(Prof. Dr. Pierre Vial)

Marx ohne Lenin,
das wäre ein Fahrzeug ohne Antrieb gewesen, denn die Ideologie
braucht immer eine Strategie zu ihrer Verwirklichung.
Unsere Weltanschauung (diejenige der organischen Intellektuellen)
gründet in den unterschiedlichen Lebenserscheinungen,
vertritt also die Ethnopolitik;
ihre Strategie hejßt folgerichtig Metapolitik. Das bedeutet aber:
Einen kulturellen Krieg führen (und gewinnen), um eine Umwälzung
der käuflichen Werte und ihrer Dekadenzpolitik herbeizuführen.

Die soziologische Rechte ist gekennzeichnet durch ein fast schon angeborenes Mißtrauen gegen die Ideen. Man nimmt sich vor den Ideen in Acht, denn sie verpflichten den Erkennenden ja zur Tat, sie zwingen zur Klarheit und zum Mut. Die bequeme Rechte mag so etwas nicht; die kämpferische übrigens ebensowenig, da sie den Ideenkampf als verlorene Zeit betrachtet und keine Gelegenheit versäumt, jenes selbstgefällige Zerrbild hervorzukehren, das sie gerne von sich gibt, dem sie ihr Dasein als verlorenes Häuflein verdankt. Die Welt wird jedoch von Ideen verändert; zumindest von denjenigen, die eine mythische Verankerung erhielten und von Denkern getragen werden, die zugleich Kämpfer und Gesandte zu sein vermögen (übrigens kann man meines Erachtens keine bessere Kenn-
zeichnung des Revolutionärs geben). Eine der größten Lehren der Geschichte ist diese:
Man muß zunächst die Idee säen, um dann aus Taten ernten zu können. Die Idee ist vorrangig. Wer das vergißt, ist entweder zu einem sich überschlagenden, der Lächerlichkeit preisgegebenen, ziel- und zukunftslosen Aktivismus verurteilt oder zu einem abstumpfen-
den, auf den Katzenpfoten kleiner Reformen daherschleichenden Nützlichkeitsdenken, das die Seelen schon deshalb nicht zu bewegen vermag, weil es auf einen rein materiellen und verwaltenden Erwartungshorizont beschränkt ist.

Wer über Ideen spöttelt oder an ihrer Wirkkraft zweifelt, sollte folgendes bedenken: Mit ihrer ›großen Weisheit‹ erkannte die Kirche (zu einer Zeit, da sie erst eine unbedeutende Gemeinschaft innerhalb des Römischen Reiches bildete), daß sie zunächst die Köpfe für sich gewinnen mußte, um eines Tages die gesamte Gesellschaft in die Hand zu bekommen und sie nach ihren Auffassungen gestalten zu können. Die Kirche war sich des ausschlaggebenden Einflusses der Ideen dermaßen bewußt, daß sie sich für tausend Jahre die ausschließliche Vorherrschaft im geistigen Leben sicherte. „In der Geistesgeschichte des mittelalterlichen Europas“, schreibt der Historiker Jacques Paul, „gibt es nichts Grundlegenderes als das zwischen Kirche und Kultur geschlossene Bündnis.“ Links: Paulus’ Reiseweg.

Die großen Umwälzungen der Geschichte wurden von Intellektuellen vorbereitet, d.h. von Menschen, die sich berufen fühlten, zu denken und dieses Denken auch zu verbreiten, die eigene Gedankenwelt und ihre Verbreitung galten ihnen als selbstverständlich. „Ohne Marx kein Lenin“, ist mithin eine logische Aussage, und wir warfen danach einmal leichthin in die Auseinandersetzung, daß unsere Denkschule eine Art kollektiver Marx sein will. Solch ein launiger Einfall legt sehr häufig auf einfache Art den Kern eines Gedankens frei. Es erübrigt sich demnach, besonders zu betonen, daß unsere Aufgabe im Bereich der Ideen liegt wohlverstanden als Grundlage der daraus folgenden Tat.
Wer über Ideen spöttelt oder an ihrer Wirkkraft zweifelt, sollte folgendes bedenken: Mit ihrer ›großen Weisheit‹ erkannte die Kirche (zu einer Zeit, da sie erst eine unbedeutende Gemeinschaft innerhalb des Römischen Reiches bildete), daß sie zunächst die Köpfe fur sich gewinnen müßte, um eines Tages die gesamte Gesellschaft in die Hand zu bekommen und sie nach ihren Auffassungen gestalten zu können. Dies setzte das Erarbei-
ten einer Lehre voraus, die, an der jüdischen Herkunft des Christentums festhaltend, auf einige wesentliche Ideen des ausgehenden Hellenismus zurückgreifen mußte. „Mit der griechisch-römischen Kultur konfrontiert, war das Christentum bemüht, einige ihrer Werte zu assimilieren, indem es sie übernahm und umdachte.“ (2) Paulus ist der Begrün-der dieses Lehrgebäudes, in dem die Evangelienbotschaft sowie ein durch den Gnostizismus und die Mysterienkulte geprägter Hellenismus zusammenlaufen, wie es Guignebert (2), Loisy (3) und Bultmann (4) aufzeigten. „Um die Heiden für das Evangelium zu gewinnen, wollte Paulus es ihnen in Worten darlegen, die ihnen vertraut waren.“ (5) Seinem Beispiel folgten Klemens von Alexandrien und Origenes. Diese Intellektuellen, die im 4. Jahrhundert von Augustinus, Basilius, Gregor von Nazianz und Gregor von Nyssa abgelöst wurden, verhalfen der Kirche dazu, ihren Einfluß derart auszubauen, daß sie eine echte Kulturrevolution einleiten konnte; diese wiederum war für sie das Mittel, von der politischen Macht anerkannt zu werden, bevor sie jene selbst übernahm bzw. unter
ihre moralische Vormundschaft stellte.
Die Kirche war sich des ausschlaggebenden Einflusses der Ideen dermaßen bewußt, daß sie sich für tausend Jahre die ausschließliche Vorherrschaft im geistigen Leben sicherte. „Im Mittelalter bezeichnete das französische Wort clerc (›Kleriker‹) sowohl den Gelehrten als auch den Laien, der durch die Tonsur in den Klerus aufgenommen wurde. Bis zum 16. Jahrhundert war laicus mit illiteratus gleichbedeutend .“ (7) Unverkennbar bricht hier der große Unterschied zum Altertum auf, wo griechische Denker und lateinische Schriftsteller von jeglicher religiöser Bevormundung durch den Klerus befreit waren: das Denken als Werk der inneren Wahrnehmung betrieben freie Bürger, die keine anderen Leitlinien und Vorschriften hatten als ihre eigenen Überzeugungen.
Die Kirche erkannte, daß ihr Wille zur geistigen Vorherrschaft die strenge Kontrolle des gesamten geistigen Lebens verlangte. „In der Geistesgeschichte des mittelalterlichen Europas“, schreibt der Historiker Jacques Paul, „gibt es nichts Grundlegenderes als das zwischen Kirche und Kultur geschlossene Bündnis.“ Er fügt hinzu: „Im Bereich des Wissens, so wie es an den Schulen und Universitäten vermittelt wird, setzt die Kirche unnachgiebig ihren Glauben und ihre Dogmen durch. Diese nahezu allgemein als wahr hingenommenen religiösen Behauptungen wollen den Eindruck erwecken, als seien sie die Voraussetzung allen Denkens (…) Der christliche Glaube ruft Anschauungen hervor, die sich jeder geistigen Leistung zu bemächtigen suchen (…) Tatsächlich ist dies aber nur möglich,
weil eine Verschmelzung vorgefundener heidnischer Denkweisen mit den fremdartigen Geistesinhalten vollzogen werden kann, so daß sich beide Ideen verändern – dabei diese geschönt, jene aber bis zur Unkenntlichkeit entstellt wird.„ (7) Die von der griechisch-römischen Tradition übernommene klassische Kultur darf nach dieser Ansicht nichts ande-
res sein als ein Werkzeug im Dienst des angepaßten, vereinheitlichten Denkens. Kommt irgendein Geistlicher in Versuchung, sich von den Reizen des antiken Denkens verführen zu lassen, so wird er schleunigst zur Ordnung gerufen, denn hinter der klassischen Literatur verbirgt sich das Heidentum. So geißelt Papst Gregor der Große im 6. Jahrhundert den Bischof Didier von Vienne: „Im selben Mund dürfen sich nicht die Lobpreisung Jesu Christi und die Jupiters vereinigen. Verse vorzusingen, die sich nicht einmal für einen frommen Laien ziemen, ist im Falle eines Bischofs eine schlimme, verbrecherische Tat.“
In der Dreiteilung der Tätigkeitsbereiche, die der Bischof Adalbéron von Laon um 1020 als die ideale Gesellschaftsform bezeichnet, kommt den Klerikern, den oratores, der erste Aufgabenbereich vor den bellatores und den laboratores zu, die den zweiten und dritten verkörpern ― eine weitere Bestätigung dafür, daß diejenigen, die denken (und das meint denn eben auch: beten), die Oberhoheit besitzen,ja: besitzen müssen. Die päpstliche Theokratie führte diese Logik folgerichtig weiter, indem sie der weltlichen Macht der Monarchen ― die Kaiser inbegriffen ― das Recht und sogar die Fähigkeit zur Selbstbestimmung absprach.
Doch schon im 12. Jahrhundert zeichnet sich, vornehmlich in Paris, eine Bewegung geistiger Befreiung ab. Umherziehende Kleriker und Scholaren, ›Goliarden‹ genannt, sprengen die Fesseln, die dem geistigen Leben angelegt wurden. Die mönchischen Kreise, die jahrhundertelang eifrig das ausschließliche Vorrecht auf geistige Betätigung für sich beansprucht hatten, verurteilen denn auch die Meinungs- und Redefreiheit der Goliarden. Der ›heilige‹ Bernhard richtet an die unter goliardischem Einfluß stehenden Pariser Professoren und Studenten die bezeichnende Mahnung: „Flieht aus dem babylonischen Milieu, flieht und rettet eure Seelen!“ Peter Abaelard, in dem Jacques Le Goff „die erste große Verkörperung des modernen Intellektuellen“ (8) sieht, symbolisiert durch sein Leben und Werk die Freiheitsbewegung, die den geistigen Alleinvertretungsanspruch der Kirche brach. Dieser ›Erwecker der Ideen‹ ist somit ein Vorbote des Renaissancemenschen. Vom Haß Bernhards von Clairvaux besiegt, triumphierte Peter Abaelard dreihundert Jahre
später in den Werken Vallas, Galileis und Kopernikus’ ― all derer, die „für jenen Weltfrühling sorgten, durch den der Mensch selbst zum Schmied seines Schicksals wurde, indem er die Bedingtheiten seiner Natur durch die Kraft des Willens und die Macht des Geistes von sich warf.“ (9) Es darf also durchaus davon gesprochen werden, daß im Mittelalter eine Art ›Widerstandsbewegung‹ von Intellektuellen unter ständiger Gefahr für Freiheit und Leben ihrer Träger bestanden hat, die aus dem natürlichen Drang nach Sprengung der dem heidnischen Bewußtsein mit der Christianisierung angelegten Fesseln hervorging. Zwar war dies ein nur vereinzelter, unsteter Widerstand von unterschiedlicher Stärke und vorerst nur geringem Erfolg, aber doch stets in unverkennbarem Bezug auf das, was Sigrid Hunke Europas andere Religion nennt. (10)

Von Pelagius bis Meister Eckhart ist deren Hauptmerkmal der Vorrang des freien Willens auf der Suche des Menschen nach dem Göttlichen ― während Johannes Scotus Eriugena, der Vorkämpfer des Pantheismus im 9. Jahrhundert, der den Dualismus in allen Erscheinungsformen ablehnte, ein Lehrgebäude errichtete, das zu seiner Zeit fast unbeachtet blieb, einige Jahrhunderte später allerdings eine echte geistige Revolution auslöste.
Über die Jahrhunderte hinweg befruchtete Eriugenas vernunfterfüllter, glaubenskräftiger Einfluß den großen pantheistischen Gesang der Renaissance, den Paracelsus einmal so in wenige Worte faßte: „Nichts ist im Himmel noch auf Erden, das nicht im Menschen sei / Der Gott, der im Himmel ist, der ist auch im Menschen / Denn wo ist der Himmel
als im Menschen?“
Die großen Bewegungen, die seit dem 16. Jahrhundert der neuzeitlichen Geschichte ihr Gesicht gaben, waren ja die Früchte jener Ideen, die von Männern gesät wurden, deren Botschaft zu ihren Lebzeiten noch ohne Anklang verhallte. Beispielhaft dafür sind meines Erachtens jene Männer des 19. Jahrhunderts, die wir als Erwecker der Völker bezeichnen können und denen Jean Mabire eine meisterhafte Schrift (Les grands aventuriers de l’his-toire, 1982) widmete. Sie sollten uns Vorbilder und Führer sein. Der Deutsche Jahn, der Ungar Petöfi, der Pole Mickiewicz, der Italiener Mazzini, der Däne Grundtvig, der Ire Pearse: sie alle wirkten als Pioniere und Künder, indem sie ihr Leben ausschließlich der Sendung widmeten, die ihnen als Daseinsauftrag über allem stand.

Als Friedrich Ludwig Jahn junge Deutsche zu vereinen beginnt, um den Widerstand gegen die Besetzung des Deutschen Reiches durch napoleonische Truppen einzuleiten, ruft er zur Erweckung der Geister und Gemüter auf: „Am Anfang“, sagt er zu seinen Gefährten, „sind wir nur Männer voll guten Willens. Wir haben die Aufgabe, die Befreiungsbewegung in Gang zu bringen. Wie, das vermag ich nicht zu sagen. Ich weiß indes, daß der erste Kampf in den Seelen auszufechten ist. Warum ist unser Volk willfährig? Weil seine Seele krank ist. Es hat die Hoffnung und das Vertrauen verloren. Durch das Wort können wir sie ihm zurückgeben, indem wir ihm erklären, daß keine Macht unbesiegbar oder ewig ist. Es gibt unzählige Beispiele von Herrschaftsformen, die zusammenstürzten. Jeder von uns soll ein Vorbild für unser Volk sein (…), ihm Stolz einflößen.“ Die Botschaft, deren Auftrag Jahn in sich verspürt, beherrscht sein ganzes Leben. Die letzten Worte, die er vor seinem Tod am 15. Oktober 1852 schreibt, lauten: „Deutsche Einigung war der Traum meiner Kindheit, das Morgenrot meiner Jugend, die Sonne meines reifen Alters. Sie ist jetzt der Abendstern, der mich zur ewigen Ruhe leitet.“ Die Einheit seines Landes sollte erst zwanzig Jahre später möglich werden, aber
er gehörte zu denjenigen, die zur Bildung einer gemeinschaftsgebundenen Seele beitrugen, ohne die es kein Volk geben kann.
Entsprechend war Guiseppe Mazzini vom Gedanken der italienischen Einheit besessen, und zwar zu einer Zeit, in der die Heilige Allianz alles daran setzte, um das Erstarken des nationalen Bewußtseins in Europa zu verhindern. Den Aktiven, die er um sich versammelt hatte, wiederholt er immer wieder: „Wir müssen ständig das wirksame Wort säen; dann werden wir zur Zeit der Ernte volle Speicher haben.“
Auch bei Nikolai Grundtvig war der Wille, ein Erwecker seines Volkes zu sein, die treibende Kraft all seiner Bemühungen. Den Schreibtisch kaum verlassend, übte er doch auf Volk und Zeit einen Einfluß aus, der einmal mehr zeigt, wie stark eine nachdrücklich vertretene Idee auf die Geschichte einwirken kann. Mit heftigen Worten fordert Grundtvig seine dänischen Landsleute auf, ein ihrer stolzen Vergangenheit angemessenes Schicksal fortzuführen: „Richte dich auf, herabgekommenes Volk / Verlasse den erniedrigenden Lagerplatz der Schlaffheit / Erhebe dich zum Himmel / Vergiß nicht, daß du von der kämpferischen Rasse des Nordens stammst / Daß du für die Tat geboren bist.“
Ebenso leidenschaftlich ist Sandor Petöfi, dessen kurzes Leben ganz auf das Erwachen seines ungarischen Vaterlandes gerichtet war: „Der Zorn meiner Jugend / Könnte er mich verlassen? / Nein, diese edle Leidenschaft / Bewohnt auf immer meine Seele.“
Solche Begeisterung kann Patrick Pearse sechzig Jahre später nachempfinden. Auch er ist ein überzeugter Vorkämpfer mit dem Willen zur beispielgebenden Tat. Auf die Bemerkung eines seiner Freunde, die Erhebung gegen die Engländer sei reiner Wahnsinn, antwortet er: „Millionen von Menschen, die noch nicht geboren sind, werden eines Tages in der Nation leben, die wir für sie bauen wollen.“ Diese Nation muß dazu aber vorerst im Geiste über die Zeiten gerettet werden. „Wenn das geistige Irland verschwindet“, stellt Pearse fest, „dann wird auch das wirkliche Irland sterben.“ Der Gesang des Dichters muß diese geistige Nation am Leben erhalten. Die Kultur trägt nämlich (so selbstverständlich dies ist, so oft wird es vergessen) die Wesenszüge eines Volkes in sich. Für sie muß in
erster Linie gekämpft werden; darin sind sich alle Volkserwecker einig.
Die ersten Texte des jungen Mazzini sind literarische Kritiken. In der Auseinandersetzung zwischen Klassikern und Romantikern erkennt er sofort die metapolitische Tragweite. Die Anhänger des Klassizismus sind auch die des an der Macht befindlichen Regimes, während Romantik und Nationalismus zusammengehören. Im Jahre 1829 gründet Mazzini die Vereinigung ›Kulturgesellschaft‹, die auf die Organisation einer Fahrbücherei abzielt. Mit der Verbreitung von Büchern und Zeitschriften will man den in vielen Ländern Europas brodelnden Ideen Austausch und Umlauf ermöglichen. Mazzini weiß sehr wohl, daß die italienische Idee die Werke der Historiker, Künstler und Romanschriftsteller durchzieht. Francesco Sanscris, Historiker des Risorgimento*, erkennt 1875: „Die Kultur war es, die die Einheit des Vaterlandes hervorbrachte.“ Als er auf dem Höhepunkt des politischen Kampfes steht, verweist Mazzini immer wieder auf den Vorrang des Kulturellen. „Wir halten eine neue Enzyklopädie für notwendig“, schreibt er. Und gerade zu der Zeit, da er die gesamte Jugend Europas zur Revolution aufruft, verfaßt er einen Aufsatz über die Philosophie der Musik, in dem die fast religiöse, später durch Wagner verwirklichte Bedeutung der Oper bereits zum Ausdruck kommt. Während seines Londoner Exils hat Mazzini folgerichtig mit Nachdruck darauf hingewirkt, daß eine Schule für die Kinder italienischer Flüchtlinge eröffnet wurde.
Das revolutionäre Leben des jungen Mickiewicz beginnt mit dem Schreiben von Gedichten. Als er zusammen mit einigen Gefährten eine Vereinigung aller Freunde der nützlichen Vergnügungen gründet (eine hinreichend harmlose Bezeichnung, um die Aufmerksamkeit der russischen Besatzer abzulenken), heißt es in den Aufnahmebedingungen für neue Mitglieder: „Die Verbundenheit mit der Heimat besteht darin, deine eigene Sprache zu lieben und zu lernen, sowie die Tugenden und Heldentaten der Ahnen in Erinnerung zu behalten, damit du ihnen nach Kräften und Fähigkeiten nachzueifern suchst.“ Dieses Bewußtsein der eigenen Wesensart durch die Verwurzelung bräftigt ein Band mit Versen, den Mickiewicz im Jahre 1823 veröffentlicht, Er erklärt selbst die Bedeutung des von ihm gewählten Titels: Dziady. „Die dziady bezeichnet ein Fest, das bis auf die heutige Zeit
von den Einwohnern bestimmter Gebiete Litauens, Preußens und Kurlands im Gedenken an die Vorfahren gefeiert wird. Der Ursprung dieses Festes kann bis in heidnische Zeiten zurückverfolgt werden; es hieß einst ›Festgelage des Bocks‹, dem der Koslatz, der zugleich Priester und Dichter ist, vorsteht. Da der aufgeklärte Klerus und die Grundbesitzer heute bestrebt sind, einen mit abergläubischen, oft tadelnswerten Handlungen verbundenen Brauch zu entwurzeln, begeht das Volk die dziady heimlich in Kapellen oder in verlassenen Bruchbuden, nahe an Friedhöfen. Gewöhnlich wird ein Festmahl gerichtet, das aus verschiedenen Speisen, Getränken und Früchten besteht, und man gedenkt der Seelen der Verstorbenen… Unsere dziady hat die Besonderheit, daß die heidnischen Riten mit den Auffassungen der christlichen Religion vermengt wurden, zumal das Totenfest in die Zeit dieser Feierlichkeiten fällt.“
Die russische Polizei erkennt schließlich die umstürzlerische Macht des kulturellen Kampfes und Mickiewicz wird mit mehreren seiner Freunde wegen Verbreitung „eines unmäßigen Nationalismus durch das Mittel des Lehrens“ verurteilt.

Die Verbannung der Freunde nach Sibirien beantwortet Mickiewicz mit der kulturellen Waffe des Gedichtes: „Die Seele des Liedes schweift auf den Gräbern / Und, zu gegebener Zeit, erweckt sie die Helden.“ Als Professor der slawischen Literaturen am Collège de France spricht Mickiewicz während seines Pariser Exils vor einem geschichtsbegeisterten Publikum; nach den Worten seines Freundes und Kollegen Jules Michelet tut er es
stets in dem Willen, neue Handlungsgrundsätze zu gewinnen, Seelen zu wecken, entschlossene Leute anzuspornen.
Als junger Dichter unternimmt Grundtvig eine Art Pilgerfahrt zur Insel Seeland, um Spuren der heidnischen Zeit zu suchen. Dort findet er den Anlaß für sein späteres Handeln. „An dieser Stelle, inmitten der Eichen I Wohnen die schlafenden Götter des Nordens / Tränen rinnen aus meinen Augen / Wenn ich bedenke, was hier ruht.“ Der Sohn eines Pastors, der selbst Pastor der Dänischen Evangelischen Kirche werden soll, fühlt
sich dazu berufen, dem dänischen Volk den Sinn für sein historisches Erbe wiederzugeben. Er übersetzt die alten Chroniken der Wikingerzeit in neuzeitliches Dänisch. Inder Folgezeit strebt er einen völlig neuen Schultyp an, durch den die künftigen Führungskräfte Dänemarks in Abkehr vom bisherigen akademisch-steifen Unterricht auf den hochstehen-
den Geist der skandinavischen Kultur ausgerichtet werden sollen. Grundtvig schreibt darüber: „Wir wollen keine Gelehrten hervorbringen, sondern lebendige Menschen, die eine ausschlaggebende Rolle im großen Befreiungskampf der Völker spielen können.
Unsere Schule soll der Kultur eines jeden Volkes dienen. Die Hauptfächer werden Geschichte und Literatur sein. Nur wenige Bürger kennen die Grundlagen des dänischen Staates. Sie müssen sie anhand unserer Quellen, unserer Bräuche, unserer Chroniken, unserer Volkslieder entdecken (…) Was ich ihnen beibringen bzw. vermitteln will, ist eine Lebensphilosophie, oder einfacher gesagt, eine Lebensart, ein Stil.“
Die erste Vorlesung, die Grundtvig am 20. Juni 1838 hält, trägt den Titel Die nordische Lebensauffassung. Und im Jahre 1844 leitet der ungewöhnliche Pastor seine Vorlesung vor Tausenden von Zuhörern mit den Worten ein: „Unsere Schule muß sich von der Erinnerung an den Gott Heimdall leiten lassen, der, um seinen Sitz am höchstmöglichen Ort zu haben, ihn auf dem Himmelsberg errichtet hat.“ Grundtvigs Volksschule, die zunächst allein den Bauern vorbehalten war, befand sich auf einem riesigen Hof.
Die Bauern kamen aus weitem Umkreis bei jedem Wetter zu Fuß dorthin. Es wurde ihnen von der Weltesche Yggdrasil, von Walhall und Ragnarök berichtet. Sie vermittelten dafür ihrerseits den Erziehern die in der Mitte des 19. Jahrhunderts noch lebendigen volkstümlichen Überlieferungen.
Es war eine echte kulturelle Revolution.
Eine kulturelle Revolution führte auch Jahn durch, indem er ein Erziehungssystem entwarf, das die körperliche Ertüchtigung ohne Einschränkung in seinen Ablauf mit einbezog und die Jugendlichen in unmittelbare Beziehung zur Natur brachte. Die Natur faßte Jahn als kosmischen Raum auf, in dem der Mensch einen Ausgleich findet und neue Kraft gewinnt. Körper und Geist sind ihm untrennbar. Was zählt, ist nicht eine Anhäufung von Kenntnissen, sondern die Prägung des Charakters. Jahn, der um eine Heranbildung künftiger Befreier des Vaterlandes bemüht war, konnte diese Idee gar nicht besser verwirklichen, als seine Turngemeinde in einer Landschaft der Seen, Wälder und Heideflächen zu gründen. Seine Richtsätze faßte er in der Schrift zusammen, die einen bedeutenden Markstein in der Geschichte der deutschen nationalen Bewegung bilden sollte (Deutsches Volkstum). „Es ist ein göttliches Gefühl,“ schreibt er, „daß man etwas kann, vorausgesetzt, daß man es will.“ Einer seiner Schüler äußerte später im gleichen Zusammenhang: „Wir müssen unsere innere Einheit wiederherstellen, Herz und Geist, Glauben und Vernunft, Seele und Leib, Menschen und Vaterland, Denken und Sprache vereinigen.“ In diesem Sinne wurden auch die ersten Burschenschaften aus den alten studentischen Korporationen gebildet. Mit seinem Beitrag zur Entstehung eines kulturell untermauerten Nationalismus hat Jahn im Europa der Aufklärung, das weitgehend vom Weltbürgertum
beherrscht wurde, ausgesprochen revolutionär gewirkt.
Geistesbildung und Leibeserziehung: dieses Ziel setzte sich auch Patrick Pearse. Vor allen Dingen dem englischen Besatzer zum Trotz die gälische Sprache retten! Darauf zielte die ›Gälische Liga‹ ab, der der junge Pearse ebenso wie einer Schwesterorganisation, der Gälischen Athletischen Vereinigung’, beitrat Sie bildete fraglos das ideale Gerüst, um die jungen Iren auf den Kampf gegen die Engländer vorzubereiten. Pearse erklärte am Vorabend der bewaffneten Erhebung Ostern 1916: „Die Geschichte wird der ›Gälischen Liga‹ den größten revolutionären Einfluß bescheinigen, den Irland jemals gekannt hat.“ In dem klaren Bewußtsein, was im kulturellen Bereich auf dem Spiele stand, gründete der noch nicht dreißigjährige Pearse ein College in der Nähe von Dublin. Aus diesem College gingen mehrere Generationen frischer Nationalisten hervor, die dort mehr eine Erziehung genossen denn einen Unterricht erhielten. „Zuerst der Charakter“, pflegte Pearse zu sagen, ohne zu wissen, daß er dabei einen Ausspruch Jahns übernahm. Jungen und Mädchen mußten vor allen Dingen erkennen, daß sie einem Volk angehörten, das eines Tages eine Nation werden wollte. Mythologie und Geschichte waren die beste Garantie für diese Bewußtwerdung. Mit ihrer Hilfe fanden die jungen Iren zu den eigenen Wurzeln zurück „Spricht man von Volk, von Nation,“ schreibt Pearse, „dann sind die Lebenden unkenntlich und kommen uns wie Fremde vor, wenn sie sich nicht in ihren Toten wiedererkennen, wenn Tote und Lebende nicht verwachsen sind.“
Durch die kulturelle Grundlagenarbeit wollte Pearse Irland zu seiner ureigenen Wesensart zurückführen. Er trug keine Bedenken, bei den einfachsten Bauern die Überreste einer Sprache zu sammeln, die er neu abfaßte und niederschrieb, damit sie die größtmögliche Verbreitung erlangen könnte. Der Dichter übt auch damit eine revolutionäre Tätigkeit aus: er bereitet die Menschen auf künftige Aufstände vor.
Genau dies vollbringt auch Petöfi, wenn er seine Gedichte (von bäuerlichen Überliefe-rungen beseelte Liebes- und Kriegslieder) in Ungarisch verfaßt; diese Sprache gewinnt dadurch ein literarisches Ansehen zurück, das bis dahin im geistigen Leben der Madjaren a!lein der deutschen und der lateinischen Sprache vorbehalten war. Petöfis Gedichte, die zum Gesang eines ganzen Volkes werden, gehen von Dorf zu Dorf. Auf den Straßen seines Landes umherziehend, erkennt Petöfi, daß die Berufung des Dichters darin besteht, die Seele seines Volkes zum Ausdruck zu bringen. Er sagt es selbst: „Mit dem Volk, nun vorwärts, Dichter / Alle vorwärts bei Feuer und Sturm!“ Denn, fügt er hinzu, die Verliebtheit in das eigene Ich ist eines Dichters unwürdig: „Die Welt hat dich nicht nötig / Wenn du nur besingen kannst I Deine eigenen Leiden, deine eigenen Freuden.“ Die revo-
lutionäre Bedeutung des kulturellen Werkes faßt Petöfi 1847 gegenüber einem befreundeten Dichter so zusammen: „Wenn das Volk aus der Poesie lebt, ist es jedenfalls fähig, eine lebensnahe Politik zu gestalten.“
Die Handlungen der Volkserwecker’ zeigen zunächst eine moralische, ja sogar religiöse Ausrichtung. »Das augenblickliche Problem besteht in der Notwendigkeit, die Moral wieder in die Politik einzugliedern“, äußert Mazzini gegenüber seinen ersten Gefährten, als er die Bewegung ›Junges Italien‹ gründet. Und am Ende seines ausschließlich dem Kampf gewid-
meten Lebens mahnt er seine letzten Getreuen: „Seid Apostel! Laßt euch nicht durch den Stolz auf die eigene Überlegenheit verführen (…) Vergeßt niemals, daß unsere Flagge vor allen Dingen das Symbol einer moralischen Erneuerung ist und daß die Wegbereiter jeder Erneuerung verpflichtet sind, diese selbst zu bezeugen (…) Steht zu eurem Glauben, zur Logik und Unerbittlichkeit eures Grundsatzes.“ Und schließlich, kurz vor seinem Tod: „Es gilt, die Tugend dort einzusetzen, wo heute die Korruption herrscht.“
Tugend ― dieses Wort, das im Sinne der römischen virtus aufzufassen ist, fließt häufig aus Mazzinis Feder. Er will seinem Land eine Seele geben.
Im Londoner Exil schreibt er: „Italien als solches hat keinerlei Bedeutung, wenn es nicht große und edle Taten zum Besten Aller vollbringen kann (…) Ich habe mein Land zur Einheit ermahnt, während die Schlauen ihm lediglich von Förderalismus sprachen. Es geht aber um moralische Einheit;
es ist die Seele der Nation, die ich herbeiwünsche. Ihr Körper ist nichts ohne sie.“ Er fügt hinzu: „Die Republik, die wir anstreben, wird nicht nur ein politisches Ereignis, sondern auch ein großer religiöser Aufbruch sein.“ Den Mitgliedern des ›Jungen Italien‹ wiederholt er unermüdlich:
„Die moralische Anwendung unserer Prinzipien ist von größter Bedeu-
tung (…) Unser Bund will ausschließlich erzieherisch wirken, bis zum Tage der Befreiung und darüber hinaus.“ Der Vorrang der moralischen Forderung bedingt seines Erachtens, daß der geistig Tätige den Dienst an der Sache des Volkes als einzige Berufung wahrnimmt, ohne auf Ruhm oder persönliche Vorteile bedacht zu sein. Als die Stadt Rom im Februar 1849 die Republik ausruf, und Mazzini zum Triumvir ernennt, arbeitet er Tag und Nacht am Aufbau dieses neuen, sich nur als kurzlebig erweisenden Staates, nimmt seine Mahlzeiten wie in der Untergrundzeit in einer Winkelkneipe ein und trägt weiter jenes schwarze Kleid, das er bereits in seiner Jugend anlegte, um das gedemütigte, unterworfene Italien zu betrauern.
Auch Mickiewicz sieht in der geistigen Erneuerung die einzige Rettung für das Land. Zu der Zeit, da Frankreich von einem louis-philippschen Bürgertum geführt wird, teilt er einem Freund mit, daß die polnische Bewegung „ein religiöses, moralisches Gepräge erhalten soll, ganz im Gegensatz zum plutokratischen Liberalismus der Franzosen“. Und: „Möglicherweise ist unsere Nation dazu berufen, den Völkern das Evangelium des Volkstums, der Moral, der Religion sowie die Verachtung der Staatshaushaltsplanung ― der alleinigen Grundlage der gegenwärtigen Politik ― zu predigen.“ Das Wort ›Moral‹ ist hier natürlich nicht in dem lebensfremden Sinn gemeint, der ihr gewöhnlich in der bürgerlichen Überlieferung zukommt. Es handelt sich vielmehr um eine heroische Moral. Pearse sagt es unumwunden: „Grundlage der nationalen Aktion muß die Moral sein. Es ist die Moral der Kraft und des Mutes; die Moral, die Völker dazu treibt, Geschichte zu machen.“
Ein echter Revolutionär kann demnach nur derjenige sein, der die Revolution in sich selbst zu führen beginnt, der tief genug in sich selbst eintauchen kann, um den alten Menschen abzustreifen. Mickiewicz versichert: „Glaubt nicht, daß der innere Kampf ein Zeitverlust ist,daß er für die Außenwelt unnütz sei. Von dem inneren Kampf und Sieg hängt die ganze äußere Kraft ab.“ Die von ihm gegründete Bewegung, die ›Gesellschaft der vereinigten Brüder‹, ist in erster Linie eine Glaubensgemeinschaft Er ist davon überzeugt, daß nur Mystiker eine neue Zeit herbeiführen können. Grundtvig sieht das genauso: Die größten Abenteuer finden zunächst im Inneren statt. Wer könnte sein Volk zu erwek-ken vermeinen, wenn er sich nicht zuvor selbst erweckte?
Man muß seine Ideen leben. Mazzini wiederholt es seinen Freunden ständig: „Nur durch die Tugend werden die Brüder des ›Jungen Italien‹ die Menge für ihren Glauben gewinnen können.“ Man muß die Idee verkörpern, muß Vorbild, Symbol sein. Nietzsche sagt über Mazzini:
„So greifen sie nach Philosophien der Moral, welche irgendeinen kategorischen Imperativ predigen, oder sie nehmen ein gutes Stück Religion in sich hinein, wie dies zum Beispiel Mazzini getan hat.
Weil sie wollen, daß ihnen unbedingt vertraut werde, haben sie zuerst nötig, daß sie sich selber unbedingt vertrauen, auf Grund irgendeines letzten indiskutablen und an sich erhabenen Gebotes, als dessen Diener und Werkzeuge sie sich fühlen und ausgeben möchten.“ (Die Fröhliche Wissenschaft, Erstes Buch, 5) Mazzini war in den Nationalismus eingetreten, wie man in einen geistlichen Orden eintritt.
Dieses gewissermaßen religiöse Hochgefühl haben alle Volkserwecker’ gekannt. Mickiewicz besingt den „Appell an das Heldentum, den höheren Willen, das unbegrenzte Opfer“. Entsprechend bekennt Pearse:
„Ich habe mich nie unterworfen / Ich habe mir eine größere Seele geformt / Als die der Herren meines Volkes / Und ich sage den Herren meines Volkes: Nehmt euch in Acht!“


Es ist nicht vernünftig, darauf zu warten, daß der Allmächtige die weltlichen Gesetze abschaffe, die uns einschränken. Nur Bewaffnete werden die Ketten zerbrechen, die uns von anderen Menschen geschmiedet worden sind. (Pearse)  Bronzefigurine eines keltischen Speerwerfers, Rom, 3. Jh. v.d.Z. (Staatliche Museen preußischer Kulturbesitz, Berlin)

Diese geistig gerüsteten Männer fassen die Rolle des Intellektuellen nur handlungsbezogen auf. Unbedingter Einsatz ist demnach selbstverständliche Pflicht, denn das tatenlose Denken ist bedeutungslos. Mazzini nennt eine der von ihm gegründeten Zeitschriften bezeichnenderweise: Denken und Handeln. Zum Handeln gehört zunächst die tägliche, bescheidene, unerläßliche Arbeit. Die Tätigkeit der ersten Zellen des ›Jungen Italien‹ im Marseiller Exil beschreibt Mazzini so:
„Wir hatten keine Arbeitsräume, waren Tag und Nacht in Arbeit vertieft, schrieben Briefe und Artikel, fragten Reisende aus, brachten Matrosen zueinander, falteten Drucksachen, banden Ballen fest, kurz: geistige Tätigkeit und Hilfsarbeiten wechselten einander ab.“
Grundtvig, der die herrschende kommerzielle Gesellschaftsform mit so tiefem Haß verfolgt, weil sie es ist, die seine Landsleute verdorben hat, faßt den Intellektuellen ausschließlich als Kämpfer auf. „Der Kampfgeist“, schreibt er, „ist mit dem Lebensgeist gleichbedeutend. Dort, wo kein Kampf ist, ist auch kein Leben.“ Pearse belehrt seine Schüler: „Ich werde die uralte Überzeugung entschlossen vertreten, daß es nichts Edleres als den Kampf gibt.“ In seinem Gedichtband Lieder vom Schlaf und Leiden drückt er die Wehmut des Dichters aus, der durch die harte Notwendigkeit der Tat um den stillen Genuß der Schönheit gebracht wird.
Er kommt aber zu dem Schluß, daß sich die Größe des Opfers aus der Geduld und Empfindlichkeit des Betroffenen ergibt. Zwangsläufig tritt nämlich früher oder später der Zeitpunkt ein, wo man die Feder gegen das Gewehr tauschen muß, um sich nicht selbst zu belügen. Ganz Dichter und Soldat sein zu wollen heißt, sich persönlich in den Dienst seiner Ideen zu stellen. Mazzini trägt sich als erster bei der Legion von Freiwilligen ein, die Garibaldi um sich sammelt. Auch Petöfi geht diesen Weg. In einem Abschiedsgedicht schreibt er seiner Frau: „Ich habe meine Laute gegen meinen Säbel getauscht I Dichter war ich, da bin ich nun Soldat.“ Im Feldlager kommt er noch dazu, einige Verse zu schreiben: „Ein Gedanke schmerzt mich: in einem Bett, zwischen Kopfkissen zu sterben / Gleich einer Blume langsam zu verwelken I Die ein Wurm zu Tode befällt.“ Hierbei handelt es sich nicht um schöne rhetorische Formeln, die bei Spießbürgern Eindruck schinden sollen. Petöfi fallt 1849 mit der Waffe in der Hand im Kampf gegen die Russen. Er war 26 Jahre alt. Und der von den Engländern im Alter von 37 Jahren hingerichtete Pearse schreibt kurz vor seinem Tode: „Wenn die Iren nicht frei sind, dann deshalb, weil sie nicht verdienen frei zu sein. Es ist nicht vernünftig, darauf zu warten, daß der Allmächtige die weltlichen Gesetze abschaffe, die uns einschränken. Nur Bewaffnete werden die Ketten zerbrechen, die uns von anderen bewaffneten Menschen geschmiedet worden sind.« Alle diese Männer sind sich der beispielhaften Bedeutung ihres Schicksals bewußt.
Sie erfüllen es gerade deshalb mit Freude. Sie haben ein für allemal und bei vollem Verstand ihre Person der Sache geopfert, der sie dienen.
„Ich richte meinen Blick“, schreibt Pearse, „auf diesen Weg vor mir / Auf die Handlung, die ich vollziehe, und den Tod, der mich erwartet.“ Und Mazzini: „Wir sind überzeugt, daß der Sache Italiens mehr durch unseren Tod geholfen wird als durch unser Leben. Italien wird erst leben, wenn die Italiener zu sterben lernen.“ Alle ›Erwecker der Völker‹ haben ihre Treue zum Mythos der Unbedingtheit teuer bezahlt: Gefängnis, Exil, Einsamkeit, Elend und, am Ende des Weges, der Tod ― ein Tod, der scheinbar den erfolg des Unternehmens kennzeichnet, dem sie sich mit Leib und Seele widmeten. (Wir sagen ›scheinbar‹, denn der ›Erfolg‹ des Überlebens aus Angst und Bequemlichkeit gibt den Vielen, die ihn für sich verbuchen, höchstens das Recht der Zahl, die sich jederzeit berechnen läßt.)
Am meisten prüft denn auch die Einsamkeit den Revolutionär. Von vielen ehemals Getreuen im Stich gelassen, bemerkt der im Exil lebende Mazzini: „Ich spüre jeden Tag mehr, wie mich die Öde und die Einsamkeit umgeben.“ Er wird vom Zweifel gequält. Sollte sein Leben letzten Endes nutzlos gewesen sein? Aber eines Tages „erwachte ich endlich mit ruhiger Seele… Und der erste Gedanke, der mir kam, war dieser: das Leben ist eine Sendung. Jede andere Erklärung ist falsch.“
Mißgeschick härtet ab. Jahn zog aus dieser Erfahrung den Schluß, daß dem Menschen genug Unglück gewünscht werden sollte, damit er erfolgreich zu kämpfen lerne, genug Widerwärtigkeiten, damit er sie mit edelmütiger Kraft erdulde, genug Schmerzen, damit er sich selbst durch und durch kennenleme. Die Schwierigkeiten stählen Menschen und Völker gleichermaßen. „Ohne Geburtswehen kann kein Volk zum Leben gelangen.“
Alle diese Männer erfuhren die Unterdrückung am eigenen Leib und lernten, daß sich im Leiden Entschlossenheit und Charakter festigen. Wer diese Schule des Lebens durchmacht, steht für immer entweder gebrochen oder abgehärtet da. In seiner Schrift Glauben und Zukunft macht Mazzini seine Anhänger mit ihrem Schicksal bekannt: „Allein sein und nicht verzweifeln.“ Hartnäckigkeit, Willensstärke, Kompromißlosigkeit (der Kompromiß ist ja nur eine Kompromittierung) sind die Eigenschaften, die den Revolutionär prägen. Und dafür sprach ihm Garibaldi seine Anerkennung aus: ,,Mazzini war der einsame Wächter des heiligen Feuers, er hielt allein Wache, während die anderen schliefen.“
Und was hinterließen uns die ›Volkserwecker‹, was ist die Frucht ihres Denkens und Handelns? Sie hinterließen das Wesentliche, den Mythos. Zu einem Zeitpunkt, da der irische Aufstand von 1916 bereits zum Scheitern verurteilt ist, äußert Pearse gegenüber seinen Gefährten: „Die Ehre Irlands ist bereits wiederhergestellt.“ Auch Jahn weiß, daß die Idee des Volkstums in Deutschland nunmehr ihren Weg gehen wird. Entsprechend Mickiewicz: Indem er die Erinnerung seines Volkes wachruft, stellt er es gewissermaßen auf den festen Boden einer inneren Landschaft, von dem aus alle äußeren Bewegungen erst möglich werden. Sein Landsmann Bandrowski schrieb später über Mickiewicz Epos Pan Tadeüz (Herr Thaddäus, deutsch 1898): „Es ist das Buch der polnischen Nation. Alles, was wir Polen über uns selbst wissen, alles, was wir nicht wissen, sondern vielmehr spüren als unseren eigenen Ausdruck, unseren Stil, unseren volkseigenen Trieb ― alles das ist in diesem Werk enthalten.“ Auch Grundtvig will das gemeinschaftliche Unbewußte seiner Landsleute erwecken: „Auf, meine Brüder, wir müssen handeln! / Gleich Vögeln, die dem Winter entgehen / Die Mythen leben in Thule wieder auf.“ Mazzini wiederum, der Rom zu seiner alten Größe zurückführen will, weiß um den ewigen römischen Mythos und wirft seinen Gegnern herausfordernd entgegen: „Die Steine Roms mögen euch für eine gewisse Zeit gehören, aber die Seele Roms, das sich in Rom regende Denken, ist allein unser ureigener Besitz.“ Die von diesen Denkern, diesen Volkserweckern des 19. Jahrhunderts erfüllte Pflicht müssen auch wir heute wahrnehmen, da unsere Berufung, unser wesentlicher Daseinsgrund der Kampf für die Sache der Völker ist. Wenn wir uns dabei (zur Be-
gründung unseres Handelns) auf die Theorie von Gramsci beziehen, so heißt dies, daß wir seine Auffassung von den ›organischen Intellektuellen‹ übernehmen und zu verkörpern suchen. Mit seiner Formel „weist Gramsci den Intellektuellen eine ganz bestimmte Rolle zu. Er verlangt von ihnen, daß sie den Kulturkrieg gewinnen.“ Dieser Auffassung zufolge ist die Aufgabe der Intellektuellen derjenigen einer Vorhut gleichzusetzen, die das revolutionäre Bewußtsein der Arbeiterklasse wecken und dann lenken soll, indem sie eine Umwertung der herrschenden Begriffe herbeiführt, ein neues Wertsystem aufstellt, das sich mittels der Kultur äußert.
Diese Führungsrolle beanspruchen nunmehr wir ― mit dem Unterschied allerdings, daß wir den Begriff ›Arbeiterklasse‹ durch den der Volksgemein-
schaft ersetzen: eine Volksgemeinschaft, die heute umgestaltet werden muß, da ihre Grundlagen von der kommerziellen Ideologie untergraben und zerstört wurden. Weiß doch diese Ideologie ganz genau, daß allein die gesunden Volksgemeinschaften ihre Weltherrschaftspläne und Gleichschaltungsabsichten ernsthaft gefährden können. (11)
Die heutige Aufgabe des organischen Intellektuellen, also unsere Aufgabe und Verpflichtung, ist meines Erachtens in den folgenden vier Leitsätzen umrissen:
1. Wir müssen von dem unmittelbaren politischen Tagesgeschehen Abstand nehmen. Wir dürfen uns nicht in die Künstlichkeit der berufspolitischen Spiele verstricken lassen. Wir weigern uns, in eine Wahlsituation hineingesteuert zu werden, die uns eine Entscheidung zwischen der Welt des Geschäfts und der christlich-marxistisch-humanitären Utopia aufzwingt.
2. Wir müssen ein Modell der Abkehr von der vorherrschenden Ideologie erarbeiten und in Umlauf bringen. Die gleichmacherische Ideenlehre ist ebenso in den Kreisen der jetzigen liberalen Mehrheit wie unter den früheren sozialistischen Regierenden als treibende Kraft zu verstehen. Liberalismus und Sozialdemokratie sind die beiden einander ergänzenden Seiten der gleichen wirtschaftsbetonten, auf reinen Nutzen ausgerichteten, materialistischen Weltanschauung, deren krankhafter Drang zur Verflachung den Menschen nurmehr als Quotient von Erzeugungs- und Verbrauchszahlen begreift. Unser Modell der Abkehr kann daher nur das Modell eines dritten Weges auf nationaler wie auf internationaler Ebene sein.
3. In der Welt des Tausches und der Täuschung müssen wir eine neue mythische Kraft schaffen, die als einzige dem Wirklichen seinen ihm gebührenden Rang zurückgeben kann. Vier Jahre später kam Regis Debray in seiner Critique de la raison politique zu dem gleichen Schluß, als er, in der Sprache Vilfredo Paretos, „die Wechselbeziehung zwischen der Lebenskraft der Meinungen und der Beständigkeit der Menschenaggregate“ unterstrich. Er sagte, mit anderen Worten, den Bankrott jedes Gesellschaftssystems voraus, das nicht durch eine mythische,ja eine rein religiöse Kraft unterstützt wäre. „Woher kommt es,“ fragt Debray, „daß die Menschen sich nicht auf Grund einer klaren, nachvollziehbaren Idee vereinigen, sondern viel eher in der Begeisterung für irrationale Wesenszüge zueinander finden?“ Und er antwortet folgerichtig: „In diesem Sinne hat Politik tatsächlich weniger mit Logik denn mit Emotion zu tun, und die Kraft einer Idee entspringt in erster Linie ihrem lyrischen Vermögen.“ Uns gebührt es demnach, das poetische Gefühl des 21. Jahrhunderts wachzurufen. Ich weiß auch, daß diese tief innere Bewegung einen guten alten Namen hat: sie heißt Heidentum.
4. Der letzte Leitsatz für organische Intellektuelle ist die Einsatzbereitschaft: jene umfassende Verpflichtung, die allein eine enge, dauerhafte, anspornende Verbindung zwischen Denken und Handeln ermöglicht. „Ohne revolutionäre Theorie“, sagte Lenin, „gibt es keine revolutionäre Aktion“. Zugleich betonte er aber die unumgängliche Notwendigkeit für den Intellektuellen, sich tatkräftig und kämpferisch einzusetzen; mit
einem Ausspruch Goethes gesagt: „Grau, teurer Freund, ist alle Theorie und grün des Lebens goldner Baum.“ Für uns ist der Intellektuelle nur im täglichen Einsatz, in der Tat ein wirklicher Kamerad, sonst verdient er nicht die Bezeichnung ›Intellektueller‹, sondern nur die eines Komödianten oder Schmarotzers.
Seit Jahren versuchen wir nun, diese vier Leitsätze zu verwirklichen.
Wir versuchen, organische Intellektuelle zu sein, und wir werden, ohne Rücksicht auf die Umschwünge des berufspolitischen Tagesgeschehens, den von uns eingeschlagenen Weg unnachgiebig
weiter gehen. Ich weiß nicht, was uns die Zukunft bescheren wird. Ich weiß aber, daß wir in jedem Falle darauf stolz sein werden, ohne Bedenken, ohne Kompromiß, ohne Lossagung gekämpft zu haben und damit einem uralten Leitspruch gefolgt zu sein: „Tue, was du sollst; mag kommen, was will!“

Uns gebührt es demnach, das poetische Gefühl des 21. Jahrhunderts wachzurufen. Ich weiß auch, daß diese tiefinnere Bewegung einen guten alten Namen hat: sie heißt Heidentum.
Links: Apollon auf seinem Wagen (Zeichnung von Giovanni Caselli)