was er glaubt − aus mehreren Gründen. Die erste christliche Generation faßte die Auferstehung rein symbolisch auf.  So kommt bei Paulus das Urbild der Auferstehung nicht im materiellen Sinn vor. Es setzt für den auferstanden Körper die Phrase sô:ma pneumatikón – und Luther, gründlich und redlich, übersetzt es als „geistiger Leib“. Geistiger Leib? Seine Nachfolger haben verspürt, daß Luthers Verdeutschung wie „hölzernes Eisen“ klingt und kräftig umgestaltet. Erst nach Paulus kam der Druck, das Ereignis wörtlich auszulegen.

Wie gesagt, hat jedes Teilchen eines religiösen Glaubens die Neigung, sich zu vervollständigen; ein Glauben impliziert auch andere Glaubensinhalte, ob willkommen oder nicht. Wenn Jesus auferstanden ist, muß er auch wirklich geboren und wirklich gestorben sein. Erst recht muß er sich jetzt im Raum befinden.  Wo? Da er abwesend ist und keinen Besuch empfängt, muß man seinen Aufenthalt möglichst entlegen plazieren, daher kommt die Himmelfahrt als unausweichliche Folge – auch wenn nur einer von den vier Evangelisten, Lukas, dies berichtet. Ist Jesus im Himmel im astronomischen Sinn, so daß ein Satellit ihn im Prinzip photographieren könnte? Die Sache wird peinlich. Aber: wenn das nur symbolisch gälte, sollte auch die Auferstehung bloß symbolisch sein.

Und warum ist die Auferstehung so bedeutend? Weil die christliche Lehre eine Erlösungslehre ist. Jesus starb für unsere Sünden. Ja, jeder Jurist würde protestieren und hier eine Vermengung von Straf- und Zivilrecht beanstanden: wenn Breivik schuldig ist, wird er nicht unschuldig gemacht, falls jemand die Strafe auf sich nimmt. Wenn der Mensch wirklich schuldig ist, kann ein Opfertod ihn nicht von Schuld befreien. Oder war es wieder nur allegorisch gedacht? Da muß eilends eine Theologie her, oder ein Denkverbot seitens einer Institution. Hier wiederum Mythos, Lehre, Institution: Also hat das Christentum die besagten Bestandteile. Wenn Clemens dies bagatellisiert, spielt er mit falschen Karten. Rechtschaffene machen nicht mit. Wer im Denken extrem ernst ist, kann auf seriöse Radikalität pfeifen.

Europa: Aufbau auf dem Christentum

Die christlichen Apologeten behaupten gern, daß das Christentum Europa geprägt hat, aber es fällt zuerst schwer aus einem Fakt eine normative Kraft herauszupressen. Ein Kinderschänder kann die Biographie des Opfers stark prägen − darf aber nicht erwarten, daß das Kind ihn später ehrt. Die Nachkriegsordnung baute vielleicht auf der Vertreibung der Deutschen aus Osteuropa auf − aber das allein reicht nicht aus, um sie zu legitimieren.
Sind andererseits deutscher Staat und europäische Kultur wirklich auf dem christlichen Glauben aufgebaut? Die Realität des Aufbaus steht da auf wackeligen Füßen. Der junge Hegel schrieb:

„Das Christentum hat Walhalla entvölkert, die heiligen Haine umgehauen, und die Phantasie des Volks als schändlichen Aberglauben, als ein teuflisches Gift ausgerottet. Und uns dafür die Phantasie eines Volks gegeben, dessen Klima, dessen Gesetzgebung, dessen Kultur, dessen Interesse uns fremd, dessen Geschichte mit uns in ganz und gar keiner Verbindung ist“.

Sieht so ein Aufbau aus? Das Rom der Antike, als Sklavenstaat, war rettungslos überfremdet. Das Christentum ist jene entwurzelte Religion, die das Völkerchaos zur Voraussetzung hatte und selbst auf anderen religiösen Vorstellungen (Isiskult, Trimurti, Mithrasverehrung) aufbaute. Es blühte in vergangenen, wirren Zeiten – Zeiten, wie Goethe sagt, der „aristokratischen Anarchie“. Kaum sind die Nationen entstanden und die Staaten gebildet, wurde das Christentum gebändigt und neutralisiert: Kein Staat kann seine Legitimität außer sich in andere Institutionen setzen.

Auch wenn die „Aufbauidee“ stimmen sollte, ergab sich in Europa eine eigene, urwüchsige und entgegengesetzte Bewegung: der Abbau des Christentums als Totalität. Diese entgegengesetzte Bewegung bekämpfte die Lehre mit Scharen von Ketzern, mit der Renaissance und den wissenschaftlichen Entdeckungen; sie erschütterte die Institutionen mit der Spannung der Welfen und Ghibellinen, der Reformation, dem Anglikanismus und den Religionskriegen; zuletzt beseitigten Philosophie und  Philologie jede Glaubwürdigkeit der christlichen Mythologie. Fast alle großen Denker Europas fanden ihren Ehrenplatz auf dem Index. Sie handelten in geistiger Notwehr.

Warum aber hält man so hartnäckig am Aufbau fest? Von Kindheit an wird das Individuum im Christentum erzogen. Persönliche Gedanken über Religion bauen auf dieser Indoktrination auf. Nun denken Erwachsene an ihre Kindheit wie an ein verlorenes Paradies, und da indoktrinierte Menschen mit Gleichgesinnten Kontakt pflegen, wird allmählich aus dem subjektiven Eindruck eine allgemeine Überzeugung, die man schließlich auf Europa projiziert. Und man bleibt bei liebgewonnenen Überzeugungen. Kaum ein Mensch wird sie revidieren, nur weil ihm ernsthafte Einwände gemacht werden. Man sperrt die Ohren zu und bleibt bei seiner Prägung. Da es aber auch ungewöhnliche Menschen gibt, kann sich das Nachdenken lohnen.

Das Universale und das Ewige

Der dritte Absatz von Clemens ist für die Analyse entscheidend:

„Die Religion im eigentlichen Sinne beinhaltet jedoch den Glauben an das Überirdische, an die Eingebettetheit des Menschen in das Universale und die Ewigkeit. Damit ist eine demütige Anerkenntnis von der Unvollständigkeit des Menschen verbunden, eine Anerkenntnis von seiner Kleinheit, Unwissenheit und Fehlerhaftigkeit, was das Christentum in dem Begriff der Erbsünde zusammenfaßt. Durch Erkenntnis kann man die Welt nicht erklären, sondern nur den kleinen Ausschnitt, für den sie bestimmt ist.“

Demut hat etwas für sich, denn sie ist die beste Tugend für jene, die keine andere haben. Aber sie kann leicht zu Hochmut werden, der das Wissen dieser Welt als närrischen Stolz abtut. Die Abneigung gegen die Wissenschaft begleitete immer den christlichen Universalismus, und Clemens setzt diese Tradition fort. Wenn man die Welt nicht durch Erkenntnis erklären kann, womit sonst? Könnte man sie durch Unkenntnis erklären? Oder durch Glauben?

Oft wird von Christen ausgeführt, daß die Wissenschaft Dasein und Sosein der Welt als Ganzes nicht wissenschaftlich erklären kann. Der Gottesfürchtige könnte die Welt ohne Wissenschaft kinderleicht durch den Willen Gottes erklären: Gott wollte, daß die Welt in dieser bestimmten Gestalt existiert, und dadurch kam die Welt ins Dasein und Sosein.
Warum muß diese Lösung fehlschlagen? Wenn, wie der Christ meint, diese Welt kontingent ist, dann haftet die gleiche Kontingenz dem Willensakt Gottes an: sein Akt wäre auch kontingent. Ganz präzise: Daß die Welt kontingent ist, heißt, sie hätte nicht sein können − auch ganz anders sein können. Daß der Willensakt Gottes kontingent ist, heißt: sein Akt hätte nicht sein können (z. B. Gott erschafft gar nichts) oder andersgeartet (Gott findet eine andere Welt attraktiver als diese). Wenn kontingente Welt, auch kontingenter Wille des Schöpfers. Statt die Kontingenz zu erklären, hätten wir sie vermehrt. Sollten wir einen Supergott einführen, um die neue Kontingenz zu erklären? Diese Anthropomorphismen erklären gar nichts. Die Wissenschaft kann im Gegensatz zum Glauben einiges erklären; sie kann sogar beweisen, daß sie unvollständig ist.

Was heißt Clemens‘ Behauptung, der Mensch sei ins Universale und die Ewigkeit eingebettet? Ein Deutung wäre, daß der Mensch universale Eigenschaften trägt (körperlich sein, organisch sein usw.), und daß es in der Zukunft immer wahr sein wird, daß der Mensch einmal dagewesen ist. Dies ist aber zu allgemein, zumal das gleiche für Äpfel und Birnen gilt. Das kann nicht der Sinn sein. Wahrscheinlich hat Clemens eine Lehre über das Jenseits und den moralischen Universalismus im Auge. Es zeigt sich nochmals, wie die Teilchen des Christentums zur Vervollständigung neigen. Wenn es demnach eine überweltliche Realität gibt, ist sie Wirklichkeit und als solche muß sie wirken können. Also sollten wir uns eine Überwelt mit allem Drum und Dran vorstellen:  Himmel und Hölle, Engel und Dämonen, Wunder und Stigmen. Das ist ein immerwährendes Veto gegen wissenschaftliche Erklärung. Wenn es mit dieser Überwelt hart auf hart kommt, ist mit einem systematischen Opportunismus zu rechnen: wird keine Beanstandung erhoben, spricht der Christ wörtlich; sonst war seine Behauptung eben allegorisch gemeint.

Politische Übersetzung

Nationalismus und Universalismus stehen unweigerlich im krassen Gegensatz. Dies zeigt sich an der Verehrung des Helden. Viele Gestalten kommen im Neuen Testament vor: der Heilige, der Märtyrer, der Sünder, der Arme, der Kranke − aber es fehlt der Held. Nietzsche schreibt gegen Renan: „Wenn irgend etwas unevangelisch ist, so ist es der Begriff Held (…) Die Unfähigkeit zum Widerstand wird hier Moral“ (AC, § 29). Der Islam entwickelte, zuweilen sehr poetisch, den männlichen Begriff des Dschihad, während die Christen sich als lammfromme Pazifisten beschrieben. Vielleicht wird der Christ einwenden, dies sei zeitbedingt, um die Römer, die gerade 70 A. D. den Jerusalemer Tempel zerstört hatten, nicht unnötig zu brüskieren – es wäre Selbstmord gewesen, Rom nochmals herauszufordern. Schon möglich, aber so zeigt sich das Christentum als eine allzumenschliche Angelegenheit. Bald beruft man sich auf das Jenseits, bald bemüht man aus politischem Opportunismus das Diesseits.

Nationen sind geschichtliche Individuen. Von Goethe stammt der Spruch über die lebendige Individualität als „innerlich Grenzenloses, äußerlich Begrenztes“. H. S. Chamberlain legte diese Idee als Grundgesetz allen geistigen Lebens aus, sei es für das Besondere eines Individuums oder das eines Volkes. Erst die äußere Begrenzung ermöglicht die Freiheit:

„Wird dagegen äußere Unbegrenztheit erstrebt, so wird die Grenze innerlich gezogen werden müssen. Dies letztere ist denn auch die Formel des neurömischen kirchlichen Imperiums: innerlich begrenzt, äußerlich grenzenlos. Opfere mir deine menschliche Persönlichkeit, und ich schenke dir Anteil an der Göttlichkeit; opfere mir deine Freiheit, und ich schaffe ein Reich, welches die ganze Erde umfaßt und in welchem ewig Ordnung und Friede herrschen; opfere mir dein Urteil, und ich offenbare dir die absolute Wahrheit; opfere mir die Zeit, und ich schenke dir die Ewigkeit.“ (Grundlagen, [663])
Diese Zeilen verdienen eine zweite Lektüre. Chamberlains Auslegung gibt uns einen wesentlichen Wink. Die äußere Begrenzung stellt die andere Seite der inneren Freiheit dar. Der Biologe Richard Dawkins hat vor kurzem (2009) die Frage gestellt, wie eine Welt ohne Inseln jeglicher Art aussehen würde. Da gäbe es keine Evolution, keine Schranken zwischen Variationen, denn jede Veränderung würde durch die leichte Vermischung rückgängig gemacht. Was die „Inseln“ für die Biologie sind, das bedeuten die Nationen für die Geschichte. Wer diese Dimension des Nationalismus verkennt, mag vielleicht Heimatliebe, Patriotismus, oder was auch immer, empfinden − Weltanschauung ist das nicht.

Niederwerfung des Reiches als Strafe Gottes

Der siebte Absatz von Clemens hat es in sich, denn er bezieht sich auf den Untergang Deutschlands:

„Vielleicht liegt darin auch eine höhere Form der Gerechtigkeit (in der „Abendbläue“ nenne ich es geschichtliche Gerechtigkeit). Da ich mich theologisch zu wenig auskenne, wage ich nicht von einer Strafe Gottes zu sprechen. Ansonsten wäre es durchaus folgerichtig zu sagen: Da sich das deutsche Volk von Gott abgewandt hat, geht es daran zu Grunde.“

Hier begegnen wir dem Trick, den die Rhetorik Paralipse nennt. Indem der Redner versichert, etwas nicht behaupten zu wollen, behauptet er es doch. Etwa derart: „Da ich Herrn X kaum kenne, wage ich nicht zu behaupten, daß er ein vollständiger Kretin ist.“ Ja, man wagt es nicht und tut es doch; daher Chestertons Bemerkung als Motto.

Zaghaft im Ton, klar in der Sache verrät uns Clemens die wahre Ursache des Untergangs. Jeder Nationaldenkende hält eigentlich den drohenden Untergang Deutschlands für die Folge der Niederlage des Reiches und der anschließenden Fremdbestimmung. Laut Clemens weit gefehlt − es war die gerechte Strafe Gottes!

Wie kann jemand sich gegen eine göttliche Strafe wehren?  Sollte der Gläubige sich nicht der gerechten Strafe in Demut fügen? Und reicht es dem lieben Gott nicht aus, die bösen Individuen in die Hölle zu schicken? Muß er unbedingt das ganze Volk ausrotten? Stalin und die Sowjetunion wurden mit dem Sieg belohnt − waren sie etwa frommer? Verlangt ein sadistischer Gott einen masochistischen Gläubigen? Fragen über Fragen.

Das Christentum meldet sich zuerst als Privatmeinung und endet früher oder später in Verrat und Zerstörung. Der Mensch wähnt, Herr seiner Ideen zu sein, und eines Tages verliert er die Kontrolle über sie. Nietzsche kreidete dem Christentum an, lauter imaginäre Ursachen (Strafe Gottes) und imaginäre Wirkungen einzuführen, bis eine Fiktionswelt entsteht. Clemens‘ Deutung des deutschen Untergangs bezeugt nochmals den christlichen Drang zum Fiktionalismus.

Nichtmehr und Nochnicht

Alois Mitterer schrieb:

„Das Christentum gilt es nämlich nicht mehr zu bekämpfen. Schlimmer noch! Es ist für die Lebensfragen des Volkes und sogar des einzelnen, unbeachtlich geworden. Denn mittlerweile ist klar, daß es als Kirche und auch als Lehre unserem Volk in der heutigen Lage nicht mehr helfen will und auch nicht mehr helfen kann“ (ViB, 1/2012).

In anderen Zeiten wirkten sich manche Kräfte positiv auf das Christentum aus und vermochten seine Gefährlichkeit einzudämmen. Indoeuropäische Mythen und heidnische Symbole verliehen dem Christentum einmal eine würdige Tiefe, politische Realitäten bändigten seine anarchistischen Instinkte. Heute sind diese Spuren nur noch schwer erkennbar, schlummernde Palimpseste. Vielleicht berufen sich manche Nationalen heute auf jenes Christentum; sie übersehen, daß diese Vorzüge nicht aus dem Wesen des Christentums flossen, sondern aus dem europäischen Substrat.

Da diese Kräfte aufgehört haben zu wirken, steht das Christentum auf sich selbst gestellt da,  oberflächlich, absurd, zersetzend. Nein, keine Strafe Gottes, eine epochale Ironie ist es, daß gerade das Christentum, das den Menschen einmal von oben herab die Rettung anbot, zuletzt von Menschen gerettet werden soll.

Wir leben im Übergang zu einer post-christlichen Zeit, im Dämmerlicht zwischen Nichtmehr und Nochnicht. Es ist nicht soweit. Inmitten von Ruinen vertieft sich die Nacht. Die einen klagen, die anderen halten Wache.