(Prof. Dr. Eugen Fischer)

Es kommt in jedem Volk, aber auch in jeder einzelnen sozialen Schicht auf den Bestand der Erblinien an. Diese Erkenntnis ist in dem Begriff des völkischen Staates einbegriffen, bisher sonst in keiner anderen Staatsidee. Der Geschichte erwächst die ungeheure Aufgabe, Erblinien, den Gang der überragenden Anlagen im Ablauf kultureller Entwicklungen zu verfolgen. Ich meine damit keine Verallgemeinerung historischer Vorgänge, keine Versuche, grobmaterialistisch hier Talent und Genie und kulturelle Leistung ›erklären‹ zu wollen, keine Versuche, sogenannte naturwissenschaftliche Regeln heranzuziehen, um historische Erscheinungen zu verstehen, im Gegenteil, gerade, daß der Historiker das Einmalige und Einzigartige der Vorgänge und an den Persönlichkeiten aufdeckt, ermutigt den Biologen zur MItarbeit, denn auch er hat keine andere Auffassung als die des vollkommenen Einmaligen für jede einzelne Person, die sich eben anlagenmäßig stets in vorher niemals dagewesener Neuverbindung der Anlagebestandteile ihrer gesamten Ahnenlinien darstellt. Es sei dabei nicht verkannt, daß die Entfaltung dieser erblichen Anlagen, die Richtung ihrer Wirkung selbstverständlich von den geistigen Strömungen der Zeit abhängen, die die Persönlichkeit endgültig prägen. Trotz gegebener Anlagen und durch sie bestimmt, bleibt der einzelne Kind seiner Zeit. Hier liegt das Unbegreifliche, hier sind die Grenzen naturwissenschaftlichen Forschens. Aber wir haben die Pflicht, gegen sie vorzudringen, soweit wir können. Es würde auch mich heute und hier reizen, von diesem Standpunkt aus einige kulturgeschichtliche Erscheinungen zu betrachten, aber ich möchte mich darauf beschränken, einige wenige grundsätzliche Bemerkungen zu machen und dann nur ein paar Beispiele anzudeuten. Zunächst ist die theoretische Berechtigung zu prüfen, vom biologischen Gesichtspunkt aus soziale Erscheinungen zu betrachten. Der Mensch lebt nirgends als Einzelindividuum oder als biologische Familie, sondern überall in sozialen Gruppen, d.h. in Verbänden, deren Zusammengehörigkeit und Zusammenhalt auf sozialen Faktoren beruht. Die Untersuchungen der Lebenserscheinungen solcher ›Vergesellungen‹ ist Aufgabe der Soziologie, der Völkerkunde und der Geschichte. Aber mit allen Lebenäußerungen und der gesamten Geschichte aller sozialen Gruppen laufen auch biologische Erscheinungen ab, die mit historischen Methoden nicht erforscht werden können.

Es erhebt sich immer die Frage, wie weit die erblichen Eigenschaften der Individuen einer Gruppe auf das Leben, die kulturellen Leistungen und das Schicksal der Gruppe selbst einwirken. Und umgekehrt die Frage, wie weit von der Gruppe geschaffene Einrichtungen ihrerseits auf den Bestand, Vermehrung oder Verminderung, einseitig oder allgemein, der einzenen Gruppenmitglieder einwirken und damit Menge und Güte der Erblinien ändern.

Es ist also nicht zu bestreiten, daß hier biologische Probleme im Ablauf dieser Erscheinungen liegen, die nur mit naturwissenschaftlichen Methoden erforscht werden können.
Man spricht von Sozialanthropologie, und wenn sich diese auf die Betrachtung geschichtlicher Abläufe bezieht, von historischer Anthropologie. Diese versuchen also, zum Verständnis des Auf- und Abstiegs von Kulturen und des Ablaufs der Geschichte neben, allgemein gesagt, historischen Faktoren Erb- und Rassefaktoren aufzuweisen.
Nur folgende flüchtige Hinweise seien gestattet. Der glänzende Aufstieg der klassischen Griechen über die Kultur der vorhellenischen Bewohner jenes Bodens weit hinaus liegt danach letzten Endes in der günstigen Rassenzusammensetzung der Athener, Spartaner usw. Und nachdem Austilgung bester Erblinien durch Kriege, Landesverweisung, vor allen Stücken aber durch Kinderarmut und Aussterben der Geschlechter die erb- und rassenmäßige Zusammensetzung des Volkes geändert hatten, trat Verfall und Niedergang ein; die Rom unterworfenen Griechen der Spätzeit waren eben erb- und rassenmäßig andere Menschen wie die klassischen. Im Aufstieg wie im Niedergang Roms sind neben allen anderen Faktoren die der Rasse, der Zerstörung der alten Rasse, der verheerenden Wirkung eines unerhörten Rassenchaos im spätkaiserlichen Rom verantwortlich zu machen. Geistige Leistungsfähigkeit, Charakter vor allem, sind anders geworden, wie sie in den Erblinien und dem unverbastardierten Römer der republikanischen Blütezeit gegeben waren. Die Leistungen der Renaissance in Italien, Kunst, Kultur, Politik, Wirtschaft, sind neben vielem anderen der günstigen Rassenzusammensetzung, Kreuzung ebenbürtiger blutsverwandter Rassen zuzuschreiben.
Züchtung bestimmter Erlinien mit der Gunst, in führenden Schichten zu sein, hat die Blüte, Tilgung dieser Linien den Verfall bedingt. Die ›splendid isolation‹ des britischen Inselreiches allein hat nicht Englands stolze Macht begründet, sondern die Erblinien des englischen Volkes und seiner Führerschichten. Die Insellage Korsikas und Sardiniens haben keine Großmacht hervorgebracht, und Sizilien hatte Geltung nur, solange die Normannen dort saßen. ›Splendid isolation‹ allein tut’s nicht ― Japans Inseln sind Machtgebiet geworden, die Philippinen und Sundainseln, die zwei Kontinente verbinden und beherrschen könnten, sind bedeutungslos ― die Erblinien der ›Männer‹ fehlen hier. Wo wir in der Geschichte hinblicken, lassen sich die Wirkungen der erblichen Veranlagung der betreffenden Menschen als mitverantwortlich am Auf- und Abstieg kultureller Leistungen erkennen. „Männer machen die Geschichte“, sagt von Treitschke ― heute fassen wir das erbgeschichtlich auf!

Die Anwendung dieser Gedankengänge auf die Gegenwart ist von entscheidendster Bedeutung für das Leben und die Zukunft der europäischen Kultur überhaupt. (Alle Kulturvölker mit alleiniger Ausnahme des chinesischen sind nach Aufstieg und Blüte verfallen und untergegangen. Den letzten Stoß gab häufig ein, wie der Historiker sagt, jugendfrisches Eroberervolk. Und dieser Jugendfrische stellt man dann den Untergang einer degenerierten, alten und überalterten Kultur als etwas Naturnotwendiges gegenüber. Aufblühen und Fruchttragen, meint man, müsse Welken und Tod zur Folge haben.
Aber das ist falsch. Eine Rasse altert nicht. Erblinien altern nicht. Nur gemordet werden kann die Rasse, ausgetilgt werden können die leistungsfähigen und günstigen Erblinien, ersetzt durch minderwertige, die sich vermehren. Hier macht sich der ungeheure Einfluß der Kultureinrichtungen auf den Erbbestand ihrer eigenen Träger lebensentscheidend geltend. Steigende Kultur bringt fast immer Zerstörung der eigentlich führenden Erbträger und ihrer Familien mit sich, in allen Kulturvölkern durch Kinderlosigkeit. Aber ich kann auf die ungeheure Bedeutung dieser Erscheinungen, die sich vor unseren sehenden Augen an unserem eigenen Volk und allen europäischen abspielen, im einzelnen nicht eingehen, ich stelle sie nur ausdrücklich fest. ◊

(Aus: Eugen Fischer: Der völkische Staat biologisch gesehen, Berlin 1933)